15.05.2013 von Detlef Guertler
Oha, die neue Spaßpartei AfD ist offenbar doch nicht nur reaktionär und realitätsfern. Die können sich sogar neue Wörter ausdenken. So geschehen bei AfD-Beiratsmitglied Roland Vaubel, über dessen Porträt im “Mannheimer Morgen” Wortistik-Leser Hans-Martine gestolpert ist. Dort heißt es:
“Schäuble hat keine Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen. Merkel erst recht nicht. Brüderle ist ein Verbändeknecht”, kritisiert der VWL-Professor. “Viele Menschen in der Politik sind euromantisch veranlagt und handeln realitätsfern.”
Mal ganz unabhängig von der Frage, was für ein Realitätsbild VWL-Professoren so haben: Ist nicht gerade das Heraufbeschwören einer guten alten EWG-Zeit, als noch jeder seine eigene Währung hatte und nur für sich selbst verantwortlich war, Romantik pur?
25.03.2013 von Detlef Guertler
Guthabensteuer hatten wir hier vor ziemlich genau einer Woche eingeführt, natürlich auf die Situation in Zypern bezogen. Jetzt ist es anders gekommen, es werden nicht so sehr Guthaben besteuert als vielmehr Banken abgewickelt, mit den entsprechend schmerzhaften Folgen für alle, die diesen Banken Geld gegeben haben, ob als Eigenkapital (weg) oder als Spareinlage (heftig gerupft jenseits von 100.000 Euro).
Womit es natürlich noch wichtiger für alle Betroffenen geworden ist, möglichst viel Geld von eben jenen Banken, nämlich Laiki und Bank of Cyprus, abzuziehen. Bei Twitter hat pgk1966 hierfür das schöne Wort “Guthabenhinterziehung” gefunden – möglicherweise nicht wissend, dass genau das in der vergangenen Woche massiv stattgefunden hat. Mehrere hundert Millionen Euro seien aus zyprischen Banken vergangene Woche abgeflossen, obwohl doch alle Banken geschlossen waren, berichtetet Reuters. Und nennt auch gleich einige der vermutlichen Abflusswege: die englischen Filialen von Laiki und Bank… weiter lesen
21.03.2013 von Detlef Guertler
Ist es schon zu spät, um eine Lösung für Zypern vorzuschlagen? Nein? Na dann nix wie los!
Der rettende Einfall kam gerade auf Twitter von Josh Brown aka ReformedBroker. Er schrieb:
“My plan to fix Cyprus is a tax on bank runs.”
In Steuerdeutsch übersetzt wäre das wohl eine Auszahlungssteuer: Von jedem Euro, den man sich von seinem Konto auszahlen lässt (oder ihn irgendwo anders hin transferiert), werden dann irgendetwas zwischen 2 und 25 Cent abgezogen und direkt in die Staatskasse/den Solidarfonds/die Bankenrettung/den EU-Haushalt oder wie auch immer transferiert. Auf diese Weise blieben die Sparer ungeschoren – weil sie ja einfach nur ihre Ersparnisse auf der Bank liegen lassen müssen, und nur die Angsthasen, die jetzt ihr Konto plündern wollen, würden entsprechend gestraft.
Großartig, nicht wahr. Und ordnungspolitisch bestimmt total korrekt, immerhin haben ja sogar die Schweizer eine solche Steuer im Angebot. Also los, Zypern retten!
18.03.2013 von Detlef Guertler
“Solidarabgabe” hat die zyprische Regierung ihren geplanten Zugriff auf sämtliche Bankkonten im Land genannt. Eine interessante Begriffswahl, wenn man bedenkt, dass erstmals in der EU-Geschichte ein Staat derart zuschlägt. Das sei nun mal bei Steuern so, hieß manche Gegenrede – und insbesondere der Vergleich mit der Vermögensteuer wurde oft gezogen. Wobei die innovative Zypern-Steuer eben nicht nur bis zu komplett Unvermögenden vordringen sollte, indem sie keinerlei Freibetrag vorsieht, sondern sie auch völlig unabhängig vom tatsächlichen Vermögen der Betroffenen erhoben wird: Viele Vermögenswerte wie Aktien oder Immobilien werden schlicht nicht erfasst, und eventuelle Schulden, etwa aus einer Hypothek, werden auch nicht gegengerechnet. Guthaben auf Spar- und Girokonten werden besteuert, basta – wohl die erste Guthabensteuer der Geschichte.
