Grauenmachen

“Statt Kontinent liest man viel öfter inkontinent. Statt Grenzen liest man nur von grenzenlosem Scheißen. Der Sog ist schon stark. Sie entkommen dem Grauenmachen nicht.”

Wir wissen ja nicht, was Peter Handke so liest, dass er im großen (na ja: eher langen) Interview mit dem SZ-Magazin so etwas behauptet. Wir wollen es aber auch gar nicht wirklich wissen – zum grenzenlosen Scheißen hat für unseren Geschmack schon Tex Rubinowitz alles Nötige gesagt.

Und ehrlich gesagt wäre auch das Handke’sche Neuwort “Grauenmachen” nicht unbedingt einen Eintrag wert, handelt es sich doch um eine reichlich scheußliche und ziemlich unnütze Wortschöpfung. Aber das gibt uns die Möglichkeit, auf eine andere Behauptung aus dem Handke-Interview kurz einzugehen:

“Einknicken, sich hinauslehnen, verschnarcht: Die scheußlichsten Wörter der Bundesrepublik kommen von Journalisten.”

Nein, wir regen uns gar nicht auf. Wir analysieren das ganz sachlich, Satzteil für Satzteil:

Die scheußlichsten Wörter: Das Subjekt der Behauptung bezieht sich direkt auf die drei vorangehenden Verben, womit diese als DIE scheußlichsten Wörter bezeichnet werden. Nun ist zwar über Geschmack nicht zu streiten, aber mir würden aus dem Stand schon eine ganze Reihe scheußlicherer Wörter einfallen: Wortkotze zum Beispiel, oder Durchführungsverordnung, und überhaupt läuft es jeglicher Kritik-Tradition an der deutschen Sprache zuwider, einfache Verben deutscher Herkunft als besonders scheußlich zu qualifizieren – diese Wertung ist üblicherweise Anglizismen, Bürokratismen oder den typisch deutschen Bandwurmsubstantiven vorbehalten.

der Bundesrepublik: Normalerweise hätte man hier das Genitivattribut “der deutschen Sprache” erwartet. Dass statt dessen die Bundesrepublik genannt wird, ist entweder eine spezielle Kritik an dem sich in der BRD entwickelnden Wortschatz oder gequirlter Quark. Da keines der hier genannten Verben speziell im Deutschdeutschen geprägt oder gebraucht würde, bleibt nur die Quark-Erklärung übrig.

kommen von Journalisten: Richtig ist, dass Journalisten einen prägenden Einfluss auf die deutsche Sprache (wie auf so ziemlich jede andere Sprache) haben, schlicht weil sie viel schreiben, viel gelesen werden, und sich immer wieder etwas neues einfallen lassen. Wodurch sie in Sachen Sprachprägung die härtesten Wettbewerber der Schriftsteller sind. Aber in diesen drei speziellen Fällen kann man nun den Journalisten echt keinen Vorwurf machen: Das “Einknicken” steht schon im guten alten Grimm’schen Wörterbuch, das “Verschnarchen” findet sich schon im fünften Band des “Archivs der Philologie und Pädagogik” von 1837, und das “Hinauslehnen” kennen wir natürlich alle von der Eisenbahn.

“Ich haue nach drei Buchstaben immer daneben”, sagt Handke über sich selbst. Dem können wir ausnahmsweise vollumfänglich zustimmen.

 

1 Kommentar

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  1. Danke für den schönen Beitrag zum deutschen Bücher- und Interview-Herbst.
    Großdenker Peter Handke, der Heinrich-Heine-Preis-Geschädigte, ist für keinen Ein- oder Übergriff auf Worte oder Satzränder oder Seitenspiegel und/oder „Versuche“ (bevorzugte handlinkische Test- oder Textsorte)zu unfortuned or blessed with unfortunate choice of words.

    H i e r hat ein „elfenbein“, ein rarer Senior deutschen Geistes im Netz, eine wildernde, kleine “Übung für Unwörter, Stilfärbungen und semantische und politische Konnotationen” arrangiert, mit dem Behelfsadjektiv „handkisch“, vielleicht war auch handkitschig gemeint:

    http://www.seniorentreff.de/diskussion/threads4/thread1513.php