Archive for Juli, 2012

27.07.2012 von Detlef Guertler
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Zeichentrickfilmsynchronstimmenwirklichkeitsentfremdung

von Detlef Guertler

“Mr. Hammel sucht wortistische Hilfe”, schreibt Wortistik-Leser “bosso73″, und verweist auf das Corpus Delicti: einen Amerikaner, der ein neues Wort sucht, aber in seiner eigenen Sprache nicht findet, und deshalb ins Deutsche ausweicht.

Aber die Aufgabe ist ja auch schwierig:

We must invent a word for ‘the eerie feeling which arises from seeing real humans producing the voices of well-known animated characters or voice-dubbed movie stars.’

schreibt Andrew Hammel im Kommentar zum Interview eines Simpson-Sprechers, und gibt dann sofort zu, dass dem Englischen für die Beschreibung solcher komplexen Gefühle enge Grenzen gesetzt sind – da muss man eben viele Wort machen, um das zu beschreiben. Ganz anders eben das Deutsche, aus dem sich Hammel dann auch seinen Vorschlag holt: die Zeichentrickfilmsynchronstimmenwirklichkeitsentfremdung.

Und in der Tat: Dieses völlig korrekt gebildete Wort kann durchaus das Gefühl beschreiben, das der Autor in ein Wort gekleidet haben möchte. Hut ab vor dieser… weiter lesen

26.07.2012 von Detlef Guertler
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Wünschi

von Detlef Guertler

Eigentlich wollte ich ja den gefühlten Piratenhäuptling Berlins, Christopher Lauer also, für dieses Neuwort loben. Denn

Woah ey, meine Biografie wird dann „Machis vs. Wünschis“ heißen.

hat er gerade geschrieben. Und Wünschi gefällt mir richtig gut, nicht nur als Beschreibung des Wolkenkuckucksflügels der Piraten, sondern auch für alle übrigen Träumer und Irrealisten, die meinen, dass das mit der Verbesserung von Welt, Gesundheit oder Laune so geht wie mit der guten Fee im Märchen. Womit immerhin so unterschiedliche Menschenschläge wie Homöopathen, Freigeldfreunde und die Gesamtheit der spanischen Finanzanalysten unter einen Hut zu bringen wären. Alles Wünschis.

Aber dann habe ich festgestellt, dass der Wünschi ja schon weit vor Lauers Bontuit (neudeutsch für ein getweetetes Bonmot) in der Piratenszene verbreitet war. Zu Maybritt Illner hat er es im April schon genauso gebracht wie zu Magnus Göller, und davor muss er auch schon eine Weile kursiert haben.… weiter lesen

19.07.2012 von Detlef Guertler
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Kapitalflucht-Indikator

von Detlef Guertler

Kennen Sie noch das gute alte Fernseh-Quiz Jeopardy? In Deutschland in den 90ern fünf Jahre von Frank Elstner auf RTL moderiert, hatte es eine gewisse Ähnlichkeit mit der noch viel älteren “Multivisionswand” aus Wim Thoelkes Quiz Der Große Preis – mit dem Unterschied, dass man bei Jeopardy nicht auf Fragen antworten musste, sondern zu vorgegebenen Antworten die Fragen finden musste. Zum Beispiel:

Vorgegebene Antwort: Das Element mit der Kernladungszahl 3

Gesuchte Frage: Was ist Lithium?

Und das spielen wir jetzt mit diesem neuen Wort:

Vorgegebene Antwort: Der Kapitalflucht-Indikator in der Eurozone

Gesuchte Frage: Was ist Target2?

Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger, sind diese Salden des Zahlungsverkehrs innerhalb der Eurozone. Nach anderthalb Jahren, in denen uns Professor Unrat alle möglichen Horror-Storys über Target2 aufgetischt hat (die schlimmste war wohl, dass die Südis auf diese Weise die Bundesbank davon abhalten, wackere deutsche Unternehmen mit… weiter lesen

18.07.2012 von Detlef Guertler
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Bedarfsethik

von Detlef Guertler

So haben wir nun also wieder den klassischen Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Die Antwort der Politik auf solche Konflikte ist allerdings üblicherweise die “Bedarfsethik”. Es wird die Ethik dem Bedarf angepasst.

