zerfreundet

Wolf Biermann über Günter Grass:

Keinem wird in diesem Land die Meinung verboten. Einem Nobelpreisträger wie Grass schon gar nicht. Er muss nicht darum kämpfen, dass ihm kein Maulkorb vor das Gebiss gelegt wird, sondern darum, dass etwas aus seinem Mund kommt, dass sich lohnt, gesagt zu werden. Da hat er genug zu tun.

Dieses Biermann-Zitat ist nicht von heute, sondern von vor elfeinhalb Jahren. Von heute hingegen ist unter anderem:

Wenn dem Künstler keine originellen Ideen mehr kommen, versucht mancher sich an einem künstlichen Tabubruch wie Grass.

Biermann hat es sich nicht einfach gemacht mit Grass‘ Israel-Gedicht (er nennt es, sehr schön, „Gedacht“). Was zum einen daran liegt, dass er Grass einen Teil seines Weltruhms verdankt (wie von Biermann selbst vor ebenfalls elfeinhalb Jahren im Spiegel verraten); und zum anderen daran, dass er sich mit ihm „zerfreundet“ fühlt. Ein Wort, das bislang nur von Wolf Biermann selbst benutzt wird, von diesem aber ziemlich häufig, und nicht nur mit Bezug auf Günter Grass, sondern auch auf Heinrich Böll, Günter Wallraff, Ronald Paris oder Stefan Heym. Da ist etwas zwischen Menschen getreten, die befreundet waren, und eigentlich auch weiter befreundet sein sollten, aber das nicht mehr schaffen. Vielleicht weil keiner den ersten Schritt macht, vielleicht weil das Etwas zwischen ihnen zu groß ist, vielleicht weil es ihnen für ihre Produktivität nutzt, miteinander zerfreundet zu sein.

„zerfreundet“ passt zu Biermann. Aber es passt nicht nur zu ihm. Gehen Sie ihn sich, ob Sie auch solche zerfreundeten Beziehungen haben. Vermutlich ja – mir zumindest fallen zwei ganz spontan ein, über die so offen wie Biermann zu schreiben mir allerdings nicht gegeben ist. Wobei ich denn doch vermute, dass auch bei ihm mehr dahinter steckte, als er 2001 der „Welt am Sonntag“ bekannte:

Als Deutschland zerrissen war, waren wir alle befreundet. Jetzt wächst Deutschland zusammen, und wir so genannten Intellektuellen kippen auseinander.
WamS: Nirgends wurde das deutlicher als im Golfkrieg.
Da ging es ja auch an die Substanz. Wie auch heute wieder. Klar: Für den Frieden sind wir alle. Aber wenn es dann um das Wie geht, schließen sich die Menschen gegenseitig aus der Menschheit aus, und es entsteht die von Hölderlin besungene stumme, kalte Zwietracht.

Zerfreundungen kann man heilen. Zum Beispiel, indem man nicht übereinander schreibt, sondern miteinander redet.

Zugegeben: Mir fehlt das gemeinsame Gespräch.

sagte Wolf Biermann im Jahr 2001 über sein Verhältnis zu Günter Grass. Es fehlt nicht nur ihm. Ein Gespräch zwischen Wolf Biermann und Günter Grass würde auch ich mir sehr sehr sehr wünschen. Es würde nicht nur den beiden helfen, sondern vermutlich uns allen.

 

Kommentare (8)

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  2. Ein wirklich schönes Wort, dieses „entfreundet“. Es entschädigt mich für etliche recht unschöne Biermann-Sätze, die mir zu Ohren gekommen sind. Vielleicht, dass ich es erstrebenswert fände, mit B. befreundet zu sein, wenn der Mann bei Einwortsätzen bliebe.

