Entrepressierung

Sieht zwar so aus, aber Entrepressierung hat nichts mit dem Entrepreneur oder seinem -ship zu tun, sondern ist offenbar eine Wortschöpfung von Christian Füller für einen Text über das Verhältnis der frühen Grünen zur Pädophilie, wo das Wort etwas beschreibt, was Repression beenden/bekämpfen/rückgängigmachen soll. Im ganzen Satz:

Die sexuelle Befreiung, auch die der kindlichen Sexualität, war das wichtigste Mittel der gesellschaftlichen Entrepressierung — und spielte Pädos und deren Mitläufern in die Hände.

Da der Text von der taz (erst einmal) nicht veröffentlicht wurde, müssen wir uns hier fürs erste mit den bei Stefan Niggemeier zitierten Auszügen zufrieden geben. Aus denen durchaus deutlich wird, dass hier nicht nur inhaltliche, sondern auch handwerkliche Probleme liegen. Der oben zitierte Satz beispielsweise lässt sich so interpretieren, als sei für die Grünen die Befreiung der kindlichen Sexualität das wichtigste Mittel der gesellschaftlichen Ent-Repressierung (so liest sich’s besser) gewesen. Das ist objektiv falsch. Man kann den Satz sicherlich so formulieren, dass er richtiger wird, aber dafür braucht es nun mal eine ordentliche Kommunikationsebene zwischen Autor und Redaktion bei der Bearbeitung.

Ähnliches gilt für einen anderen bei Niggemeier zitierten Satz aus dem Text:

»Selbstbestimmte Sexualität und Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft waren unsere Themen damals«, sagen jene Grünen, die 1968 gegen die verkapselte Post-NS-Gesellschaft kämpften.

Ein wörtliches Zitat derart einer unbestimmten Personengruppe zuzuschreiben ist handwerklich unsauber. Entweder hat das eine Person gesagt (dann nennt man den Namen oder verschanzt sich hinter einer Anonymisierung (z.B.: sagt ein Grüner, der unerkannt bleiben möchte)). Oder es handelt sich nicht um ein Zitat einer Person, sondern einer Gruppe, dann muss man eben diese Gruppe nennen (z.B.: resümiert heute der Arbeitskreis Alternative Sexualpolitik der südpreußischen Grünen). Aber so wie’s da steht, geht’s eben nicht. Handwerklich.

Natürlich kann es sein, dass in diesem Fall die Entrepressionierer von damals repressiv agieren. Es könnte aber auch andersherum oder irgendwas dazwischen sein. Am ehesten zur Wahrheitsfindung (oder eher: Faktenfindung) trüge sicherlich bei, den Text zu publizieren. Gerne mit Kommentaren aller Beteiligten.

Disclosure: Der Autor ist seit 1982 Mitglied der Grünen.

 

Update, 18.8., 14 Uhr: Stefan Niggemeier hat den gesamten Füller-Text verfügbar gemacht – danke dafür. Ich werd’s mir anschauen.

Kommentare (14)

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  1. Der Wahlschlappe von 1985 muss man wirklich dankbar sein.
    Der Posener-Artikel scheint mir auch bedenkenswert. Neben der Emotionalität scheint teils auch eine Neigung zur Verschwörungstheorie vorzuliegen, siehe auch hier eine Reaktion dazu im ZEIT-Forum: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-08/gruene-paedophilie-taz-artikel?commentstart=129#cid-2977486
    – so als ‘zensierte’ nun auch die WELT dieses Thema (was die taz natürlich gar nicht tat, ebensowenig wie die WELT). Dabei kommt es auf den großen Online-Nachrichtenseiten immer wieder mal vor, dass ein Artikel noch nachbearbeitet wird nach der Veröffentlichung, woraufhin die Kommentare bis dato entweder verschwinden oder nicht mehr passen. Das kann man natürlich auch transparenter machen und auf eine erste Version dann sauber verweisen als Redaktion, aber eine andere Absicht als die einer angemessenen, i. d. R. begrüßenswerten Artikelkorrektur oder -verbesserung dürfte doch in der Regel nicht dahinter stehen.

