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vonDetlef Guertler 07.09.2013

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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„Es steckt nur etwas Geo-Taktik dahinter“, kommentierte André Kühnlenz gerade die Entscheidung Angela Merkels, beim gestrigen G-20-Gipfel als einziges anwesendes Nato-Mitgliedsland nicht die Syrien-Erkärung der USA zu unterschreiben. Anders als die Geostrategie oder die Geopolitik gibt es das Wort Geotaktik bislang nicht im politischen Sprachgebrauch. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass es sich durchsetzen wird.

Das Verhalten Merkels vor, während und nach St. Petersburg werte ich wie Bernd Ulrich auf Zeit Online als absoluten Tiefpunkt ihrer Kanzlerschaft. Nicht, weil ich so dringend Raketen auf Damaskus abfeuern möchte: Ich bin strikt gegen eine Intervention in Syrien ohne UN-Mandat. Aber ich bin noch strikter gegen eine feige Regierung: Wer sich in dieser Angelegenheit gegen Obama stellen will, muss das VORHER klar und deutlich sagen – dann kann man streiten, die Konfliktlinien abstecken und hinterher so oder so entscheiden. Aber vorher die Schnauze halten und dann, wenn’s drauf ankommt, sich raushalten, das geht gar nicht.

Merkel hätte vorher nun wirklich mehr als genug Möglichkeiten gehabt, Worte wie „Völkerrecht“ oder „Humanität“ oder „Wichtigkeit eines EU-weit abgestimmten Verhaltens“ zu verwenden. Sie hat es nicht getan. Sie steht nicht mal jetzt in irgendeiner Form inhaltlich zu ihrem Stimmverhalten. Eine Kanzlerin mit einem solchen rückgratlosen Opportunismus ist, leider, ein Sicherheitsrisiko. Wenn’s ums Geld geht, dem ganzen Kontinent Daumenschrauben anlegen, aber wenn’s um Krieg geht, so tun, als sei man Liechtenstein – das ist doch keine Politik. Das kann man bei einem frischgewählten Staatschef vielleicht entschuldigen, aber nicht bei einer altgedienten Polit-Muräne wie Merkel.

„Glaubt sie eigentlich, dass Deutschland nie mehr Freunde brauchen wird?“, fragt Bernd Ulrich völlig entgeistert. Und mir kommt dazu jenes Wochenende im Jahr 1998 in den Sinn, genau 15 Jahre vor der jetzigen Bundestagswahl, als die Chefs der größten Banken der Welt versammelt waren, und Fed-Chef Alan Greenspan den Hut rumgehen ließ, um die paar Milliarden zusammenzukriegen, die benötigt wurden, um die Pleite des Hedge-Fonds LTCM und damit den Zusammenbruch des Welt-Finanzsystems abzuwenden. Eine Bank zog sich völlig aus der Verantwortung: Bear Stearns. Und eine zahlte weniger als alle anderen: Lehman Brothers. Beide sollten das Jahr 2008 nicht überleben.

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kommentare

  • Rolle rückwärts oder seitwärts oder abwärts, hier im Merkel-Wortlaut:
    „Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßt, dass die EU-Außenminister sich in Vilnius auf eine gemeinsame Haltung zum Syrien-Konflikt geeinigt haben. … Das Signal eines in seiner Haltung zu diesem schrecklichen Konflikt geeinten Europas ist von unschätzbarer Bedeutung. Der Erfolg von Vilnius zeigt, wie richtig die deutsche Entscheidung in St. Petersburg war, zunächst auf eine gemeinsame europäische Position hinzuwirken.
    Die Bundesregierung wird sich nun als 12. Staat der gestrigen St. Petersburger Erklärung zum Syrienkonflikt anschließen.“
    Wenn ich das aus dem Diplomatischen ins Deutsche übersetze, heißt das doch in etwa: Wir Deutschen hatten vorher keine Haltung zu Syrien und haben jetzt auch keine Haltung dazu. Wir sind aber froh, dass es jetzt eine gemeinsame Haltung der EU gibt, und da sind wir dann natürlich mit dabei.
    Diese gemeinsame Haltung unterscheidet sich logischerweise in nichts von der gemeinsamen Haltung, auf die diejenigen EU-Staaten, die so etwas wie eine Haltung zu Syrien haben, sich gestern bereits auf der G-20-Tagung geeinigt haben. Da haben wir das aber noch nicht unterschrieben, weil ja theoretisch Österreich oder Luxemburg noch wichtige Änderungen an unserer gemeinsamen europäischen Haltung hätten einbringen können. Haben sie aber nicht. So wie wir ja auch nicht.
    Wenn wir uns auf diesen Spin jetzt einlassen, wenn wir also tatsächlich glauben, dass sich Merkel nicht aus hässlicher Berechnung auf die Seite Putins gestellt hat; und dass es ihr so wichtig ist, eine gemeinsame EU-Beschlusslage abzuwarten: Warum in drei Teufels Namen hat sie das gestern nicht GESAGT? Warum hat sie nicht zumindest ihren Einfluss auf Italien und Spanien geltend gemacht – die hätten doch dafür offen sein müssen, zugunsten einer EU-Lösung die Unterschrift unter ein Obama-Papier um 24 Stunden zu verschieben. Wenn sie schon Hollande und Cameron nicht einfangen kann, die ja gerne ihre persönlichen Außenpolitiken fahren, wie kann es sein, dass Merkel nicht wenigstens versucht hat, die anderen einzufangen? Liegt es vielleicht doch daran, dass Merkel die gesamte Außenpolitik EGAL ist? Oder daran, dass sie kein Rückgrat und keine Ahnung hat? Dass sie nur dort Haltung zeigen kann, wo sie von Wolfgang Schäuble beraten wird? Oder woran sonst?

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