    Und: Ja, in der Tat, das schöne Wort zerfreundet passt nicht nur zum Wolf. Es passt wohl auch zu mir. Allerdings nicht als Adjektiv. (Adjektive mag ich nicht. Sie transportieren fast immer Emotionen, die nicht meine eigenen sind, und die eher dem Ent- als dem Befreundetsein Vorschub leisten.) Ich würde wohl eher ein passives Verb bilden daraus. (Bin schließlich kein Mann und muss nicht aktiv wirken.) Ich wurde zerfreundet, möchte ich behaupten. Und nun warte ich darauf, dass ich aufhören kann zu schreiben, weil die Gegenseite sich aufrafft und vorbei kommt. Live und in Farbe. Zum Reden. Vielleicht geht es Grass und Biermann ja ähnlich. Bliebe nur noch zu klären, wer die Pflicht hat, aufs Rad oder in die Bahn zu steigen…

  3. De Winters Tirade?
    „Der Günter konnt‘ sich nicht bezwingen,
    die alte deutsche Wahrheit sollt erklingen:
    Die Juden sind an allem schuld! (…)“

    Mit keinem einzigen Wort, mit keiner einzigen Idee hat Grass ein Gedicht gegen „Juden“ geschrieben. Keiner der Schreiberlinge hat die derzeitigen Erstschläger in der gewaltig rechten Regierungskoalition Israels angesprochen. Warum die nicht hinhören wollen und sich hinter das genannte „Israel“ als „Selbst- oder Kampf-„Juden“ verstecken, ist der atomaren und nationalen Narretei dümmster Fall. –
    Ich weiß, der Begriff „Schutzjude“ ist NS-Teufelei. Aber in den hier in kaum drei Wochen publizierten Fallen-Ausfällen sind aus der Mitte der Gesellschaft „Selbstschutz-Juden“ am Schreibwerk.

    Dass diese fortlaufend schreienden „Juden“-Vermeintlinge auch Press-Kotzlinge sind, ist wohl die Erkenntnis des Jahres 2012. (Wann ist Abhilfe in den Unwörtern möglich?)

    Also: Statt in tyrannos… in personam Grass!
    Jeder der seichenden Schreiber – bisher fiel mir keine einzige Autorin in diesem Schmutzfeld auf! – pickelt und pinkelt und prustet und puckelt sich seine eigene Psü-, pardon: Psychologie zu recht: Männers, in der Kraftbrühe ihrer Brötchenschmierer-Jahre!

    Selten ist in Deutschland so rapide, so geistsüchtig, so widersprüchlich – so dumm geschrieben, verkündet, verartikelt worden, wie es angeblich so ungehindert, so kristallklar-erhaben nötig war, nachdem Günther Grass sein simples Gedicht veröffentlicht hat.
    Alle sonst zitierfähig-ehrbaren Alten (Joffe, Naumann, Schirrmacher…) haben das zentral von GG genannte Problem der Atomkraftmeierei der israelischen Duetts Netanjahu und Barak – nicht geschafft haben, in fünfzig Jahren auf eine Friedens-, gar Freundschaftspflicht in Nahost zwischen den Großvölkern hinzuarbeiten (wie es in Europa mit der Auflösung von Ost- und West-Atomarfeindschaft gelang), nicht gelang, Menschen und Völker nach UNO-Leitlinien zu stabilisieren – alles hat eine Generation von deutschenden Schreiberlingen nicht benannt, nicht erarbeitet, nicht erreicht – das Kartell flog auf; sie fahren ihre Schreiberhaut aus – und kriechen unter einen atomaren Schutzschirm.

    Hat es solch lärmendes Ver-Sagen schon in Deutschlands Feuchtillion schon gegeben? Ja – vor 1933!

    So endete vorerst
    die Epoche
    unseres in Europa erfolgreich befriedenden Geistes.
    U n s e r e r Geschichte,
    die euphorisch und meliorativ
    Aufklärung und Kommunikation
    genannt wurde.

    Eine z e r f r e u n d e t e Sippe von Geistigkeiten?
    Viele haben sich
    unterjocht
    einer fernab bedrohlichen
    Verkettung,
    der KERNung
    als stille Post:
    Uns
    wird’s
    nicht
    treffen.
    Jau – wir kennen Ursache & Wirkung –
    Auch wenn nix
    mehr zu hören ist.

    Wann erblicken,
    gar schreien oder schreiben sie:
    „Guten Tag, ihr Lieben –
    Darf ich dich küssen,
    darf ich den wirklichen Körper
    eurer Völker umarmen?“

  4. Danke! Hab’s kapiert.
    Ja, Reden hilft bei Konflikten, Dichten eher nicht.
    Dass ich nun in ein Reimschema falle ist bloß Gerücht. 😉

    In der Tat ist Leon de Winters Stück schwer erträglich, ich denke, poetisch ist selbst Grass‘ Gedicht besser. Reich-Ranicki hat auf einen wichtigen Umstand hingewiesen: Man solle aus Grass‘ Gedicht nicht herauslesen, dass Grass Antisemit sei, sondern dass es einen beängstigenden antisemitischen Diskurs gebe. Es geht dem Literaturkritiker dabei gar nicht um Grass‘ Position, sondern um das, was sie über den gesellschaftlichen Rahmen aussagt, in dem das Gedicht entstanden ist und rezipiert wird. Wenn man das auf de Winter anwendet, dann wird einem (mir jedenfalls) Angst und Bange.

