Archive for the ‘Kindermund’ Category

30.10.2012 von Detlef Guertler
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Altenschutzbehörde

von Detlef Guertler

“Darfst du Mama überhaupt alleine lassen?”, fragt Clemens, 11, als ich ihn von seiner nachmittäglichen AG abhole. “Pass auf, dass das keiner der Altenschutzbehörde meldet.”

Gibt’s doch gar nicht, will ich ihm sagen. Aber dann denke ich noch mal drüber nach: So wie die Bevölkerung gerade altert, kann es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es als staatliche Aufgabe gilt, die Vernachlässigung und/oder Verwahrlosung von Alten zu verhindern. So wie seit diesem Jahr Pädagogen verpflichtet sind es zu melden, wenn sie bei ihnen anvertrauten Kindern Anzeichen von Vernachlässigung bemerken, (worauf dann Jugendschutz und/oder Jugendamt einschreiten) so kann es dann Pflicht werden, solche Anzeichen bei alten Menschen zu melden.

Also hat Clemens möglicherweise ein Wort erfunden, für das es erst in einigen Jahren oder Jahrzehnten einen Bedarf gibt. Also sage ich ihm nicht “Gibt’s doch gar nicht”, sondern natürlich “Erzähl bloß Mama nicht, dass sie ein Fall für die… weiter lesen

01.08.2012 von Detlef Guertler
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Bayby

von Detlef Guertler

Ein klarer Fehler im Diktat: Es heißt nicht Baybysitter, sondern Babysitter. Clemens, 11, protestiert: “Aber man spricht es doch so, als wäre da noch ein Ypsilon mehr drin.” Stimmt. Aber man schreibt es nicht so. Ist halt englisch. Andererseits: Im Englischen gibt es das Wort “Bay”, Bucht, das so gesprochen wird wie die erste Silbe von Baby. Da wäre es doch logisch, wenn man dem Baby auch noch ein Ypsilon mehr gönnen würde, oder?

Vielleicht, Clemens, hast du ja recht, und die Schreibweise von Baby passt sich eines Tages an die Sprechweise an – der Baybysitter ist möglicherweise die korrekte Schreibweise im Jahr 2035, oder so.

Aber komm bloß nicht auf den Gedanken, das jetzt immer so zu schreiben – kein Deutschlehrer wird dir dieses Argument abnehmen.

20.03.2012 von Detlef Guertler
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Schandstoff

von Detlef Guertler

“Wie heißt der flüssige Blutbestandteil und nenne die Aufgabe?”

lautete die Zusatzaufgabe in Clemens’ NaWi-Test über Blut und Blutkreislauf. Seine Antwort (mit 1 von 3 möglichen Punkten bewertet):

Blutplasma: Wegspülung von Viren und Bakterien (Schandstoffe)

Das ist nicht wirklich die Aufgabe des Blutplasmas, auch nicht auf den Kenntnisstand eines Berliner Fünftklässlers heruntergebrochen, deshalb ja auch nur ein Punkt für die richtige Namensnennung, und Viren und Bakterien würde man ja wohl auch eher als Krankheitserreger denn als Schadstoffe bezeichnen, aber, hey, da steht ja auch gar nicht Schadstoffe – da steht Schandstoffe.

Wenn Schadstoffe Stoffe sind, die einen Schaden verursachen können, dann könnten analog dazu Schandstoffe Stoffe sein, die eine Schande verursachen. Was hin und wieder auch auf Viren oder Bakterien zutreffen kann: auf Treponema pallidum zum Beispiel, den Syphilis-Erreger, oder auf das Aids-Virus HIV. Aber natürlich auch etwas ganz anderes bezeichnen kann. Latex beispielsweise (im Vatikan) oder Alkohol (in Scharia-Ländern)… weiter lesen

01.01.2012 von Detlef Guertler
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Nahseher

von Detlef Guertler

“Nichts los hier im Nahsehprogramm”, quengelt Leonie, 16, gerade. Mindestens fünf Minuten lang ist niemand mehr durch jene kleine Gasse Calle Buitrago in Marbellas Altstadt gelaufen, die man vom Esstisch in unserer neuen Wohnung so gut im Blick hat – vor allem, wenn man direkt vor dem Kamin sitzt.

Nach zwei Wochen mitten in der Altstadt bekommen wir langsam ein Gefühl für den Rhythmus der Gasse. Jeden Morgen gegen acht Uhr fegt die städtische Reinigungskraft hier entlang; eine gute Stunde später stellen die Jungs von der Churreria ihre Stühle raus, bald danach donnert der erste Fußball an das Gitter unseres Wohnzimmerfensters (in der Schulzeit hoffentlich erst später), und das alte Ehepaar von nebenan schlurft spazieren. Das Abendprogramm schließlich läutet David ein, wenn er sich gegen 21 Uhr zur Arbeit in seine Bar „Barbella“ begibt (Es kann gar nicht illegal sein, wenn ich ihn dort mit unseren minderjährigen Kindern besuche, weil… weiter lesen

20.11.2011 von Detlef Guertler
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Stress-Ruhe-Balance

von Detlef Guertler

“Clemens, denk dran, du musst um 10 bei der Chorprobe sein!” Clemens putzt seine Zähne, als hätte er alle Zeit der Welt. Noch nie in seinem zehneinhalbjährigen Leben hat er sich so viel Zeit dabei gelassen, scheint mir. Als er wieder bei mir in der Küche vorbeikommt, hat er immerhin schon seinen Jacke an – aber noch keinen einzigen Schuh. “Clemens, deine Schuhe!” – “Ja ja.” Greift sich den ersten Schuh, schlüpft hinein und wirft mir ein “Bring’ mich nicht aus meiner Stress-Ruhe-Balance” zu.

