Entoptionalisierung

Endlich mal wieder ein Blogbeitrag von Meike Winnemuth, den ich voll und ganz genießen konnte. Ihre Blogs über „Das kleine Blaue“ und „Vor mir die Welt“ haben hier in den vergangenen Jahren mehrfach Niederschlag gefunden (den Freudschen Verschreiber Neiderschlag habe ich natürlich sofort getilgt), mit ihrem diesjährigen Projekt „Zurück auf Los“ fremdelte ich bislang noch – wohl weil sie diesmal nicht das Ferne, sondern das Nahe beschreibt, und weil sie nicht so sehr beschreibt, was das Neue mit ihr macht, sondern was es mit ihr macht, prominent zu sein.

Aber ich schweife ab. Heute schreibt sie jedenfalls über ihre (Nicht-) Erlebnisse auf Spiekeroog:

Einige moderne Lieblingsausdrücke für eigentlich ziemlich gute Ideen gehören zu den hässlichsten Wortschöpfungen der letzten Jahre. Nachhaltigkeit. Entschleunigung. Achtsamkeit. Ganzheitlichkeit. Ich möchte dieser Sammlung ein weiteres hinzufügen, das fast noch besser als die anderen zu Spiekeroog passt, zumal im Winter: Entoptionalisierung. Die Möglichkeiten auf einer Insel sind ohnehin schon begrenzt, das ist ja das Wunderbare an ihnen. Bereits die An- und Abreise unterliegt dem Gezeitenkalender: Bei Hochwasser geht’s, sonst nicht. … Ist man heil auf Spiekeroog gelandet, schnurrt die schöne grüne Insel, die da vor einem liegt, schnell auf eine Handvoll Sträßchen zusammen – eben, weil sie so schön und grün ist. Ganz Spiekeroog ist Naturschutzgebiet, von den 18 Quadratkilometern darf man etwa 90 Prozent nicht betreten. … Aber es wird noch übersichtlicher: Von den Geschäften, Restaurants und touristischen Vergnügungen sind gefühlte weitere 90 Prozent in der Winterpause. … Das Verrückte an der Sache ist nun, dass das wenige Verbliebene mehr als genügt.

Gerade erst haben wir es geschafft, durch Wirtschaft und Wachstum und Telefon und Internet die Zahl unserer Optionen ins Unermessliche zu steigern. Da wächst die Sehnsucht nach dem Gegentrend. Danach, dass uns jemand (und sei es unsere Reiseplanung) die Optionen eingrenzt. So eingrenzt, dass wir uns gut dabei fühlen, nicht mehr die ganze Welt, sondern nur eine Handvoll Möglichkeiten zur Verfügung zu haben.

Ja, so etwas kenne ich. Vor knapp 20 Jahren habe ich das auch erlebt – ganz ohne auf eine einsame Insel in der Nebensaison zu fahren.

Das war, als ich Vater wurde.

Kinder sind wohl das beste Entoptionalisierungsprogramm, das man sich vorstellen kann. Noch viel ganzheitlicher und nachhaltiger als Spiekeroog.

Kommentare (2)

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  1. „Entoptionalisierung“?
    Ich mag mich stante optione ob solcher Wortung gerne entoptionalisieren.

  2. Deinem wunderbaren Schluss möchte ich nur noch etwas hinzufügen:

    Auf deutschem Boden hatten wir einen Entoptionalisierungs – Staat, die DDR. Ach wie war es doch da einfach, zwischen 3 Fliesenalternativen zu entscheiden, die eh nicht lieferbar waren 🙂