Bestsellerei

“Joachim Rohloff zerpflückt Frank Schirrmachers Bestsellerei.”

So kündigt die Zeitschrift Merkur auf ihrer Facebook-Seite einen Beitrag in ihrem Blog an, der wiederum eine Vorabveröffentlichung aus der gedruckten Ausgabe vom März ist.

Sympathisch an Rohloffs Text ist in erster Linie, dass er gar nicht erst versucht, auf den aktuellen Tiefpunkt im Werk eines manchmal als Denker verkannten Wellenreiters einzugehen (innerhalb kürzester Zeit übrigens der dritte Beleg dafür, dass eine bislang als absoluter Nullpunkt bekannte Untergrenze doch noch unterschritten werden kann). Sondern sich gründlich und vernichtend mit dessen vorigen Buch auseinandersetzt. Es wäre übrigens noch viel sympathischer, wenn auch andere Feuilletons diesem Vorbild folgten, also bei nicht satisfaktionsfähigen Werken nicht ignorierbarer Autoren den Rezensionsplatz für ein beliebiges früheres Werk jenes Autors verwenden würden.

Aber eigentlich wollte ich hier ja über das Wort Bestsellerei reden. Es ist nicht ganz neu, sondern taucht hin und wieder in Texten über das Buchgewerbe auf. So wie die Bäckerei das Gewerbe des Bäckers und die Metzgerei das Gewerbe des Metzgers bezeichnet, bezeichnet die Bestsellerei eben das Gewerbe des Bestsellers. Das klingt ein bisschen schräg, weil wir den Bestseller ja eigentlich als ein Buch kennen, und Bücher haben kein Gewerbe, sondern sind Teil eines Gewerbes. Aber bei allen von mir gesichteten Verwendungen von “Bestsellerei” geht es um jene Leute, die diese Bücher tatsächlich verkaufen, also Verleger, Agenten, Vermarkter. Die Formulierung “Frank Schirrmachers Bestsellerei” ist hingegen der erste (von mir gefundene) Beleg, bei dem das Gewerbe des Bücherverkaufens auf den Verfasser selbst bezogen wird.

Und das ist auch typisch so. Zeit- und personentypisch. Konnte man 2008, in der alten, vordigitalen Zeit der wahren Bücher noch so reden wie der Literaturagent Petrow in dem Roman “Der Megaseller”:
„Bestseller sind die Bücher, über die alle sprechen, weil alle drüber sprechen, und die alle lesen, weil alle sie lesen. Egal was für ein Mist drinsteht. Nichts adelt ein Buch mehr als sein Erfolg“,

so geht es jetzt nicht mehr um Bücher. Bestseller sind jetzt die PERSONEN, über die alle sprechen, weil alle drüber sprechen, und die alle lesen, weil alle sie lesen. Egal was für einen Mist sie verzapfen.

Und konnte ich 2002, in der vorwortistischen Zeit, in der taz noch über Schirrmacher schreiben, er habe
“gezeigt, dass er alle Regeln und Manieren seiner Zunft zu missachten bereit ist, wenn es dem kurzfristigen Vorteil seines Mediums und seiner Person dient”,

so würde ich heute natürlich den Bezug auf “sein Medium” streichen. Es gibt da kein Medium mehr, dem Schirrmacher dienen würde, es gibt da überhaupt kein Wir mehr – nur noch ein Ego.

 

Kommentare (11)

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  1. Das heißt, die Verhaltensökonomie ist gewissermaßen ein Amalgam – ein Teil Behaviorismus, ein Teil Spieltheorie, fertig ist die Laube. Parallel entstand ja so auch das ‘Neuro-Marketing’, die ‘kognitive Argumentation’ und ähnliches Allotria, alles nach dem gleichen Schema: “Nimm 2″.

    Die Spieltheorie beschäftigt sich – nach meiner verstaubten Erinnerung – übrigens auch mit dem Phänomen der ‘unvorhergesehenen Züge’. Ab da wird’s dann wirklich interessant, allerdings nicht für Propheten und Öchsperten …

  2. Das Interview muss zwar noch autorisiert werden, aber ich kann schon mal verraten, dass die Spieltheorie einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Verhaltensökonomie und Behaviorismus ist. Die Verhaltensökonomen veranstalten Spiele im Labor und wissen durchaus, dass das Leben komplexer ist als das Labor. Die Bevahioristen meinten das mit der Stimulus-Response-Kiste ernst.

