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vonDetlef Guertler 10.01.2017

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Was Verrohung ist, wissen wir. Sitten können verrohen, Menschen, Gesellschaften, und Kommunikation. Letzteres wird gerade von fefe („Morddrohungs-Mistgabel-Mobs“) bis Poschardt („Wo leben wir eigentlich?“) wegen eines Shitstorms gegen Roland Tichy festgestellt.

Und: Sie haben recht. Das geht nicht. Obwohl es schon lange so geht, sollte das eigentlich gar nicht gehen. Denn natürlich gibt es das schon lange, und deutlich heftiger als jetzt bei Tichy, wie es Ulf Poschardt gleich von mehreren Diskutanten bestätigt wurde:

  • „Ich bekomme fast täglich von irgendwelchen Fake-Accounts Morddrohungen. Sie zeigen ihr Gesicht nie.“
  • „Frag‘ mal jemand wie Volker Beck, der Morddrohungen inklusive detaillierter Folterszenarios morgens aus der E-Mail fischt wie andere Leute Spam. Oder frag prominente Frauen in der Politik nach den Vorschlägen für ihre Gruppenvergewaltigungen mit anschließender Schlachteplatte.“
  • „Wir haben ALLE „Morddrohungen“ aus allen Richtungen bekommen, oder? „Morddrohungen“ sind die Reichsmark von 1920.“
  • „Sogar ich hab schon Morddrohungen bekommen und mein Verbreitungsgrad ist quasi nicht vorhanden. Das ist halt so im Internet.“

Ja, so ist das im Internet. Aber das heißt doch nicht, dass es auch so bleiben muss. Was verroht ist, kann doch auch wieder entroht werden. Eine „klare Grenze zu Diffamierung, Verunglimpfung und indirekten Aufrufen zur Gewalt“ wünschte sich beispielsweise Lamya Kaddor vor drei Monaten in einem taz-Interview, zu einer Zeit, als sie „eine Flut von Zuschriften voller Häme, Hass, Verunglimpfungen und Gewaltfantasien“ erhielt. „Viele beziehen sich ausdrücklich auf diffamierende Artikel, die in den letzten Tagen auf rechten Blogs wie „Tichys Einblick“, der „Achse des Guten“ oder in der FAZ erschienen sind.“ 

Natürlich ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, eine „klare Grenze zu Verunglimpfung“ zu ziehen, wie es sich Frau Kaddor wünscht. Dann könnte nämlich vermutlich gar kein Streit mehr stattfinden, und davon hat niemand etwas.
Aber es lässt sich in einigen Fällen sicher festlegen, was auf jeden Fall JENSEITS der Grenze ist. Zum Beispiel Morddrohungen. Sie sollten für jeden Publizisten ein Alarmsignal sein – und kein Anlass für klammheimliche Freude, wie ich es sowohl rechts als auch links schon erlebt habe.
Eine Null-Toleranz-Selbstverpflichtung sollte möglich sein. Eine Selbstverpflichtung, die nicht nur für die eigenen Texte den Verzicht auf Gewaltaufrufe umfasst, sondern auch die Bereitschaft, gegen Leser vorzugehen, die sich von diesen Texten zu Gewaltaufrufen, Morddrohungen etc. anregen lassen. Das erfordert:

a) eine Bereitschaft, mit den Betroffenen zu kommunizieren – also jenen, die man selbst attackiert hat.

b) eine Bereitschaft, mit Polizei und Justiz zusammenzuarbeiten, um dem Abschaum unter den eigenen Fans das Handwerk zu legen.

c) das Eingeständnis, dass man als Publizierender nicht nur für das verantwortlich ist, was man schreibt, sondern auch mitverantwortlich für das, was man damit auslöst.

Schwer. Aber machbar.

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