Verteilungsgerechtigkeit oder ähnliche Begriffe spielen da keine Rolle, einfach nur die Möglichkeit, schnell und effektiv zuzugreifen. Was in der Tat funktionieren kann: Am Wochenende zuschlagen, und in der Woche drauf… weiter lesen
05.03.2013 von Detlef Guertler
Wirtschaftspolitik machen viele Politiker. Aber dass eine Wirtschaftspolitik auch tatsächlich nach einem Politiker bennant wird, ist denn doch eher selten. Reaganomics gibt es natürlich – als Begriff für die in der Tat sehr, ähem, originelle Auffassung, man könne mit massiven Steuersenkungen die Steuereinnahmen erhöhen; und mit drastisch steigenden Rüstungsausgaben den Staatshaushalt sanieren. Also eine völlig irrationale, geradezu durchgeknallte Wirtschaftspolitik, der allerdings im Rückblick häufig ein doppelter Nutzen konzediert wurde: Reaganomics hat den Amerikanern den Glauben an die eigene Stärke zurückgebracht, und die Sowjets geradewegs in den Konkurs getrieben – weil sie bei der Kombination aus Hochrüstung und Überkonsum mithalten wollten, aber nicht konnten.
Der Versuch, den aktuellen US-Präsidenten mit “Obamanomics” ebenfalls in die durchgeknallte Ecke zu stellen (nur diesmal in die linke) hat hingegen nicht so recht gezündet. Aber jetzt startet gerade der nächste Versuch: Grillonomics – als Begriff für die Wirtschaftspolitik des italienischen… weiter lesen
12.02.2013 von Detlef Guertler
Vor vielen, vielen Jahren hatte Hauke Janssen hier schon einmal einen Gastauftritt. Nach einem nun wirklich ziemlich peinlichen Faktenfehler eines Spiegel-Redakteurs (auf dem ich zugegebenermaßen auch ziemlich penetrant herumtrampelte) rief mich im Oktober 2006 der Leiter der Spiegel-Dokumentation an, um mir zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass dieser Fehler seiner als höchst zuverlässig geltenden Abteilung durchgerutscht war. War nachvollziehbar, kann passieren.
“Der Spiegel kann Fehler leider nicht selbst korrigieren”, schrieb damals der Medien- und Bildblogger Stefan Niggemeier dazu. Inzwischen soll er das können. Er, der Spiegel, wie er, Stefan Niggemeier – inzwischen beim Spiegel gelandet. (Unter anderem) ihm ist es zu verdanken, dass Spiegel Online einen Spiegelblog eingeführt hat, der (unter anderem) sich mit eigenen Fehlern beschäftigt: Wie konnte es uns zum Beispiel passieren, dass… weiter lesen
25.09.2012 von Detlef Guertler
“Was fragt man den Mann, der die Hand an der Notenpresse hat und der Europa (ver)retten kann?”
fragt aus gegebenem Anlass WELT-Finanzjournalist Daniel Eckert: Er trifft nämlich heute EZB-Chef Mario Draghi zum Interview. Anregungen für Fragen bitte nicht hier einwerfen, sondern direkt bei Eckert – hier erfreuen wir uns schlicht am wunderschönen Wörtchen verretten.
Gehen und Vergehen gibt es, Laufen und Verlaufen, Sehen und Versehen, aber eben nicht Retten und Verretten. Obwohl das genau auf diesen Euro-Rettungsfall zutreffen könnte. Mal hören, was Draghi dazu sagt.