So kommentierte gestern Wortistik-Leser polyphem einen Kommentar zu seinem eigenen Wortvorschlag Schnittstorm. Ein “glänzender Fund”, befand Christian Dombrowski; eine schöne Idee, findet auch der Wortist. Wenn es sich auch natürlich bei der Bedarfsethik um keine reine Politiker-Verhaltensweise handelt. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als Kriegsdienstverweigerer sich einer Gewissensprüfung unterziehen mussten. Als Verweigerer anerkannt wurde man nur als Gesinnungsethiker (“Ich würde niemals einen Menschen töten!”), nicht als Verantwortungsethiker (“Ich lehne es ab, Menschen zu töten, aber unter bestimmten Umständen würde ich es trotzdem tun”). Ganz egal, wie man selbst darüber denkt, für die Verhandlung legte man sich natürlich eine passende Gesinnungsethik zu – eine Bedarfsethik also.

Die noch nicht von den Philosophen usurpierte Bedarfsethik darf… weiter lesen

16.07.2012 von Detlef Guertler
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Schnittstorm

von Detlef Guertler

von polyphem:

Mit Erstaunen verfolge ich die Diskussion zu dem Kölner Urteil, das Beschneidung schutzbefohlener Minderjähriger als Körperverletzung bezeichnet.

Am Recht, volljähriger oder religionsmündiger Bürger, mit ihrem Körper zu machen, was sie möchten, will ich nicht rütteln. Aber mit Unverständnis nehme ich zur Kenntnis, dass viele, zu viele führende deutsche Politiker, Medienfürsten, Ärztekammerpräsidenten usw., usw. meinen, es müsse ein Sondergesetz her, das den Verstoß gegen die körperliche Unversehrtheit, wie sie im Grundgesetz garantiert ist, außer Strafe stellt. Religiöse Traditionen dürften nicht in Frage gestellt werden, heißt es allenthalben. Sogar der Gesundheitsminister (sic!) beteiligt sich an dem Gezerre und erwägt, eine Lösung über das Patientenrecht herbeizuführen.

Erschreckend, wie viele unsinnige Vergleiche, vom Kopftuchgebot über Sehächtung usw. da benutzt werden, um den “kleinen Schnitt”, der allerdings nicht rückgängig gemacht werden kann, zu relativieren. Da beschäftigt sich die Wissenschaft mittlerweile mit pränatalen Traumata und kommt zur Erkenntnis, dass solche durchaus das spätere Leben… weiter lesen

09.07.2012 von Detlef Guertler
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Wutökonom

von Detlef Guertler

“Erleben wir in diesen Tagen nach dem Aufstieg der Wutbürger nun den Siegeszug der Wutökonomen?”, fragt sich und uns Olaf Storbeck, London-Korrespondent des Handelsblatts, unter Bezugnahme auf den auch hier bereits fassungslos kommentierten Aufruf von 172 deutschen Ökonomen gegen eine Begleichung aller südeuropäischen Bankschulden durch deutsche Spargroschen. Es lohnt sich bekanntlich weiterhin nicht, inhaltlich auf dieses giftige Gebräu aus Lügen, Unterstellungen und Achtelwahrheiten einzugehen, aber das Wort Wutökonom ist interessant.