    Ich sage mal, dass in den letzten Tagen die Gedichtproduktion rasant angestiegen ist. Das kann man – unabhängig vom Inhalt – als erfreulich, zumindest aber als interessant bezeichnen. Ich habe mich selbst auch zum Dichten berufen gefühlt und daher gedichtliche Auseinandersetzungen, die mir auffielen, aufmerksam registriert. Hier Links zu Grass-inspirierten-Gedichten:
    http://erbloggtes.wordpress.com/2012/04/04/weltgeschichten-in-gedichten-4/
    http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.com/2012/04/05/grass-gedicht/
    http://www.jewdyssee.com/2012/04/04/da-wachst-grass-nicht-druber-muss-auch-mal-gesagt-werden/ (Kommentar 04)
    http://pastebin.com/rZ3ivMEK (anderes Thema, interessante Umsetzung)

  5. @Erbloggtes: Ich versuch mal ne Erklärung.
    Das 3. Reich und die Wiedervereinigung sind die zwei zentralen historischen Daten des vergangenen Jahrhunderts für das deutsche Selbstverständnis, und an beiden Themen haben sich Grass und Biermann auf herausragende Weise abgearbeitet; mit sehr unterschiedlichen Positionen und ohne wirkliche Lösungen zu finden. Noch könnten sie miteinander darüber streiten, und unabhängig davon, ob sie sich dabei annähern, würden wir alle uns unserem Land annähern können.

  6. Danke, Zyklop, für dieses Gedicht. Bislang von allen durch das Grass-Gedacht angeregten (mir bekannten) lyrischen Erzeugnisses das beste.
    Das schlechteste ist übrigens nicht mehr das von Benjamin Netanjahu, sondern das von Leon de Winter: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106162707/Der-Guenter-schenkt-den-Juden-ein-Gedicht.html

  7. „Ostergang“

    Ein Ostermarsch ist nicht mein Ding,
    weshalb ich nur spazieren ging.
    Marschieren muss das Militär,
    der Pazifist liebts nicht so sehr.

    Mit wenig Tinte noch im Fass
    schrieb jetzt der Dichter Günter Grass.
    Für Kritiker ein schöner Fraß,
    bei dem sie (sich) nicht lange weilen.
    Sie merken an:
    „Er bricht die Zeilen
    um an jedem Tag
    und jeder Stelle,
    wie er mag!“

    Viel Schreiber wünschen ihn zur Hölle
    oder dass er als Geselle
    der boethischen Fraktion
    die Klappe hält. Ein rauer Ton
    schrillt durch den deutschen Blätterwald
    und manche wichtige Gestalt
    schreibt Zeilen voller Wortgewalt.

    Was immer die Experten sagen,
    als schlichter Geist hab ich noch Fragen.
    Sind U-Boote nur Zweitschlagwaffen,
    sind Dichter denn nur eitle Affen,
    wenn sie die Angst in Wort kleiden?
    Sie wollen doch nur Krieg vermeiden.

    Was heute fehlt sind Diplomaten,
    die mit Worten statt Granaten
    bei dem Ausgleich von Intressen
    mit Noten ihre Künste messen.
    Die den Clausewitz verlachen,
    und es endlich besser machen
    als die Herren Generäle,
    die im Hintergrund Befehle
    schreiben oder nur diktieren,
    und den Überblick verlieren
    wenn sie ihre Opfer zählen
    – und sich niemals selber quälen.

  8. Nur so ist allen, Biermann und Grass,
    mehr noch, allen Menschen, die in dieser
    vom Wahn okkupierten Welt
    dicht bei dicht zerfreundet leben
    und letztlich auch uns zu helfen.

    Ich setze zwar meine Hoffnungen nicht auf ein Gespräch zwischen Biermann und Grass (was mir das bringen soll, müssten Sie mir erst erklären). Aber das Miteinander-Reden ist ein gutes Konzept.