http://blogs.taz.de/wortistik/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.11.39.png

vonDetlef Guertler 04.07.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

Das geile ist, dass die, die nur Überschriften lesen & über meinen Rücktritt frohlocken, den Link zur FAZ mitschicken

frohlockt Piraten-Geschäftsführer Johannes Ponader und beömmelt sich über den Tweet des Thüringer Linken-Fraktionschefs Bodo Ramelow:

Wieder einer von Bord! Er hat genug: Der Bundesgeschäftsführer der Piraten Johannes Ponader verlässt das Amt.

Das ist nun in der Tat ein bisschen peinlich für Ramelow: Zwar lautet die Überschrift zu Ponaders Artikel in der FAZ

Ich gehe: Mein Rücktritt vom Amt

aber ganz am Ende löst der Pirat auf, welches Amt er da gemeint hat:

So wie es aussieht, werde ich in Kürze genug Einkommen haben, um vom Jobcenter unabhängig zu sein. Bis dahin wollen mich Freunde unterstützen. Nun ist ein Sprung ins Ungewisse angesagt, wie ihn viele gehen, die die Gängelung durch die Jobcenter nicht mehr ertragen und freiwillig auf Sozialleistungen verzichten. Ich verlasse das Amt, um frei zu sein. Das Arbeitsamt. Nicht mein Amt als politischer Geschäftsführer.

Aber zumindest wenn man der berüchtigten Pressekammer des Hamburger Landgerichts folgt, könnte es sich hier um einen Verstoß gegen das Pressegesetz handeln. Denn dort wird regelmäßig geurteilt, dass Überschriften mit dem eigentlichen Bericht in sachlicher Weise korrespondieren müssen. So beispielsweise in einer Verhandlung vom 31. März 2006:

„Zumindest dem Überschriftenleser gegenüber hätten Sie richtig formulieren sollen. Das müssen wir im Presserecht berücksichtigen.“

Würde jetzt beispielsweise Bodo Ramelow vor dem Hamburger Landgericht Klage auf Schadenersatz einreichen, weil ihm als Überschriftenleser ein Imageschaden durch die mehrdeutige Überschrift entstanden sei, dürfte er gute Chancen haben. Hoffen wir nur für Ponader, dass dann FAZ-Piratenfreund Frank Schirrmacher die Kosten übernimmt.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2012/07/04/uberschriftenleser/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Ich lese weder einen Ätsch-Effekt, noch eine irreführende Überschrift. „Rücktritt vom Amt“ ist der Titel und dann kommt eine klare Aussage in der Preambel, um welches Thema es geht: Konflikt zwischen Bundesamt für Arbeit und seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einer Partei. Der Ätsch-Effekt tritt erst ein,wenn man zu sehr auf die Parteiarbeit als Amt fokussiert, seine eigenen Annahmen über die Bedeutung des Wortes Amt festlegt, noch bevor man überhaupt gelesen hat, worum es geht. Und dann mit der subjektiven Wahrnehmung zu argumentieren, daß die Überschrift irreführend ist, halte ich an den Haaren herbeigezogen. Die Art, wie dieser Artikel zitiert wird, ist in meinen Augen ein klares Beispiel für die Lese(in)kompetenz der zitierenden. Daraus einen Verstoß aus dem Pressegesetz zu konstruieren, halte ich für an den Haaren herbei gezogen. Mit dieser Herangehensweise könnte jede Überschrift aufgrund von subjektiven Voreingenommenheiten als Verstoß angesehen werden.

  • Inzwischen hat Ramelow den oben verlinkten Tweet wieder gelöscht. Was eher darauf hindeutet, dass er keine Lust hat, in dieser Angelegenheit vor Gericht zu ziehen. Womit er ja auch in der Tat sehr schlecht beraten wäre.

  • Ein schönes Wort. Und natürlich darf eine Überschrift keinen Ätsch-Effekt provozieren.

  • Da wage ich zaghaften Widerspruch: Den üblichen Gepflogenheiten entspricht es auch bei persönlichen Kommentaren, dass die Überschrift von der Redaktion gemacht wird. Womit sie (nach Auffassung des Hamburger Landgerichts) dafür verantwortlich ist, den Überschriftenleser nicht in die Irre zu führen. Ich sehe keinen Grund, warum es hier einen Unterschied zwischen Sachtexten und Kommentaren geben sollte – entscheidend ist eher, ob durch missverständliche oder doppeldeutige Überschrift ein Schaden entstanden ist. Das könnte das Hamburger Landgericht im Fall Ramelow durchaus bejahen.

  • Stimmt dies wirklich? Die Argumentation wäre zutreffend, wenn Herr Guertler in der taz über Herrn Ponaders Schritt schriebe. Dann dürfte die Überschrift nicht in die Irre leiten, oder Herr Ponader könnte pressrechtlich gegen Herrn Guertler vorgehen. Anders ist es aber, wenn Herr Ponader seinen eigenen Beitrag in einer unerwarteten Pointe enden lassen will. Der Leser weiß von Anfang an, „hier spricht Ponader“ (auch schon in der Überschrift). Die Meinungsfreiheit steht unter keinem presserechtlichen „Kohärenzvorbehalt“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.