  2. @ascola: Dass bei diesem Thema bei vielen die Emotionalität überkochen kann, verstehe ich sofort. Ich halte dennoch nichts davon, ähnlich wie Alan Posener heute in der Welt:
    http://m.welt.de/article.do?id=kultur%2Farticle119211397%2FWie-mit-dem-Missbrauch-Missbrauch-betrieben-wurde&cid=kultur

    Also habe ich meine Erinnerung jetzt auch noch mal angeworfen.

    Ich war so ziemlich die ganzen 80er Jahre als junger Erwachsener bei den Grünen aktiv, habe dort meine Frau kennen gelernt und viele andere Menschen auch. Gute (mehr) und schlechte (weniger), und wenn ein Pädo dabei gewesen sein sollte, habe ich es nicht bemerkt. Allerdings hatten wir auch keine Namensschildchen um, auf denen die sexuellen Präferenzen vermerkt gewesen wären.
    Pädophilie kam mir damals als Thema nach meiner Erinnerung insgesamt viermal vor, alles in der Zeit von 1982 bis 1985:
    – zweimal selbst erlebt bei Parteitagen, auf denen sogenannte “Indianerkommunen” die freie Liebe in Programme reindrücken wollten. Soweit ich mich erinnere, erfolglos;
    – einmal bei einem grünen Kinder- und Jugendkongress, ich glaube in Kamp-Lintfort, wo für mein Gefühl zu viele alte Säcke zu viel dummes Zeug erzählten, und wo ich deshalb vorzeitig wieder abreiste. Da waren garantiert auch Pädophile dabei, aber ich erinnere mich an nichts konkretes mehr (NEIN, das liegt NICHT daran, dass ich traumatische Ereignisse verdrängen müsste).
    – einmal aus der Ferne erlebt bzw. erlitten durch die Niederlage bei der Landtagswahl in NRW 1985, als die Grünen wegen des “Kinderficker”-Programms an der 5-Prozent-Hürde scheiterten (zurecht). Danach war ich mit dem Thema und mit diesen Leuten durch, wie die meisten anderen Grünen auch.

    In den Anfangsjahren der Partei waren Kinder- und Jugendthemen eine Nische, die meisten gingen ja nicht deshalb zu den Grünen, sondern weil sie gegen Atomkraft und für den Frieden waren. Deshalb wurde diese Nische von Ort zu Ort, von Kreisverband zu Kreisverband sehr unterschiedlich ausgefüllt. Mal von Pädophilen, mal von Pädagogen, mal von Müttern, mal von Vätern ohne Sorgerecht und manchmal auch tatsächlich von Jugendlichen. In meinem Kreisverband waren wir vom Arbeitskreis Kinder und Jugendliche (war ich zwei Jahre dabei) die Antipädagogen, weil einer von uns Alice Miller gelesen hatte.

    Alles ziemlich unspektakulär, und vermutlich ziemlich normal für Grüne in den frühen 80er Jahren. Für mich wie für die meisten Parteimitglieder wurden die prägenden Schlachten damals eben ganz woanders geschlagen: in Mutlangen, in Wackersdorf, in Gorleben, an der Startbahn West.
    Natürlich spricht nichts davon gegen die Aufarbeitung und Aufklärung von Pädophilie bei den Grünen. Aber es spricht alles gegen Füllers Kollektivschuld-Hypothese.

  3. @D. Guertler: Meine Güte, ja, kann ich verstehen. Da werden wir also Zeuge, obwohl in sieben Jahren nur dreimal blockiert wurde, wie Herr Hake hier nicht mehr weiter schimpfen kann. Die Kommentare lesen sich aber auch wie aus der Heute Show importiert.
    Kam gerade von ZEIT Online her, wo auch jemand fürchterlich auf diesen Blog-Eintrag hier schimpft. Man versteht ja, dass potenziell viel Emotionalität im Spiel ist. Aber das stärkt den Füller-Artikel nun gar nicht, so wie das vielfach vorgetragen wird.
    Ich finde das Argument, die Grünen hießen dann wohl anders, wenn sie zentral bis heute bei dem geblieben wären, was Füller als Ausgangslage zitiert, so einfach wie schlagend. Füller versucht ja allerdings gerade, einen Bezug zur Naturnähe der Grünen hin zu kriegen, also Pädophilie und Naturliebe zu verknüpfen. Das macht er aber in dem bewussten Artikel wirklich vollkommen argumentfrei. Beides wird einfach nur zusammen gestellt von ihm. Und daran dann alles aufgehangen.

