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Beiträge für die Kategorie ‘Kindermund’

29.12.2009

Drehtext

von Detlef Guertler

Erster Tag des Weihnachts-Theaterworkshops. Lucie, 11, und Clemens, 8, sitzen nach dreistündiger Probe wieder im Auto. “Lucie, hast du meinen Drehtext dabei?”, will Clemens wissen. “Na klar”, sagt Lucie, und gibt ihm die vier kopierten Blätter. “Das ist aber deiner!”, protestiert der Junge. “Dein Text ist da mit drauf”, gibt sie zurück.

“Wieso überhaupt Drehtext?”, mische ich mich ein. “Das heißt doch Drehbuch.” Lucie prustet los. “Vier Seiten, das ist ja wohl kein Buch! Das ist nicht mal ein Drehheft, sondern eben nur ein Drehtext.” Wo sie recht haben, haben sie recht.

24.12.2009

Weihtagten

von Detlef Guertler

“Papa, jetzt ist Weihtagten, oder?” – “Ja, Lucie.”

20.12.2009

umreihenfolgen

von Detlef Guertler

“Nein, das sollst du nicht schreiben”, sagt Leonie (14). “Das hat mir NametutnichtszurSache persönlich erzählt.” – “Aber wie soll ich meinen Lesern denn sonst erklären, was umreihenfolgen sein soll?” – “Also gut”, sagt sie. “NametutnichtszurSache hat eine Reihenfolge seiner “Lieblingsbeschäftigungen”: Sport, Freunde und Musik. Aber manchmal denkt er, dass das auch anders sein könnte – weil Freunde ja eigentlich wichtiger sind als Sport…” – “…oder weil eines Tages “Freundinnen” wichtiger sein könnten als “Freunde”", werfe ich ein. “Oder noch ganz anders”, antwortet Leonie. “Jedenfalls müsste er dann seine Lieblingsbeschäftigungen umreihenfolgen.”

“Da, wo Peter Sloterdijk schreibt: Du mußt dein Leben ändern, würdest du also eher schreiben: Du mußt dein Leben umreihenfolgen?” – “Aber nicht mit ß.”

08.09.2009

forschlich

von Detlef Guertler

Beim Abendessen quasselt Clemens, 8, die ganze Zeit von Réunion. Weil sich seine große Schwester Leonie derzeit dort im Schüleraustausch aufhält, haben wir uns vorgestern eine TV-Dokumentation über dieses Stück Frankreich mitten im Indischen Ozean angeschaut. Und Clemens sprudelt noch immer über von Vulkanen, Magma-Flüssen, Tiefseefischen und was da sonst noch so alles vorkam. “Réunion ist eben forschlich sehr interessant”, sagt er zwischen zwei Löffeln Ketchup-Reis.

Wenn er wissenschaftlich gemeint hätte, hätte er sicherlich auch wissenschaftlich gesagt. Aber Wissenschaftler kann man auch im Büro oder Bibliothek sein – Forscher nur im direkten Einsatz in Wald oder (Runinen-)Feld, je nachdem. Von wissenschaftlichem Interesse kann demnach alles mögliche sein; von forschlichem Interesse ist wesentlich weniger. Wohingegen das, was zwar von wissenschaftlichem, aber nicht von forschlichem Interesse ist, für Clemens relativ uninteressant ist.

26.08.2009

Geschichtsgymnasium

von Detlef Guertler

“Ich will auch auf so ein besonderes Gymnasium”, fordert Clemens. Der ist zwar mit 8 Jahren noch etwas jung dafür, sieht aber bereits Handlungsbedarf. Seine älteste Schwester Leonie ist vor zwei Jahren auf das Hochbegabtengymnasium St. Afra im sächsischen Meißen abgewandert, und seine andere Schwester Lucie geht ab nächster Woche auf die Salzmannschule, ein Sprachengymnasium im thüringischen Schnepfenthal. 

