Rettungsroutine

Es gibt heftige Kritik an der Entscheidung der Gesellschaft für deutsche Sprache, “Rettungsroutine” zum Wort des Jahres 2012 zu küren. Am heftigsten sicherlich von Sprachblogger Anatol Stefanowitsch: Er kann “das Gefühl, das mich beim diesjährigen Siegerwort erfasst, nur als „nicht einmal fassungslos“ bezeichnen”. Zentrales Argument: Es habe das Wort bislang praktisch nicht gegeben, es sei “hauptsächlich in einem einsamen Zitat des CDU-Politikers Wolfgang Bosbach überliefert” (aus dem Frühjahr, in seiner Begründung zur Ablehnung des Euro-Rettungsschirms).

Das ist so zwar nicht ganz richtig, wie die FAZ feststellt, die das Wortfindungsrecht für ihren Herausgeber Holger Stelzner beansprucht (in einem Kommentar aus dem Mai 2011). Aber auch sie bemängelt die Wortwahl 2012: Auch von einem nur schnöde „populären“ Wort könnte man erwarten, dass die Leute es verwenden.” Was bei der Rettungsroutine nun definitiv nicht der Fall ist.

Ich stimme in diese Kritik nicht mit ein. Getreu der Heidegger’schen Frage “Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?” habe ich nach dem Sinn dieser Entscheidung gesucht. Da muss es mehr geben als es Mettwurstballett in seinem Kommentar bei Stefanowitsch vermutet:

Ich kann mir leibhaftig vorstellen, wie die Mitglieder der Gesellschaft für deutsche Sprache — gnihi — sich alljährlich zusammentreffen, um ordentlich einen zu zwitschern. Gut angetütert werden dann die Korpora und Zeitungsarchive gewälzt, um die obskursten Fundstücke auszusuchen.

Dass es da noch mehr gibt, wird nicht aus dem Ding, respektive dem Wort an sich ersichtlich – sondern erst aus den Gesammelten Werken der Gesellschaft der deutschen Sprache: also allen Wörtern des Jahres seit dem Beginn dieser Übung im Jahr 1977. Der Anspruch der Jury, jeweils so etwas wie „verbale Leitfossilien“ eines Jahres zu finden, ist dabei nämlich en gros gut gelungen: Jedes Jahr wurde auf ein Wort gebracht, und in der Zusammenschau ergibt sich daraus tatsächlich so etwas wie eine Kürzest-Geschichte der Bundesrepublik.

Linguistisch wie wortistisch mag das mal mehr, mal weniger interessant sein, und auch mal, wie dieses Jahr, unverständlich. Aber legt man als Maßstab an, inwieweit das jeweilige Wort der Nachwelt etwas über das abgelaufene Jahr erzählen kann, halte ich Rettungsroutine für eine sehr plausible Wahl. So wie mir “heißer Herbst” (1983), Besserwessi (1991) oder Teuro (2002) die Situation, die damals herrschte, wieder vor Augen führen können, könnte es durchaus auch mit der Rettungsroutine geschehen.

Das hat zwar alles mit der deutschen Sprache nichts zu tun, sondern ähnelt eher der “Man of the Year”-Wahl des US-Magazins “Time”. Aber wenn es sich die Deutschen gefallen lassen, dass ihre Zeitgeschichte auf diese Weise geschrieben wird, nur zu.

Kommentare (7)

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  1. Also PRO Rettungsroutine guckst Du hier http://www.rueetui.de

  2. Habe auf Sie verlinkt: Ich kann Rettungsroutine – also dem zweiten Teil – durchaus etwas abgewinnen!

  3. Jein, Christian.
    Ich kenne einen anderen Bereich, in dem man routiniert retten muss, ohne dass es sich um Palliativmaßnahmen handelt: die Erziehung. Kleine Kinder müssen geradezu regelmäßig vor allem möglichen gerettet werden, und das ist ein Teil des Lernprogramms, das ihnen dazu verhilft, groß zu werden und eines Tages ohne Rettungsroutine auszukommen.
    Vielleicht verhält es sich ja bei der Eurozone auch so – und wir haben es mit den Flegeljahren eines Kontinentalstaats zu tun, den seine Eltern permanent retten müssen.

  4. interessant finde ich an dem wort vor allem, dass es im grunde ein oxymoron ist.
    wenn ich ständig, also routiniert, etwas retten muss, kann von rettung keine rede mehr sein.
    eigentlich müsste man von palliativ- maßnahmen reden.

  5. Rettungsroutine – Das “o” und ein “t” weg und schon haben wir: “Rettungsruine”.

    Bei “Kohlemine” hatte ich übrigens An- und Abführungszeichen vergessen. Das Wort war als Metapher gemeint. Ist mir jetzt aufgefallen.

  6. “Rettungsroutine”?
    Es wird so viel “gerettet”, dass man gar nicht mehr richtig hinhört, wenn wieder ein “Schirm” aufgespannt oder Millionen durch den Bundestag geschleust werden (müssen).

    Ich beobachte mehr Gefasel und Lamentos, mehr Getue und Gezeter und Geschimpfe (z.B. über griechische Mentalitä(en) – alles häufiger mit “Solidarität”, “Solidaritätspflichten” oder “europäischer Verantwortung” verbandelt als mit “-routine”.

    Solidaritätsschwindel oder –heuchelei; sicherlich keine Wörter des Jahres, aber ein zutreffender Kommentar zum ltäppisch-äppischen Fiskalieren im Zentrum Europas.
    Also: Unwort des Jahres, das an Grass‘ Gedicht über die Situation der Griechen im Milliardenhandel erinnert.

  7. Des Jahres Wort ist dieses Mal
    zu neutral,
    Weil nicht jeder Mensch erkennt,
    was Herr Bosbach da benennt
    Was ich vor meinem Auge seh,
    sind DRK und MHD.
    sind Krisenhelfer am PC.

    Es wirkt noch nach das LSD:
    Nach Unglück in der Kohlemine,
    Da läuft die Rettung mit Routine
    “Toi Toi” bringt fahrbare Latrine,
    Frau Kanzlerin macht ernste Miene.

    Seit “Alice” wissen wir genau,
    dass sogar im Kaninchenbau,
    wenn dort die Not am größten ist,
    die Grinsekatz zur Stelle ist.

    Verzeihung, dass ich jetzt gesteh:
    Was mir stets hilft ist LSD:
    Ein Andrer braut aus Malz und Hopfen
    sich “Rettungstropfen”
    Und geht dann damit munter
    den Bach hinunter,
    wo Blüten stehn am Ufersaum
    dort träumt er einen süßen Traum
    Er hört mit einem Male
    in seinem Geist die “Pastorale”
    er träumt von Beethoven am Bach
    Die Sinfonie klingt lange nach

    http://music.yahoo.com/pastoral-symphony/

    Wünsche einen besinnlichen dritten Advent.
    (Der Beethoven passt zwar nicht ganz in die Jahreszeit, aber mit den Hirten schaffen wir doch den Bogen in die Weihnachtszeit. :-) )