vonDetlef Guertler 25.06.2013

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Es war einst im Mai, also gerade mal vier Wochen her, als ich im Bücherregal des Malteserladens ein Buch eines Bekannten, Facefreundes und Autoren meiner Zeitschrift GDI Impuls fand: von Peter Glaser, und von 1995. „24 Stunden im 21. Jahrhundert“, hieß es, und mit Untertitel: „Onlinesein – Zu Besuch in der Neuesten Welt“.

(Das heißt, eigentlich fand und kaufte ich nur die Taschenbuchausgabe von 1996, auf die sich auch alle Quellenangaben beziehen, aber geschrieben wurde es eben nicht 1996, sondern mindestens 1995, wenn nicht noch früher, damals waren die Produktionszeiten für Bücher ja noch viel länger als heute.)

Prima, das lese ich dann irgendwann mal, dachte ich mir, als ich das Buch aus dem Laden befreite; ein guter Vorsatz, den ich längst nicht bei jedem Buch auch in die Tat umsetze. Aber diesmal doch: Denn als die Kanzlerin Angela Merkel uns erklärte, dass dieses Internet ja für uns alle Neuland ist, fiel mir wieder ein, dass ich doch da gerade erst ein Buch gekauft hatte, das WIRKLICH aus der Neuland-Zeit des Internets berichtete. Also nahm ich den Glaser mit in die Ferien und nach Spanien – und bin gerade wieder aufgetaucht. Dieser Besuch in einer neuesten Welt, die uns heute zur selbstverständlichen Umgebung geworden ist, ist manchmal rührend, manchmal atemberaubend, manchmal skurril, und immer lesbar. Heute sogar noch lesbarer als damals, vermute ich; was bei bald zwei Jahrzehnte alten High-Tech-Sachbüchern (ja, das ist es auch, aber nicht nur) eher selten vorkommen dürfte.

Und es ist nicht nur eine technische und historische Fundgrube, sondern auch eine sprachliche, ist Glaser doch einer der unermüdlichsten Wortschöpfer der Neuzeit. Viele seiner Erfindungen fallen zwar innerhalb der Halbwertszeit eines Tweets wieder der Vergessenheit anheim (manchmal tatsächlich auch zurecht), aber jedenfalls lassen sich in einem halb vergessenen Buch von Peter Glaser mehr frische, funkelnde Wörter finden als in den gesammelten Werken Frank Schirrmachers.

Ich nehme diese Entdeckung gerne zum Anlass, um in den kommenden Sommerwochen neue Wörter aus dem Altglaser-Container (jenem Buch also) zu fischen. Und sicherlich auch die eine oder andere Neu-Neuschöpfung hinzuzufügen. Eine eigene Kategorie „Glaserperlen“ habe ich in diesem Blog jedenfalls gerade eingerichtet. Ich bin sicher, sie wird sich füllen.

Zum Anfang ein geradezu programmatisches Fundstück: die Scheinzeit.

„Die ungewohnten Grade an Komplexität, die inzwischen mit Computerhilfe gemeistert werden können – ob Strömungsberechnung oder animierter Dinosaurier – verlocken dazu, die Lage zu überschätzen. Wir sind gerade im Begriff, in eine neue Vorzeit einzutreten. Das angemessene Bild von uns selbst ist also das eines elektronischen Höhlenmenschen. Mit dem Computer hat der Mensch endlich die Scheinaxt erfunden. Die Zeit, die beginnt, werden die Archäologen nachfolgender Zeitalter Die frühe Scheinzeit nennen.“

Quelle: Peter Glaser: 24 Stunden im 21. Jahrhundert. Onlinesein – Zu Besuch in der Neuesten Welt, S. 14f. KiWi, 1996

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