Candystorm

Neuwörter können Karrieren retten, wie wir soeben vom Mutterblatt erfahren haben. Nämlich das Wort Candystorm die Karriere von Grünen-Chefin Claudia Roth:

Und die Gedemütigte bedankte sich artig. Sie freut sich über die Wortneuschöpfung #candystorm, twittert sie – die hätte sie sogar ermutigt, weiterzumachen, für den Vorsitz der Grünen erneut zu kandidieren. Toll.

Das stimmt zwar nicht ganz: Claudia Roth twittert nicht selbst, sie lässt twittern. Aber wenn einem neuen Wort und einem (relativ) neuen Medium eine solche Ehre widerfährt, sollten wir uns doch ganz wertneutral und linguistisch über diesen Beweis für die Dynamik der deutschen Sprache freuen.

(Und einen berufeneren Linguisten, nämlich den Jung-Piraten und Flauschstorm-Erfinder Anatol Stefanowitsch darum bitten, uns wegweisende Gedanken zu einer Parteipolitisierung der Sprache zu spenden: Wo kommen wir denn da hin, wenn die Grünen sich zu grün sind, um einen Flauschstorm anzuzetteln und statt dessen lieber ein neues Wort erfinden? Und wie müsste dann das SPD-Wort dafür heißen? Und werden sich CDU und CSU wenigstens auf ein gemeinsames Wort für ihren Candystorm einigen können?)

 

1 Kommentar

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  1. Sprache sagt ja immer auch etwas über das Denken aus. Insofern ist eine parteipolitisierte Sprache nicht ungewöhnlich. Während für die Linken und Piraten Flüchtlinge (refugees) am Brandenburger Tor hungerstreikten, waren es für die SPD Asylbewerber, für die Union Asylanten und für die Nazis Asylbetrüger.

    Das Tolle an solcher Wortistik wie beim Candystorm ist doch, dass der Gedanke, jemandem Süßigkeiten gegen den Frust und Hass (des Shitstorms) zu geben, von den postmaterialistischen Piraten kaum hätte kommen können. Für den in die Schusslinie geratenen Piraten Vetter war Candystorm daher tatsächlich nur das materielle Beschenken mit Süßwaren https://twitter.com/udovetter/status/268033307772600320 und kein Sprachbild für ideelle Unterstützung (Trost, Lob, Bestätigung).

    Wenn die Grünen sich nun den Candystorm zu eigen machen, dann spricht das dafür, dass sie eine bürgerliche Bestandserhaltungspartei (geworden) sind, die Ausgegrenzte mit Leckerli beruhigen und als Übergewichtige weiter ausgrenzen will. Das bürgerliche Leistungsideal wird doch von Joschka Fischer so versinnbildlicht:
    Oppositioneller, über den sich die Regierung lustig macht = fett
    Erfolgreicher Minister, der sich über ausgegrenzte Fundis lustig macht = schlank
    Wer den Candystorm bekommt, hat demnach nichts richtig gemacht, sondern wird auf die Versagerbank der Übergewichtigen abgeschoben, während lauter schlanke Leistungsbereite an den Hebeln der Macht sitzen.

    Oder war das jetzt zu frei assoziiert?