  4. Sorry, dass bei Ihnen der Eindruck entstanden ist, dass ich Ihre Kommentare blockiere – ich hatte nur heute vormittag etwas anderes zu tun.
    Blockieren würde ich nur mit vorheriger Ankündigung, was bisher in der gut siebenjährigen Geschichte dieses Blogs genau zweimal passiert ist.
    Und nun das dritte Mal. Herr Hake, Sie müssen ab jetzt woanders trollen.

  5. Na, da Sie ja nicht mehr veröffentlichen wollen, Ihre grüne Kinderstube lässt halt wirklich zu wünschen übrig, verbleiben wir halt so: Sie haben Stil und ich kann nicht lesen. So einfach gestrickt ist ihre deutsche Michelwelt. Viel Spass denn beim Blogwartspielen und pfelgen sie ihren Protestantismus! Gerade Menschen wie Sie braucht Deutschland.

  6. Na wir wussten ja schon immer, dass auch die Journalisten gerne klüngeln oder zu klüngeln wünschen, Kaste für sich spielen wollen, jetzt wird Niggemeier gekürt, sprich angeschleimt, damit die hinterfotzige Anmache des Gesprächspartners noch lapidar Verpackter rüberkommt. Ne, mein Lieber, wer sich hier auf seine Schreibe zuviel einbildet, auf seinen Stil sind Sie, Ihr Stil, Ihre Umgangsformen, Ihre Kinderstube lassen stark zu wünschen übrig. So einfach ist das!

  7. Als Blogwart, werter des Lesens offenbar nicht mächtiger Kommentator, habe ich mich übrigens nie bezeichnet, sondern nur als Wortwart.
    In dieser Eigenschaft gefiel mir hier, ebenso übrigens, vor sieben Jahren das Wort Blogwartwart:
    http://blogs.taz.de/wortistik/2006/08/12/blogwartwart/
    Wobei ich schon da nicht so sehr an mich, als vielmehr an Stefan Niggemeier dachte.

  8. Und dann der Hinweis auf die stilistischen Mängel – les ich erst jetzt -, sagen Sie mal, mein Lieber, ist Blogwart wirlich gerechtfertigt? Und der scharfrichtende Redakteur vom Dienst? Scheint so! Wenn Sie angreifen, greifen Sie besser an, zumindest stützen Sie Ihre Angriffe halbwegs durch die “kolportierten” Inhalte. Oder zählen Sie zur protestantischen Avantgarde a la Thilo Sarrazin, die Deutschland stilistisch bereichern wird?

  9. Och jo, handwerkliche Mängel, gemischt mit diesem überheblichen Seufz und das es geklappt hätte. Ne, rein gar nichts hat geklappt. Natürlich verweise ich ganz zu recht darauf, dass Sie den Beitrag in voller Länge nicht einmal kannten. Dass Sie sich jetzt erst recht bestätigt fühlen, na ja, das hab ich ja schon vorweggenommen, das war zu erwarten: ihre Antwort, typische Kommunikationsstrategie, ja noch mal, schon dieses Seufz ist dermassen lächerlich, zugleich anbiedernd und schulmeisterlich! Jo, da wirkt die grüne Schule, die grüne Pädagogik!

  10. @Ulrich Hake: Seufz.
    (Aber schön, dass es rein technisch jetzt doch geklappt hat, dass Ihr Kommentar hier erscheint)
    Wenn Sie vor dem Schreiben lesen würden, hätten Sie sicherlich bemerkt, dass im Ursprungs-Beitrag schon ausdrücklich stand, dass ich den Füller-Text nur in Auszügen kannte. Diese Auszüge waren ausreichend, um handwerkliche Mängel festzustellen.
    Der gesamte Text, den ich erst durch Stefan Niggemeier zur Kenntnis bekam (danke dafür), hat mein Urteil über die handwerklichen Mängel bestärkt. Dazu kamen inhaltliche Mängel, die ich hier im ersten Kommentar aufgeführt habe.

    (Dass Ihre Ausdrucksweise stilistische Mängel hat, wissen Sie ja selbst…)

  11. (mit ein paar Korrekturen versuch ich’s dann noch mal und keine Sorge, Sie können ja “händig” filtern, wollen Sie scheint’s auch, oder?)