13.09.2012 von Detlef Guertler
Bestimmt erinnern Sie sich noch an das Merkozy – jenes doppelköpfige Wesen, das nach langen Strandspaziergängen oder Krisengipfeln mit einer Stimme sprach, um sich danach wieder in Kanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy aufzuteilen. Mit François Hollande ist derzeit keine staatsmännische Achse zu bilden. Weder inhaltlich noch sprachlich: Merkollande ist unschön, Hollkel auch. Von Merde ganz zu schweigen.
Aber statt des deutsch-französischen Zentralmassivs ist derzeit ohnehin eine Nord-Süd-Achse angezeigt. Den treuherzigen Vorschlag aus Madrid, sich zu Merkajoy zu verbinden, hatte Angela Merkel noch als zu leichtgewichtig abgewiesen. Aber Italiens Regierungschef Mario Monti ist da schon ein anderes Kaliber. Er hat Merkel davon überzeugt, den Sparkurs etwas abzumildern und auch ihre Zustimmung zum Kauf von Staatsanleihen durch die EZB gesichert – dabei aber immer versucht, eine für ganz Europa passende Lösung zu finden. Wenn es derzeit überhaupt eine funktionierende Achse gibt, die das Erbe Merkozys antreten kann, dann ist es Monkel.… weiter lesen
12.09.2012 von Detlef Guertler
Wir warten aufs, nein, natürlich nicht aufs Christkind. Aufs Bundesverfassungsgericht, das in wenigen Stunden sein Urteil zur Verfassungsmäßigkeit des Euro-Rettungsschirms ESM verkünden wird.
Und um die Wartezeit etwas zu verkürzen, hier ein Hinweis von Wortistik-Leser Thorsten Ebeling auf ein Neuwort im ZEIT-Beitrag zu eben jenem Thema – ganz am Ende dieses ziemlichen Riemens versteckt:
Alle Akteure handeln in Grenzbereichen, im Übergang vom Nationalstaat zum europäischen Bundesstaat. Und sie handeln unter dem Diktat des Merkelschen Dreisatzes, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheide, scheitere der Euro, und wenn der Euro scheitere, scheitere Europa.
So wie eine Lawine aus einem Schneeball entstehen kann und immer breiter wird, größer, mitreißender, bis sie irgendwann unaufhaltsam ins Tal donnert, so ist auch die Politik der Euro-Rettung aus kleinen Anfängen entstanden, mit bescheidenen Rettungssummen, die immer gigantischer wurden, die immer höhere Einsätze erforderten, bis es schließlich kein Halten mehr gab. Unklar ist nur, ob… weiter lesen
25.08.2012 von Detlef Guertler
„Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“, schreibt am 24. August der österreichische Rechtspopulist, Euro-Hasser und FPÖ-Klubobmann Hans-Christian Strache (zu dem ich hier nicht verlinken werde) auf seiner Facebook-Seite: „Österreicher als Verlierer seit der Einführung: Euro hat bis zu 35% der Einkommen gekostet.“
Das gefiel (alle Zahlen Stand 25.8.12., 11 Uhr) 1045 Personen, wurde allein auf der Strache-Seite 133mal kommentiert und von 125 anderen Facebook-Nutzern auf ihre Seite übernommen. Ein weiterer Post von Strache mit der gleichen „Wahrheit“ vom 21. August brachte es auf 791 Likes, 250 Kommentare und 424 Übernahmen. Ein weiterer am gleichen Tag („Die Realität und auch aktuelle Studien holen die rot-schwarz-grünen EU-Sektierer und EURO-Schönrede-Fanatiker ein.“): 452 Likes, 79 Kommentare, 107 Übernahmen. Ein weiterer am 20. August: 310 Likes, 69 Kommentare, 38 Übernahmen. Und die erste Meldung Straches zu dieser „Wahrheit“ („Jetzt geben uns Freiheitlichen sogar schon internationale Banken recht …“) 390 Likes, 71 Kommentare und… weiter lesen