Nun sind wir im Moment zwar etwas angespannt bei dem Gedanken, das dritte Kind irgendwo zwischen dem mecklenburgischen Greifswald und dem westfälischen Holzwickede unterzubringen, aber natürlich sollte dem Jungen recht sein, was den beiden Mädchen billig ist – schon gar, wenn der Vater gerade ein ganzes Buch lang dafür plädiert, jedem Kind die bestmögliche, individuell zu ihm passende Bildung zu ermöglichen.

“Was soll das denn für ein Gymnasium sein, Clemens?” – “Ein Geschichtsgymnasium natürlich.” Natürlich, was sonst. Wir Eltern schauen uns fragend an: Gibt es sowas überhaupt? Dann schauen wir fragend bei Google nach, und stellen fest: Es gibt Musikgymnasien und Sportgymnasien, Kunstgymnasien und Sprachgymnasien, Technikgymnasien und sogar Schachgymnasien – aber kein Geschichtsgymnasium.

Das bringt mir zwar jetzt ein neues Wort – aber in knapp zwei Jahren mutmaßlich ein massives Problem. Oder gibt es gerade irgendwo in der Republik eine Initiative zur Gründung eines Geschichtsgymnasiums, die zum Schuljahr 2011/12 startbereit wäre?

24.06.2009

Hochdeutscher

von Detlef Guertler

“Woher kommt eigentlich der NametutnichtszurSache?”, will Lucie (10) am Frühstückstisch wissen. “Aus Schwaben vermutlich”, antworte ich, “zumindest redet er ziemlich Schwäbisch.” – “Wusst` ich`s doch, dass der kein Deutscher ist”, triumphiert Lucie. “Natürlich ist ein Schwabe ein Deutscher”, protestierte ich, doch Lucie gibt sich nicht so schnell geschlagen: “Aber kein Hochdeutscher.”

Interessanter Ansatz. Als ich in Schriesheim bei Heidelberg aufs Gymnasium ging, gab es dort zwar jede Menge eingeborener Kurpfälzer, darunter auch einige, die in breitestem Kurpfälzisch kommunizierten, aber so etwa ab der 8. Klasse wurden letztere immer seltener – beim Abitur waren die Hochdeutschen unter sich. Vermutlich lässt sich auch heute noch ähnliches erleben. Zumindest für soziolinguistische Studien (und Gürtlersche Frühstücke) müsste das Substantiv Hochdeutscher also eigentlich brauchbar sein.

22.05.2009

Babyheit

von Detlef Guertler

“Was wisst ihr noch von eurer Babyheit?”, fragte uns Clemens gestern abend. Nichts natürlich – aus seiner Kindheit mag man sich noch an das eine oder andere erinnern, aber auch die klügsten Eltern mit dem besten Gedächtnis haben keine eigene Erinnerung an ihre Zeit als Baby; allenfalls das, was ihnen von anderen wiederum erzählt wurde, kann ihnen einfallen.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum die deutsche Sprache das Wort Kindheit sehr wohl, die Babyheit hingegen gar nicht kennt. Aber ein bisschen ungerecht ist das schon. Vielleicht könnten wir uns dann wenigstens auf einen Mittelweg einlassen: die Kleinkindheit?

17.04.2009

bad-bye

von Detlef Guertler

Weil Lucie, 10, beim Frühstück gerade nichts anderes zu tun hat, zitiert sie aus dem Gedächtnis drei Sätze, die sie vor Monaten mal für den Unterricht auswendig gelernt hat. “Integration ist die Eingliederung eines oder mehrerer Menschen in eine Gruppe. Das integrierte Mitglied erhält die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Mitglieder der Gruppe. Die Mitglieder der Gruppe respektieren das neue Mitglied, so wie es ist.”

(Oder so ähnlich)

Leonie, 13, versucht das nachzusprechen. “Integration ist, wenn…” – “Falsch!”, kräht Lucie, und sagt ihr Sprüchlein nochmal auf. Nächster Versuch von Leonie: “Integration ist die Eingliederung eines Menschen…” – “Schon wieder falsch!” Da hat Leonie die Nase voll. “Mir reicht’s”, ruft sie, räumt ihren Teller ab und stampft aus der Küche zurück in ihr Zimmer – nicht ohne uns vorher ein “Bad-Bye” zuzuschnauben.