    Na, na, also, hier geht’s ja zu wie bei Hempels unterm Sofa. Wat issen das einem Kollegen so hinterfotzig eine reinzuwürgen und dann ein Update zu veröffentlichen aus dem hervorgeht, dass das Resümee ohne Kenntnis des Artikels versaustückt wurde…

    Na dann sorgen Sie mal weiter für die richtigen Kommunikationsebenen, als spiritueller Blogwart und scharfrichtender Redakteur vom Dienst und der Rest der Schreiberlinge, immerhin langjährige Kollegen, als willfährige Untergebene ihrer Sache: “Der Autor ist seit 1982 Mitglied der Grünen.”

    Das ist kein Disclosure, das ist ein Offenbarungseid angesichts der Hinterfotzigkeit ihres Blogbeitrags. Ja, so hab ich meine Pappenheimer immer kennen- und schätzen gelernt… Selbst befangen, sind sie nicht befangen. So ungefähr hat dies das Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung auch für sich selbst konstatiert. Kein Wunder also, wie gesagt, dass nie ein Grüner Dreck am Stecken hat, Sie ja nun auch nicht, sie hätten nur liebend gern, befangen, den Text redigiert, entschärft und wohlmöglich verhindert. Nicht Füller’s Text sondern ihre Chuzpe sind das Problem. Am Ehesten trüge deshalb zur Wahrheits- und Faktenfindung bei, dass Sie ihr Disclosure mitbedenken. Handwerklich ist der Artikel von Füller vertretbar, wenn Sie jedoch mit derartiger Vehemmenz einem Kollegen schon fast kategorisch handwerkliche Mängel unterstellt und zudem die Schuld an einem gestörten Kommunikationsverhältnis geben, na Mann, Mann, wer spricht da, der grüne Besserwisser oder der auch für den Kollegen Mitverantwortliche? Na, wohl eher der grüne Besserwisser, das grüne Parteimitglied!

  12. Ach, schauen Sie ruhig wieder mal vorbei, aber bringen Sie dann bitte wenigstens einen Hauch eines Arguments mit, wann und wo ich jemals “die” Pädo-Grünen verteidigt hätte.

  13. Interessant, ein Grüner verteidigt hier ohne jeden Beleg und nur aufgrund irgendwelcher bei Wolf Schneider erlernter Wortklaubereien die Pädo-Grünen. Ich kannte Ihr Blog bislang nicht und werde es nun auch wieder verlassen. Viel scheint hier ja eh nicht los zu sein, auch wenn Sie drüben bei Stefan Niggemeier jede Menge Eigenwerbung machen. Tschüß!

  14. Hab’s mir angeschaut, wie angekündigt, unter der Leitfrage: Wie wäre ich als Redakteur mit diesem Text umgegangen, wenn er so als Manuskript auf meinem Schreibtisch gelandet wäre?
    Antwort: Ich hätte ihn dem Autor zurückgegeben. Zum (mindestens) Nacharbeiten.
    – Der im Text erweckte Eindruck, dass sich hier in vier Jahrzehnten überhaupt nichts geändert hätte, ist ja wohl grob unrichtig. Da möge der Autor bitte stärker unterscheiden zwischen dem linken Milieu von 1968ff und dem der Grünen ein Jahrzehnt später – wenn für die Grünen die sexuelle Befreiung DAS zentrale Thema gewesen wäre, hätten sie sich ja wohl nicht “Die Grünen” genannt.
    – Insbesondere ist der massive Schwenk der Grünen in Sachen Pädophilie im Jahr 1985 nicht berücksichtigt. Die Klatsche bei der NRW-Wahl damals ist hauptsächlich auf das “Kinderficker”-Thema zurückzuführen, danach war meiner Erinnerung nach sehr schnell Schluss mit Päderasten-AGs und freier Liebe in Parteiprogrammen.
    Hier einfach den großen Bogen aus einer Zeit Jahre vor der Gründung der Grünen bis heute zu schlagen, wäre mir ein viel zu lockerer Umgang mit dem tatsächlichen Ablauf der Geschichte. Und das lässt sich mit einfachem Redigieren nicht leisten, da müsste der Autor noch mal ran.
    Und wenn er das nicht wollte? Würde ich’s eben nicht drucken.