“Deine was bitte?” – “Meine Stress-Ruhe-Balance”, sagt Clemens, und greift sich den zweiten Schuh. “Mal hat man Stress, mal hat man Ruhe.” Spricht’s, und schlendert zum Fahrstuhl.

Stress-Ruhe-Balance? Mal abgesehen davon, dass ich mich nicht erinnere, meinen Sohn jemals im Stress erlebt zu haben, scheint mir dieser Begriff eine extrem gelungene Übersetzung der denglischen Work-Life-Balance zu sein. Denn diese leidet erstens darunter, dass sie sich nicht… weiter lesen

06.06.2011 von Detlef Guertler
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weltbeliebt

von Detlef Guertler

Justin Bieber – “der ist ja weltbeliebt”, sagt Clemens, 10. “Weltbeliebt?”, frage ich. “Ja, weltbeliebt”, antwortet Clemens. “Hm, das Wort ist mir neu”, meine ich. “Aber braucht man das überhaupt, wo es doch schon weltbekannt und weltberühmt gibt?” – “Na klar”, sagt Clemens, “es gibt ja Leute, die weltbekannt sind, aber nicht weltbeliebt. Hitler zum Beispiel. … Da hättest du auch selber drauf kommen können – du bist doch Deutscher.”

19.04.2011 von Detlef Guertler
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notgezwungen

von Detlef Guertler

“Und? habt ihr Fußball gespielt?”, frage ich Clemens, als ich ihn abends bei Nico abhole. “Nicht viel”, antwortet er: “Wir waren auf dem Sportplatz, aber dann hat es angefangen zu regnen, und wir mussten notgezwungen wieder zurück.” Nicht notgedrungen: notgezwungen.

Und eigentlich hat Clemens ja recht: Die Not zwingt einen wesentlich eher, als dass sie einen drängt. Gier, Liebe, Heimweh und ein paar andere Gefühle können ganz schön drängen – giergedrungen wäre also durchaus in Ordnung. Aber notgedrungen? Holpert inhaltlich. Notgezwungen hingegen ist inhaltlich sauber, holpert uns aber sprachlich, weil wir das Wort nicht kennen.

Aber wie sagte doch schon Goethe über das Land, wo die Zitronen blühn: Du kennst es nicht? Du wirst es kennen lernen.

14.02.2011 von Detlef Guertler
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expertig

von Detlef Guertler

“Die Namen von Napoleons Generälen kann sich bestimmt keiner merken”, meint Clemens, 9, “das sind viel zu viele.” – “Na ja, ein paar Experten könnte es schon geben, die alle Namen kennen”, wende ich ein. “Die müssen dann aber schon sehr expertig sein”, antwortet Clemens trocken. Und obwohl ich mich für einen ziemlichen Wortexperten halte – dieses Adjektiv war mir noch nie begegnet.

05.02.2011 von Detlef Guertler
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schlechttun

von Detlef Guertler

Familiäres Mittagessen. Alles essen mit Gemüse gefüllte Wraps, bis auf Clemens, 9. Bei ihm beschränkt sich die Füllung auf Tomate Frito, etwas Käse und ein paar Maiskörner – das einzige gemüseähnliche Nahrungsmittel, das bei ihm gelegentlich Gnade findet.
Heute nicht. Jedes Maiskorn pult er vorsichtig und säuberlich aus dem Wrap heraus. “Was soll das Clemens? Du isst doch gerne Mais!” – “Nein, Papa, heute tut er mir schlecht.” Und er setzt die Leidensmiene auf, die er sich in den letzten drei Krankheitstagen redlich verdient hatte, die heute aber eigentlich schon wieder dem Genesungsgesicht gewichen war. Hätte er gesagt “Der Mais tut mir nicht gut”, hätten wir ihn wahrscheinlich nicht so einfach davonkommen lassen – nicht guttun bedeutet ja noch lange nicht, dass es ihm schadet. Aber gegen Schlechttun kommen Eltern natürlich nicht an.
Zumindest nicht direkt. Als wir alle fertig sind (bis auf Clemens, das Rauspulen dauert halt… weiter lesen

15.01.2011 von Detlef Guertler
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fremdstupsen

von Detlef Guertler

Samstag Abend im Internat. Franzi, Markus und Leonie auf dem Rückweg aus der Cafeteria (wo sich Franzi und Markus sehr intensiv geneckt haben) in die Wohnhäuser. Auf den letzten Metern biegt Franzi ab und gibt Leonie noch ein “Aber nicht fremdstupsen!” mit auf den Weg.

Stupsen kennt man natürlich. Aber wer Facebook nicht kennt, kennt natürlich das moderne Stupsen nicht. Jeden Facefreund kann man anstupsen – und weil sich dabei diverse Übergänge zwischen virtueller und realer Welt ereignen können, ist das Fremdstupsen natürlich ein durchaus reales Problem.

Manchmal bestimmt auch eine durchaus reale Lösung. Aber nicht an diesem Abend im Internat.