Hetzgemeinde

„Meinten Sie: Netzgemeinde“ fragt Google, wenn man nach „Hetzgemeinde“ sucht. Und spuckt dann doch vor allem zwei Quellen aus: einen Meedia-Text von Stefan Winterbauer vor zwei Monaten und einen Sprachlog-Beitrag von Anatol Stefanowitsch gerade eben.

Beiden gemeinsam ist die direkte Ableitung vom Begriff Netzgemeinde. Bei Winterbauer ganz platt und direkt:

„Die Netzgemeinde ist leicht erregbar. Drückt man die richtigen Knöpfe, wird sie schnell zur Hetzgemeinde.“

So als gäbe es tatsächlich so etwas wie eine Netzgemeinde, und nicht nur eine mediale Wahrnehmung davon. Stefanowitsch hingegen hält Hetzgemeinde offenbar für genauso schräg wie Netzgemeinde und verwendet den Begriff gerade deshalb als Etikett für diejenigen, die sich die nicht existente Netzgemeinde als Gegner ausgesucht haben: die Contentindustrie.

Ich werfe euch bei meiner Antwort munter in einen Topf — Kunstproduzentinnen und Kunstverkäufer, Sänger, Schauspielerinnen, Autoren, Komponistinnen usw. Zum einen, weil ihr das selbst tut — euch zu einer undifferenzierten „Hetzgemeinde“ zusammenschließt, und zum anderen, weil ihr mir ja sowieso nicht zuhört, sodass meine Motivation zu differenzierter Analyse gegen Null läuft.

Womit also mit „Hetzgemeinde“ einmal die eine und einmal die andere Seite im derzeit mal wieder tobenden Konflikt um die Kostenloskultur und das geistige Eigentum gemeint wäre (wer die aktuellen Wogen der Empörung verstehen will, lese am besten den vermutlich dümmsten Handelsblatt-Artikel dieses Jahrzehnts und Thomas Knüwers Erwiderung dazu, und gerne auch noch den Grund, warum ich persönlich sehr ungnädig darauf reagiere, dass Content-Industrielle den Slogan „Mein Kopf gehört mir“ kapern wollen). Aber dass Hetzgemeinde mal die eine, mal die andere Konfliktpartei meint, je nach eigenem Standpunkt, ist ja nicht so sehr ein Problem des Begriffs als vielmehr die Lösung.

Hetze ist etwas, wovon man sich betroffen fühlt, worunter man leidet, und das setzt nun mal Gegnerschaft voraus – stünde man auf der anderen Seite, würde man in der gleichen Situation eher von Empörung, Wut oder Fun reden. Und Gemeinde bezeichnet eine relativ eng zusammen stehende Gruppe von Menschen (unabhängig davon, ob es sich um eine dörfliche oder um eine religiöse Gemeinde handelt), die in ihrer Enge nach innen Geborgenheit vermittelt, nach außen hingegen Beschränkung.

Zusammengefasst meint Hetzgemeinde also: Da draußen sind Leute, die haben sich gegen mich (und meinesgleichen) verschworen und wollen uns fertig machen. Bisher hatte man für dieses Gefühl nur die Begriffe Mob (allenfalls mal Möbchen) oder Presse (als Meute oder gleichgeschaltet). Presse allerdings löst sich gerade als Branche auf, und ist dann auch als Begriff nicht mehr so sinnvoll – jeder von uns ist gleichzeitig Sender und Empfänger von Botschaften, jeder kann massenmediale Wirkung erreichen, ob die eigene Botschaft dafür auf Papier gedruckt wird, spielt eine immer geringere Rolle. Also freuen wir uns doch darauf, dass in Zukunft die Hetzgemeinde die Meuterolle übernimmt.

Kommentare (3)

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  1. @Geoman: Wenn Sie als Edeltroll gelten wollen, sollten Sie sich übrigens auch als solcher benehmen. Verstehen Sie dies bitte als erste und letzte Aufforderung zu sachlicher Auseinandersetzung.

  2. Da ich bei Anatol Stefanowitsch immer noch wegen folgendem völlig seriös recherchiertem Beitrag

    http://www.kritische-naturgeschichte.de/Seiten/uebergroessen.html#sprachnoergler

    wohl lebenslänglich als Troll oder Edeltroll gesperrt bin, hier mein Kommentar zu seinem offenen Brief an die Content-Industrie:

    Wieder einmal so ein Low Budget Publicity-Blogpost mit einer garantiert hohen Anzahl von Trackbacks (Nebenan auf SciLogs hat A.S. …).

    So sieht für mich die vorausschauend provozierte und in gegenseitiger Selbstbefriedigung endende Zukunft der wissenschaftlichen Blogkultur aus.

  3. In „Hetzgemeinde“ sind auch die Buchstaben e m d e n enthalten.
    Allerdings ebenso schon in Gemeinde.

    Frohe Ostern allerseits.