Münchhausen-Check

Vor vielen, vielen Jahren hatte Hauke Janssen hier schon einmal einen Gastauftritt. Nach einem nun wirklich ziemlich peinlichen Faktenfehler eines Spiegel-Redakteurs (auf dem ich zugegebenermaßen auch ziemlich penetrant herumtrampelte) rief mich im Oktober 2006 der Leiter der Spiegel-Dokumentation an, um mir zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass dieser Fehler seiner als höchst zuverlässig geltenden Abteilung durchgerutscht war. War nachvollziehbar, kann passieren.

“Der Spiegel kann Fehler leider nicht selbst korrigieren”, schrieb damals der Medien- und Bildblogger Stefan Niggemeier dazu. Inzwischen soll er das können. Er, der Spiegel, wie er, Stefan Niggemeier – inzwischen beim Spiegel gelandet. (Unter anderem) ihm ist es zu verdanken, dass Spiegel Online einen Spiegelblog eingeführt hat, der (unter anderem) sich mit eigenen Fehlern beschäftigt: Wie konnte es uns zum Beispiel passieren, dass wir einem afghanischen Fußballstadion einen falschen Namen gegeben haben?

Deutlich prominenter platziert ist bei Spiegel Online allerdings der Münchhausen-Check: Wenn da jemand von Steinbrück bis Mursi etwas Merkwürdiges von sich gibt, prüfen Hauke Janssens Dokumentare, ob das denn wirklich so stimmt, gewesen ist, gesagt wurde. Der Name Münchhausen-Check ist dabei, nun ja, populistisch gewählt: Er unterstellt geradezu, dass es sich um eine Lüge handelt, die der wackere Spiegel entlarvt, zumindest um eine Aufschneiderei. Wenn man dabei in eine Situation wie diese Woche gerät, wo eine Behauptung Peer Steinbrücks eben nicht als gelogen, sondern als zutreffend beurteilt wurde, grenzt eine Überschrift wie Münchhausen-Check geradezu an üble Nachrede. Faktencheck wäre besser – aber für Spiegel Online wohl zu seriös.

Passen dürfte der Begriff Münchhausen-Check hingegen auf eine Geschichte aus dem gedruckten Spiegel der vergangenen Woche, wo Spiegel-Redakteur Ralf Hoppe von einer eineinhalbtägigen Blockade eines isländischen Flughafens schrieb, die ein schlecht informierter Blogger verursacht hatte, weil er mutmaßte, die Goldreserven Islands sollten heimlich ausgeflogen werden. Der Blogger Alexander Svensson veröffentlichte vor drei Tagen das Ergebnis einer recht umfassenden Recherche, bei der er trotz intensiver Suche auch nicht den kleinsten Hinweis darauf fand, dass sich irgendetwas auch nur annähernd mit dieser Geschichte vergleichbares jemals zugetragen haben könnte. Ich habe auch ein paar Stunden in alle möglichen Richtung recherchiert – und auch keinerlei Indiz gefunden.

Eigentlich passt es ja nicht zu meinen bisherigen Erfahrungen mit dem Spiegel, dass dort komplett erfundene Geschichten gedruckt werden. Eine reale Geschichte überdreht, oder aufgeblasen, oder missdeutet – das passiert oft genug. Aber eine glatte Erfindung kriegt man doch niemals durch die Dokumentation durch. Den Spiegel-Faktcheckern muss der Redakteur doch irgendeine Quelle vorgelegt haben, irgendetwas, was zumindest so sehr als Beleg gelten kann, dass der Dokumentar seinen Haken dranmachen kann. Wenn hingegen auf die Frage “Woher haben Sie das?” nur ein “Das hab ich mal irgendwo gelesen” kommt, fliegt die entsprechende Passage eben wieder raus. So läuft da meines Wissens das normale Geschäft, und das ist auch gut so. In diesem Fall muss da etwas Anormales passiert sein. Aber was??

