Checkcheck

Früher, als die Information noch nicht mit Lichtgeschwindigkeit floss, hieß der “Faktencheck” noch “Dokumentation”, und wurde vor der Veröffentlichung von Texten bzw. Beiträgen von speziell dafür ausgebildeten Personen durchgeführt. Wer einmal in den Genuss gekommen ist, mit einem Artikel von Dokumentaren des Stern oder Spiegel in die Mangel genommen zu werden, weiß was ich meine. Leser konnten sich deshalb, nun ja, fast zumindest, darauf verlassen, dass das auch stimmt, was sie zu lesen bekommen.

Dann wurden die Zeiten schneller und schneller, die Medien mehrer und mehrer, und Hoaxe und Bügelbretter verbreiteten sich in Blitzeseile durchs Netz und in die Köpfe. Weshalb der Faktencheck erfunden wurde (und in Deutschland zumindest von “Hart aber Fair” popularisiert), mit dem jedes beliebige gesprochene oder geschriebene Wort auf seinen Wahrheitsgehalt untersucht werden kann. Gerade in Wahlkämpfen eine äußerst segensreiche Einrichtung: Schon während der Kandidaten-Diskussionen Obama/Romney oder Merkel/Steinbrück kann man da sehen, an welchen Stellen sich die Protagonisten die Wahrheit zurechtgebogen haben.

So erfolgreich ist der Faktencheck, dass er inzwischen auch schon wieder missbraucht wird. Zum einen natürlich in ebensolchen Wahlkämpfen: SPD und CDU könnten wahrscheinlich ziemlich unterschiedliche Faktenchecks zu einer Wahlkampfdebatte veranstalten. Und zum anderen inzwischen leider auch von jenen Medien, die eigentlich mit einem solchen Instrument ihre Überlegenheit gegenüber dem pösen Internet demonstrieren könnten. Ein trauriges Beispiel hierfür ist der heutige “Faktencheck” der WamS zur Schuldenkrise. Schon die Schlagzeile “So aufrichtig sind die Euro-Retter” zeigt den Wunsch nach Tendenziösität, und im folgenden geht das weiter mit dem beständigen Gegensatz zwischen “Das wird behauptet” und “So ist es wirklich” – hier will der Autor eben NICHT die Fakten checken, sondern den Attackierten bei einer Lüge entlarven.

Was manchmal eben einfach nicht geht, weil die Beteiligten nun mal nicht so dreist lügen, wie es die WamS-Redaktion vielleicht gerne hätte. Da wird dann eben einer Behauptung von EZB-Chef Draghi, die man nicht widerlegen kann, ein anderes verstecktes Motiv unterschoben – was zwar stimmen kann, aber mit einem Faktencheck eben nichts zu tun hat. Oder man kommt bei einer These, die Eurozonen-Chef Juncker “persönlich” für “juristisch falsch” hält, zu einer anderen Auffassung. Was ebenfalls das gute Recht eines Journalisten ist, aber nichts mit einem Faktencheck zu tun hat. Bei einem Faktencheck müsste hier entweder stehen: Juncker vertritt hier eine juristische Minderheits- oder Mehrheitsmeinung, oder auch er habe alle Juristen für oder gegen sich. Aber nicht einfach eine andere persönliche Auffassung dagegenstellen.

Ein solcher Faktencheck ist keiner, sondern eine Mogelpackung. Nicht gut. Vielleicht sollte man einen Checkcheck einführen, um solchen Praktiken Einhalt zu gebieten.

 

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