Nach der reinen Lehre des Wissenschaftsbetriebs dürfte es so etwas ja gar nicht geben. “Sine ira et studio”, ohne Wut und Eifer, beschrieb der römische Historiker Tacitus seine Methode, und diese Art kühler Distanz und Faktentreue gilt seither den meisten Wissenschaftlern als Ideal. Im 20. Jahrhundert ist noch die Falsifizierbarkeit als Anspruch hinzugekommen: Wissenschaftler sollten also persönliche Leidenschaften und Motive nicht in ihre Arbeit einfließen lassen, und jederzeit dazu bereit sein, ihre… weiter lesen

09.07.2012 von Detlef Guertler
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Trabisierung

von Detlef Guertler

“Das Auto der Zukunft ist wie ein Trabi”, verheißt die FTD. Und meint damit, dass der Kunststoff-Anteil am Gesamtgewicht neuer Automodelle zunimmt – von derzeit um die 15 auf bis zu 25 Prozent. Meint zumindest die BASF AG, die allerdings bei der Prognose leicht parteiisch sein dürfte. Und da die Plaste-Karosserie des DDR-Trabants legendär ist, sehen die FTD-Autoren eine Trabisierung auf uns zukommen.

Was allerdings a) hoffentlich und b) leider wohl nicht passieren wird.

- Hoffentlich, weil die Phenoplast-Karosserie des Trabant eine ziemliche Umweltsauerei war, sowohl bei der Produktion als auch bei der Entsorgung. Vom Zweitakter-Motor ganz zu schweigen.

- Leider, weil eines der hervorstechendsten Merkmale des Winz-Autos eben seine Einfachheit war. Was immer an der Karre kaputt ging, konnte man selbst wieder reparieren, kleben, tackern. Autos von heute sind hingegen mit Elektronik vollgestopft und für die Produktion optimiert – wenn doch mal eine Reparatur nötig… weiter lesen

06.07.2012 von Detlef Guertler
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Wirtschaftslehre

von Detlef Guertler

“Es wäre schon viel erreicht, wenn wir im Deutschen das Wort “Volk” aus der VWL streichen würden”, tweetete Barbara Bohr gestern kurz und trocken. Und auch wenn die Diskussion um die Benennung sowie die Gegenstände wissenschaftlicher Disziplinen eine ziemlich unendliche Geschichte ist, und bei den Ökonomen sowieso, wird dieser Tage wieder einmal deutlich, wie anachronistisch und geradezu gefährlich dieser Begriff “Volkswirtschaftslehre” geworden ist.

Anachronistisch ist die Volkswirtschaftslehre, weil eigentlich alles, was die sogenannten Volkswirte tun bzw. erforschen, nichts mit dem “Volk” zu tun hat. Da geht es um die Welt, um Europa, um einzelne Branchen oder Märkte und natürlich auch um Länder. Aber selbst wenn ein Volkswirt sich mit Deutschlands Ökonomie beschäftigt, hat das natürlich nichts mit der Ökonomie des deutschen Volkes zu tun. Mit dem Staat vielleicht, vielleicht auch mit der Nation, aber nicht mit dem Volk. Dafür sind Märkte und Unternehmen zu verflochten, Menschen zu mobil… weiter lesen

04.07.2012 von Detlef Guertler
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Überschriftenleser

von Detlef Guertler

Das geile ist, dass die, die nur Überschriften lesen & über meinen Rücktritt frohlocken, den Link zur FAZ mitschicken

frohlockt Piraten-Geschäftsführer Johannes Ponader und beömmelt sich über den Tweet des Thüringer Linken-Fraktionschefs Bodo Ramelow:

Wieder einer von Bord! Er hat genug: Der Bundesgeschäftsführer der Piraten Johannes Ponader verlässt das Amt.

Das ist nun in der Tat ein bisschen peinlich für Ramelow: Zwar lautet die Überschrift zu Ponaders Artikel in der FAZ

Ich gehe: Mein Rücktritt vom Amt

aber ganz am Ende löst der Pirat auf, welches Amt er da gemeint hat:

So wie es aussieht, werde ich in Kürze genug Einkommen haben, um vom Jobcenter unabhängig zu sein. Bis dahin wollen mich Freunde unterstützen. Nun ist ein Sprung ins Ungewisse angesagt, wie ihn viele gehen, die die Gängelung durch die Jobcenter nicht mehr ertragen und freiwillig auf Sozialleistungen verzichten. Ich verlasse das Amt, um frei zu sein.weiter lesen