Leider gibt es vom Spiegel bislang zu dieser Merkwürdigkeit weder einen Blog-Beitrag noch einen Münchhausen-Check. So dass ich mir meine ganz private Spekulation erlaube: Ralf Hoppe hatte da irgendeine Quelle, in der es um eine Verschiebung von Goldreserven ging, und in dieser Quelle ging es im Text auch irgendwie um Island – aber der Text war auf englisch, und “island” hiess nicht Island, sondern Insel. Und das hat dann der Redakteur falsch verstanden und der Dokumentar so durchgewunken. War’s so, liebe Kollegen?

Nachtrag, 13.2., 16.30 Uhr:

Ralf Hoppe hat geantwortet. Im Spiegelblog. Er hat, nun ja, sich sogar fast entschuldigt. “Um so peinlicher, dass mir so ein Fehler in einem Text passiert, der sich mit der Genauigkeit von journalistischer Arbeit beschäftigt”, schreibt er, erzählt, wie er damals, Anfang 2009, in Island war, ein Gerücht aufgeschnappt hatte, zum Flughafen fuhr und dort Isländer traf, die auch das Gerücht gehört hatten. Dass sie dort nur herumstanden, aber nicht die Startbahn blockiert hatten, das sei der Fehler, der ihm in seinen Text gerutscht sei.

Das war EIN Fehler. Ein anderer war, dass es in dem Gerücht darum gegangen sei, dass die Regierung “die Goldschätze aus der Zentralbank ins Ausland bringen” wolle. So etwas kam 2011 in Tunesien und eventuell 2012 in Libyen vor, das ist etwas anderes als das, was Hoppe jetzt schreibt, nämlich dass “die Regierung irgendwelche Schätze außer Landes fliegt”, und das wiederum etwas anderes als die Erinnerung eines isländischen Gesprächspartners, “die Verantwortlichen der Finanzkrise würden die Schätze des Landes in Koffern außer Landes fliegen, in Privatjets oder sonstwie”. Aber auch das ist ja wiederum symptomatisch für die, nun ja, äußerst volatile Sachkenntnis und Einordungskompetenz der Spiegel-Redaktion in ökonomischen Fragen.

Ralf Hoppe schreibt jetzt in seiner Fast-Entschuldigung über seine Zeit in Island 2009: “Meine Gesprächspartner erzählten mir in großer Übereinstimmung, wie wichtig und gleichzeitig schwierig es sei, in dieser Krisensituation an stabile Informationen zu gelangen. Das Fehlen verlässlicher Quellen wurde als großes Manko erlebt.” Das Gefühl kenne ich auch. Nicht aus Island, sondern aus Deutschland, nicht von Gesprächspartnern, sondern von mir. Seit Mitte 2007 klar war, dass es sich um eine Mega- und globale Finanzkrise handelte, war ich ebenso intensiv wie verzweifelt auf der Suche nach stabilen Informationen, verlässlichen Quellen und vertrauenswürdigen Einschätzungen. Und habe mich auch nach Kräften bemüht, selbst solche Informationen zu geben. Als Blogger, als Print-Autor, als Chefredakteur und bei Facebook. Für mich stellten sich im Laufe der Zeit fünf Quellen als verlässlich heraus:

