Wutökonom

“Erleben wir in diesen Tagen nach dem Aufstieg der Wutbürger nun den Siegeszug der Wutökonomen?”, fragt sich und uns Olaf Storbeck, London-Korrespondent des Handelsblatts, unter Bezugnahme auf den auch hier bereits fassungslos kommentierten Aufruf von 172 deutschen Ökonomen gegen eine Begleichung aller südeuropäischen Bankschulden durch deutsche Spargroschen. Es lohnt sich bekanntlich weiterhin nicht, inhaltlich auf dieses giftige Gebräu aus Lügen, Unterstellungen und Achtelwahrheiten einzugehen, aber das Wort Wutökonom ist interessant.

Nach der reinen Lehre des Wissenschaftsbetriebs dürfte es so etwas ja gar nicht geben. “Sine ira et studio”, ohne Wut und Eifer, beschrieb der römische Historiker Tacitus seine Methode, und diese Art kühler Distanz und Faktentreue gilt seither den meisten Wissenschaftlern als Ideal. Im 20. Jahrhundert ist noch die Falsifizierbarkeit als Anspruch hinzugekommen: Wissenschaftler sollten also persönliche Leidenschaften und Motive nicht in ihre Arbeit einfließen lassen, und jederzeit dazu bereit sein, ihre Erkenntnisse, Theorien, Hypothesen auf Fehlerhaftigkeit prüfen zu lassen – der wissenschaftliche Fortschritt besteht nicht zuletzt aus der Widerlegung bislang für richtig gehaltener Theorien.

Ein “Wutmathematiker” wäre schlechterdings nicht vorstellbar, ein “Wutphysiker” genauso wenig (obwohl, da gab es mal einen), und Wuttheologen gibt es zwar, aber man nimmt ihnen begrifflich normalerweise das Wissenschaftliche weg und nennt sie Hassprediger. Wutökonomen sollte es also eigentlich genauso wenig geben dürfen.

Leider gibt es sie doch. Dass die Aufrufs-Initiatoren Hans-Werner Sinn und Walter Krämer vor Eitelkeit und Sendungsbewusstsein überquellen und die Falsifizierbarkeit nur gelten lassen, wenn es um die Aussagen von anderen geht, ist schon länger bekannt und eigentlich nicht tragisch: Ein oder zwei Quartalsirre erträgt jede Wissenschaft. Aber die anderen 170 Unterzeichner des Aufrufs? Haben die sich irgendwas dabei gedacht, bevor sie unterschrieben haben? Haben sie jetzt im nachhinein wenigstens mal gelesen, was sie da eigentlich unterschrieben haben? Möchten sie sich auch nach noch- oder erstmaligem Lesen nicht davon distanzieren, ihre Unterschrift zurückziehen?

Nein?

Wirklich nicht?

Dann erleben wir möglicherweise gerade die Geburtsstunde einer “Deutschen Ökonomie”. Das ist dann zwar keine Wissenschaft mehr, und erst recht kein Ruhmesblatt, aber wenigstens eine klare Kampfansage.

Kommentare (5)

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  1. Pingback: groebelhaft | Wortistik

  2. @Dummerjan:
    1. Was Sie hier anführen, ist nicht “der Wortlaut” des rezensierten Aufrufs, sondern allenfalls ein Zitat daraus.
    2. In Sachen Schuldenstand und Haftungssummen sind in der Tat KEINE Zahlen verifizierbar – nicht für den aktuellen Stand und schon gar nicht für zukünftige Stände. Nicht für Griechenland, nicht für Spanien, nicht für Deutschland. Aber was hat das mit Krämers Gerülpse zu tun?

  3. Damit auch jeder den Wortlaut des hier rezensierten Aufrufs kennt:
    “Die Sozialisierung der Schulden löst nicht dauerhaft die aktuellen Probleme; sie führt dazu, dass unter dem Deckmantel der Solidarität einzelne Gläubigergruppen bezuschußt und volkswirtschaftlich zentrale Investitonsentscheidungen verzerrt werden.”
    Damit ist gemeint, das
    “Es lohnt sich bekanntlich weiterhin nicht, inhaltlich auf dieses giftige Gebräu aus Lügen, Unterstellungen und Achtelwahrheiten einzugehen,”.
    Hmm, sind die Aussagen bezüglich des Schuldenstandes nicht verifizierbar?
    Sind nicht die Haftungssummern verifizierbar?

    Wie sähe denn die Alternative aus?

  4. Nein: mit “unwissenschaftlich”.
    Dabei kann dann etwas Undemokratisches oder Extremistisches herauskommen, aber das ist in keiner Weise zwangsläufig.

  5. Moment mal, habe ich das richtig verstanden? Wird hier die Vorsilbe “Wut-” mit “undemokratisch” oder gar “extremistisch” gleichgesetzt?