“Wenn du Bad-Bye in deine Wortistik reinschreibst, ist Leonie bestimmt wieder besser gelaunt”, sagt Lucie. Hoffentlich hat sie recht – obwohl Leonie ja nicht ganz die erste ist, die dieses Negativ von Good-bye verwendet: Rory Gilmore hat es auch schon benutzt, in der ersten Folge der siebten Staffel der “Gilmore Girls”. Aber da Rory ohnehin (neben Marie Curie) das einzige Vorbild ist, das sich Leonie erlaubt, wird das nicht so schlimm sein.

07.03.2009

Milchkannenort

von Detlef Guertler

Mit Lucie auf großer Fahrt von Berlin nach Meißen. Besser gesagt: auf langer Fahrt. Man hat die Auswahl zwischen erstens ICE nach Leipzig, Bummelzug nach Riesa, Bus nach Meißen, oder zweitens EC nach Dresden, S-Bahn nach Meißen oder drittens Bummelzug nach Elsterwerda, Bummelzug nach Coswig, S-Bahn nach Meißen. Mehr als drei Stunden braucht man mit der Bahn selbst im besten Fall, und dieser beste, und billigste, Fall geht über Elsterwerda. “Warum braucht der Zug so lang?”, will Lucie wissen. “Weil er an jeder Milchkanne hält”, antworte ich, und weil ich im Zweifel bin, ob der historische Zusammenhang zwischen Milchkannen und Bummelzügen in der jungen Generation noch präsent ist, erkläre ich ihn gleich mit.

Stunden später. Wir haben Stationen wie Luckau-Uckro, Doberlug-Kirchhain, Walddrehna, Hohenleipisch, Golßen und Rückersdorf passiert und konnten uns beim Halt in Prösen-Ost der hoch interessanten Frage widmen, ob es auch Prösen-Süd, -West, -Nord oder gar Prösen-Zentrum gibt. Als schlauer Bahnfahrer weiß ich, wie es danach weitergeht, und eröffne meiner Tochter, dass wir nur noch Frauenhain, Zabeltitz, Großenhain, Priestewitz, Niederau und Weinböhla vor uns haben, bevor wir uns dann in Coswig sputen müssen, um in nur vier Minuten von Bahnsteig 5 bis Bahnsteig 2 zu hasten, um die S-Bahn Richtung Triebischtal zu erwischen. “Lauter Milchkannenorte”, sagt Lucie, und vertieft sich wieder in ihr Buch.

08.02.2009

Nub

von Detlef Guertler

“Ich hab’ ein Wort für dich”, sagt Leonie, als sie endlich wieder auf unserer Terrasse in Marbella sitzt (Winterferien in Sachsen): “Nub.” – “Nub? Was soll das denn sein?” – “So nennen wir in Afra jemand, der zwar ganz viel für die Schule lernt, aber trotzdem nicht wirklich gut ist.” – “Also sowas wie ein Streber, aber mit durchschnittlichen Noten?” – “Genau.” – “Nub oder Noob?” – “Weiß ich nicht, wir haben das noch nie geschrieben, sondern nur gesagt.” – “Selbst erfunden oder von irgendwo übernommen?” – “Keine Ahnung, kannst ja mal googeln.”

Also google ich. “Noob” (gesprochen Nuhb) gibt es: als Abkömmling des Newbie, der wiederum ein Neuwort für einen Neuling ist. ”Nub” (gesprochen Nabb) gibt es auch: als Kernstück, aber auch als Knopf oder Noppe. Beides stimmt nicht mit der von Leonie genannten Bedeutung überein. Muss es aber auch nicht, wer von uns kennt sich schon in Anglizismen aus. Also schreiben wir Nub, sprechen es Nuhb, meinen damit einen Streber mit durchschnittlichen Noten, und fragen uns und die Leser, ob es dafür in irgendeiner Ecke Deutschlands bereits ein gebräuchliches Wort gibt.