1. Der Blog von Nouriel Roubini (ab Mitte 2007 bis etwa Mitte 2009)

2. Die Rubrik “Das Kapital” der Financial Times Deutschland (bis zum Bau der Paywall)

3. Die Texte von Wolfgang Münchau

4. Der Blog Alphaville der Financial Times

5. Die Facebook-Seite von Edward Hugh

Alle mit ihren Stärken, alle mit ihren Schwächen, aber diese jeweils kalkulierbar und sich dabei auch gut ergänzend. Also Journalisten und Ökonomen, Print, Blog und Social Media, mit und ohne Interaktivität. Der Rest der deutschen “Qualitätsmedien” hat sich für mich leider mehr oder weniger diskreditiert – wegen Unfähigkeit oder Parteilichkeit, zu großer Nähe zu Regierenden, Bänkern und/oder Anzeigenkunden. Nur ein Beispiel: Im Sommer 2007 diskutierte ich mit dem Chefredakteur eines der wichtigeren Blätter der Republik und versuchte ihm klarzumachen, was da alles finanzkrisenmäßig auf Deutschland und die Welt zurollt. Und wie sein Medium damit umgehen müsse. Seine Antwort: “Aber wir hatten das doch schon auf dem Cover.” Ich habe das mit dem Diskutieren dann gelassen – und anderswo gelesen und geschrieben.

Kommentare (6)

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  1. Pingback: Wortfeld » Kalte Füße | Der Blogger, das Gold und die Startbahn.

  2. Kleine Korrektur, Erbloggtes: Die Qualität der Facebook-Seite von Edward Hugh machte für mich nicht so sehr die Glaubwürdigkeit aus – sondern die Internationalität. Gerade während der Eurokrise habe ich es in Deutschland schmerzlich vermisst, eine Diskussion auf zumindest europäischer Ebene führen zu können. Bei Hugh diskutierten und diskutieren Engländer, Spanier, Letten, Griechen, Amerikaner, Inder, Israelis, Ungarn, Dänen und und und – und lernen voneinander. Sensationell.
    (Deutsche, Franzosen und Italiener lassen sich dort allerdings sehr selten sehen)

  3. Ja, dass man widersprüchliche oder falsche Informationen bekommt, ist keine Eigenheit des Internets. Widersprüchliche Informationen bekommt man in der Regel so lange, bis sich ein Informationsmonopol etabliert hat. Wenn alle nur noch von einer Agentur ihre Inhalte liefern lassen, dann widersprechen die sich (wahrscheinlich) nicht.
    Über die Richtigkeit der Information sagt die Widersprüchlichkeit natürlich nur sehr wenig. Meist lediglich, dass zumindest eine der widersprüchlichen Varianten falsch ist (aber auch das nicht notwendigerweise).
    Was man aber tagtäglich erleben kann, ist die Fehlinformation durch Medien, die früher Standard waren, auf die man sich verlassen musste: die Presse. Wer sich mit einem Thema einigermaßen auskennt, bemerkt, dass er der Presse in dem Bereich nicht trauen kann. Warum sollte er ihr dann in anderen Bereichen trauen, in denen er sich auf sie verlassen müsste.
    Die Presse hat offensichtlich nicht mehr den Informationsvorsprung, der sie zu einer privilegierten Informationsquelle machen würde (und vielleicht mal gemacht hat). Wenn jemandes Facebook-Seite dem Wirtschaftsteil einer Zeitung an Glaubwürdigkeit den Rang abläuft, dann illustriert das eine Misere, der selbst durch die gesetzliche Privilegierung der Presse mit den Mitteln eines LSR nicht mehr beizukommen ist.
    Übrigens: Was Michael Seemann über Information, Informationszugang und Informationsdifferenz schrieb, das passt hier auch ganz gut: http://carta.info/53904/die-null-euro-utopie/

  4. Pingback: Weltuntergangsdisclaimer | Wortistik

  5. In einem Punkt haben die Spiegel-Dokumentare auf jeden Fall mit SPON zu tun – nämlich eben beim Münchhausen-Check. Da werden im Vorspann immer “SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL” als Checker genannt. Für den Rest des SPON-Angebots liegt die Faktencheck-Funktion natürlich auch weiterhin bei Bloggern und Twitterern.

  6. ehrlich gesagt finde ich die annahme, dass die spiegel-dokumentare auch etwas mit SPON zu tun habe sehr gewagt. es wäre sogar zu prüfen, ob es sich bei dieser these womöglich um üble nachrede handelt …