  3. Was hat denn dein Verhaltensökonom nun zu diesen Reiz-Reaktions-Aposteln gesagt?

  4. Zum Glück kein Worstseller, sondern ein kleiner, feiner LeseOnlineTeller:

    Mein Held der Woche: Vom LesePapst, ohne Partys, ohne Staatsanwalt – einfach fruchtig, leseFruchtig: ÜberRaschungen, z.B. von Schmidt seinem Harald, über unsere ReligionsKultur:

    „Nun, da bereits unsere Kinderbücher sprachlich gesäubert werden, könnte ein schwarzer Papst das Tor in Richtung Zukunft weit aufstoßen. (…)“
    In: „Mein Papst“! – GedankenStrich! AusrufeZeichen! SichtVerMerke anlegen! – So banal aufgeRegt deutsch klingt das bei mir. Im Kopp!

    http://www.focus.de/magazin/harald_schmidt/held-der-woche-mein-papst_aid_921090.html

    Schmied, ach, Schmidt meines Leseglücks. Das klingt noch Holz. Das kann gedrückt, äh: gedruckt werden.

    Wenn es noch Leser außerhalb der OnLinerei gibt.
    Auch Schmidt hat eine verzögerte Publikationszeit bei KiW:
    Harald Schmidt: “Fleischlos schwanger mit Pilates. Erfolgreiche Frauen sagen wie es geht.” Zusammengestellt von Ulrike von den Laien. Die Focus Kolumnen. Erscheinungsdatum: 15. Februar 2011. – Ds war wohl vor 2, in Worten: zwei Jahren.

  5. Worstseller hat auch was.

  6. Aus dem Jahre 1971, als noch uneingeschränkt (gestört durch ein paar Kopierraubzüge pro Saison) das Holzgeschäft für Bücherwürmer prima lief:

    “(…) Und so weiter, bis zu Schneekluth [dem Verlag, den es heute nicht gibt; aufgelassen in der eigenen Bestsellerei; einige Titten, pardon: Titel verkauft Droemer Knaur noch], der dem Buch des Operettenkonsuls Weyer 30 000 Mark an Anzeigenwerbung zukommen läßt. Aufzuhalten ist die sich hiermit nun wirklich in großem Stil anbahnende Bestsellerei dicht. Bestseller, Bücher also, die sich schnell und in großen Mengen verkaufen, um dann, wenn sie in allen möglichen Zweitausgaben völlig ausgequetscht sind, möglichst für ewig vergessen zu werden, brauchen die Verlage,, braucht der Buchhandel, um zu überleben.

    (Die Zeit, 19.02.1971, Nr. 8)

    Die Bestsellerei wird im Onlinebetrieb die Best- oder Worstlinerei, bei der sich einige Schreiber mit gegenseitigen BekanntmachBesuchen und ZitatVersuchen wichtig nehmen, bis sie sich doch noch bei einem Buch-und/oder Zeitschriftenverlag angedient haben werden wollen (ersehntes Futur III).

  7. Wenn ich das nächste Mal mit einem Verhaltensökonomen rede, (heute nachmittag) frag ich ihn mal.

  8. Diese modische ‘Verhaltensökonomie’ ist doch nur der gute alte ‘Behaviorismus’ unter neuem Namen – aufgewärmt von den Witwe Boltes im Wirtschaftsdschurrnalismus. Oder steigt nur mir dort der durchdringende Geruch nach Sauerkraut in die Nase?

  9. Hallo Detlef,

    wir Physiker sind dank dem ersten Gesetz von Gay-Lussac in der Lage, den absoluten Nullpunkt der Temperatur exakt zu definieren. Gefühlte Nullpunkte aus anderen Bereichen können daher nicht zählen, darum gräme Dich nicht, wenn Dritte Deinen bisherigen gefühlten Speak-point-of-Zero gnadenlos reißen können. Solange die Wortistik kein äquivalentes “Guy-Lussac”-Gesetz der Sprachtiefstpunkte liefern kann, kann jeder Journalist, Blogger oder gar andere Dahergekommene einen anderen sprachlichen Tiefstpunkt liefern!

  10. Himmel hilf,
    sollte ich selbst mit dazu beigetragen haben, Schirrmacher auf diesen Ego-Trip zu bringen? Vor anderthalb Jahren habe ich in meiner Zeitschrift GDI Impuls diese sogenannte Verhaltensökonomie auf 50 Seiten als Titelthema abgehandelt.
    http://www.gdi.ch/de/Think-Tank/GDI-Impuls/Impuls-Overview?ProductInstanceId=89
    “Sie sind durchschaut”, stand damals auf dem Cover.

  11. Im Interview
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/2008240/
    beantwortet er die Frage “Warum haben Sie dieses Thema gewählt?” in 3 Schritten:
    “Weil ich jetzt selber dem überall begegne. Wenn Sie sich zum Beispiel anschauen, es gibt ja eine sehr beliebte modernere Theorie, die sogenannte Verhaltensökonomie, die bestsellerträchtig auch, werden ganz banale Lebensfragen gestellt”.
    1. was man überall trifft
    2. sehr beliebte, bestsellerträchtige Theorie
    3. ganz banale Lebensfragen