Flausch

Ein uraltes Wort, dieser Flausch. Laut Duden. Für einen Stoff:

dicker, weicher Wollstoff mit gerauter Oberfläche

Aber so meint es die AG Flausch der Piratenpartei natürlich nicht. Eher so immateriell, wenn man ihrer eigenen Flausch-Definition folgt:

„Harmonie und yeah“

Harmonie
Liebe
Fürsorge
MITeinander arbeiten, nicht GEGENeinander
Gelassenheit
Entspannung

Das ist zwar keine Definition, schon gar keine eindeutige, und auch das mit dem Immateriellen stimmt nicht immer so ganz, wie das Bällebad auf dem Piraten-Parteitag in Neumünster zeigte, aber das irgendwie Offen-unkonkrete kennt man ja von den Piraten auch sonst. Verwendet wird das Substantiv „Flausch“ bislang in erster Linie als Dankes- oder Trostwort, wie in:

Extra #Flausch an alle #Piraten die an Infoständen im Regen stehen.

beziehungsweise

lass dich nicht vom Troll ärgern! #Flausch?

In der jüngsten Zeit kommen aber verstärkt auch andere Verwendungen wie Lob oder Glückwunsch hinzu.

Irgendwo zwischen dem alten Duden und der neuen Piratenpartei ist da bekanntlich etwas passiert – wobei meines Wissens die Geschichte, die uns vom alten zum neuen Flausch geführt hat, noch nicht wirklich aufgearbeitet ist. Wozu ich (auf der Vorarbeit von antiprodukt aufbauend) gerne einen Beitrag leiste.  (nachdem schon mein Beitrag zum Flauschstorm aus dem vergangenen Dezember im Flausch-Wiki unter dem Begriff Flauschentstehung verlinkt ist, was er nun wirklich nicht leisten kann).

Nach meiner sprachwissenschaftlich wie immer völlig unmaßgeblichen Meinung ist der Übergang vom materiellen Stoff-Flausch zum immateriellen Piraten-Flausch dem Wirken dreier Personen zu verdanken: Stefan Niggemeier, Erika Fuchs und Anatol Stefanowitsch.

1. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier betreibt ein viel gelesenes Blog, das eine eigene Rubrik Flauschcontent enthält. Wichtigster Bestandteil dieser Rubrik ist die inzwischen auf 40 Teile angewachsene Serie „Flausch am Sonntag“, begonnen am 5. Juli 2009. Wobei in dieser Rubrik vorwiegend Hardware-Flausch vorkommt, also flauschige Tiere wie Schafe oder Hunde sowie flauschige Produkte wie Teddybären oder Muppets. Dies allerdings jeweils in ebenfalls flauschigem Ambiente, wie auch der Namen „Flausch am Sonntag“ – etwas Nettes, Entspannendes, wenn dem Hausherrn mal gerade danach ist.

2. Die Übersetzerin Erika Fuchs hat in jahrzehntelanger Arbeit als Übersetzerin und Chefredakteurin der deutschen Micky-Maus-Hefte die Verbform des Inflektivs in Deutschland popularisiert, die deshalb manchmal sogar „Erikativ“ genannt wird: das Verb ohne Infinitiv-Endung als Ausdruck von Geräuschen, Gesten oder Aktionen (krächz, grins, flitz etc.). Als an die Comic-Sprache angelehnter Jargon ist der Erikativ schon lange gebräuchlich, in Chats sowie bei Twitter ist er auch darüber hinaus seiner Kürze wegen beliebt. Der Erikativ „flausch“ zum Verb flauschen wurde in diesen Medien wohl auch deshalb populär, weil es anders als die meisten anderen Zuwendung ausdrückenden Verben (etwa umarm, drück, knuddel) völlig asexuell ist.

3. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat bei seiner Erfindung des Flauschstorms offenbar auch diese Inflektiv-Variante im Kopf gehabt. Seine Aufforderung, Menschen „einen Tag lang aufrichtig und vor allem ironiefrei liebe Dinge zu sagen, ihnen zu sagen, was sie alles gut und richtig machen, sie ganz allgemein mit Lob und verbalen Knuddeleinheiten zu überschütten“, ist die Aufforderung zu einer Tätigkeit, eben dem Sagen netter Dinge, und weist damit auf eine verbliche Bedeutung hin. Ein hemmungsloses Verschleudern von „Flausch“ als Ersatz für „Danke“ dürfte er wohl nicht gemeint haben.

Aber genau so ist dann gekommen. Denn mit der Parallel-Setzung von „Shit“ (wie in Shitstorm) und „Flausch“ (wie in Flauschstorm) hat er wohl den letzten Anstoß gegeben, um dem Twitter-Inflektiv flausch ein Twitter-Substantiv Flausch zur Seite zu stellen. Und wenn das mit den Piraten noch eine Weile so weiter geht, wird aus dem Twitter-Substantiv Flausch auch eines Tages ein Duden-Substantiv werden.

Und wir können sagen, wir seien bei der Flauschwerdung dabeigewesen. #Hach

Kommentare (10)

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  1. Die erste intensive Verwendung des „Flauschs“ als Trost, Geschenk oder anderweitige liebevolle virtuelle Zuwendung kann bereits im Jahr 2005 nachgewiesen werden.

    Dort entwickelte sich auf der Online-Plattform http://www.metalflirt.de eine ausgewiesene „Flauschkultur“, die insbesondere bei den aktiven Forums- und Chat-Nutzern sehr großen Anklang fand und sich schnell verbreitete.

    Ein Aktions-Claim der aktiven Flausch-Verwender, um den Flausch in der Metal-Subkultur zu verbreiten und mehr Aktivisten für die Bewegung zu gewinnen, lautete zum Beispiel: „I WANT YOU FOR FLAUSCH SUPPORT“.

    Weiterhin entwickelte sich aus dem harten Kern der ersten Flausch-Verwender recht schnell die „official flausch support crew“, mit dem Hauptziel anderen Usern auf der Plattform den online Aufenthalt flauschiger und damit auch das reale Leben schöner, liebevoller und angenehmer zu gestalten.

    Die Verwendung des „Flauschs“ als Stilmittel kann dabei gegebenenfalls auch als bewusster Einsatz eines weichen, sanften und liebevollen Kontrapunkts zu der ansonsten eher harten und brachialen „Metal-Welt“ gesehen werden.

    Interessant bei der Betrachtung der Flauschverbreitung ist dabei die bereits sehr früh äußerst integrativ und vorausschauend angelegt Strategie der Aktivisten.
    Für die besonders harten Black-Metaller wurde zum Beispiel bewusst mit dem Slogan „Flauschen ist Krieg!“ (http://www.dein-touristik.net/images/cms/big_hamster_krieg.jpg) als Analogie zu „Metal ist Krieg!“ oder auch der damals bereits sehr bekannten humoristischen Auslegung „Hamster sind Krieg!“ gearbeitet, um auch den extremsten Strömungen innerhalb der Szene einen möglichst barrierearmen Zugang zur neuen Flauschkultur zu ermöglichen.

    Die ersten Mitglieder dieser Bewegung waren an ihrer offiziellen Forums-Signatur „founder member of the flausch support crew“ unter ihren Beiträgen deutlich erkennbar.

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  10. Der Ausdruck „(warm) fuzzies“ ist schon länger auf englischsprachigen Foren gebräuchlich, mit ähnlicher Bedeutung wie „Flausch“. Vgl. a. http://www.urbandictionary.com/define.php?term=warm+fuzzies

    A.