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Beiträge für die Kategorie ‘Leservorschlag’

24.02.2010

Euroschänder

von Detlef Guertler

von bschl:

Gestern beim Fernsehkanalgleiten hat mich in der Sendung “Neues aus der Anstalt” der Begriff “Euroschänder” überrascht.

“Euroschänder” bezeichnet diejenigen Teilnehmer der Eurozone, die die Stabilitätskriterien so deutlich nicht einhalten, daß Sie unsere hehre Gemeinschaftswährung gefährden.

Also: Deutschland ist kein Euroschänder, weil die Kriterien nur ein bisschen nicht eingehalten werden, und weil Deutschland glaubhaft Besserung gelobt.

Griechenland ist Euroschänder, weil die Ihren Eurozonenbeitritt herbeigelogen haben. Kein Wunder, dass keiner glaubt, die Griechen könnten Ihren Haushalt frühlingsfrisch instandsetzen. Schande über Griechenland — schämt Euch!

Ich mag den Begriff “Euroschänder”, weil er einen abstrakten Sachverhalt – Vertrauen, Stabilität, Euro – zielsicher, volksnah, emotional, “aus dem Bauch heraus” in ein hübsches Geschenkpapier aus Ironie verpackt und eine ansehnliche Schleife aus Überheblichkeit darumwickelt.

20.01.2010

unwortverseucht

von Detlef Guertler

von A. S. Reyntjes:

Ist das ein produktiver Neu-Begriff: „Unwortverseuchtes Deutsch“?

Ich gebe Beispiele:

Ob nur sprachlich, oder politisch relevant: Als flotte Alternative fand ich folgende „Unwörter“ des Monats Januar:

1. Rentnererhöhung
2. Ausländerabreicherung
3. Unwort

Mitgewortet seien meine schmuckverbale Begrünungen, pardon: polito-satirische Begründungen:
Ich fand die Un-Wörterei im „Eulenspiegel“ (mit dem Slogan: „unbestechlich, aber käuflich“) als verbal gründelnde Satire:

„Der ‚Zentralrat der deutschen Sprache’ gibt die „Unworte des Jahres 2010“ bekannt

1. Platz:
Rentnererhöhung

Das Kompositum täuscht eine planvolle Anhebung des Anteils älterer Menschen in der Gesellschaft vor, wo in Wahrheit unbeabsichtigt Altlasten wuchern.

2. Platz:
Ausländerabreicherung

Das Wort vermengt in verharmlosender Absicht einen Begriff aus der Atomwirtschaft mit dem sozialen Anliegen, dieses ganze arabische
Negerhordengesindel wieder loszuwerden. Im gleichen Zusammenhang sind ‚geistiges Endlager’ und ‚Mülldebatte’ zu verurteilen, die im Zusammenhang mit den Zerfallsprozessen der SPD gebraucht wurden, ebenso wie ‚zigeunervig’: Der Neologismus aus dem jugendlichen Soziolekt belastet ungebührlich deutsche Adverbien – welche als unangenehm empfundene Zuwendung sachlich ausdrücken – mit dem Bettlergebaren rumänischen Otterngezüchts.

3. Platz:
Unwort

Das präfixierte Nicht-Kompositum verunstaltet den wichtigsten Baustein jeglicher Kommunikation – das Wort – in moralisierender Weise und stellt es in eine Reihe mit abwertenden Begriffen wie ‚Unkraut’, ‚Untermensch’, ‚uns’ und ‚UNO’“.

(Ein Beitrag mit einm Autorenkürzel, das ich nicht verlängern kann: TM. In: EULENSPIEGEL 1/10. S. 34; leider nicht online verfügbar)

*

Ceterum censeo…: “Verba nova sunt multa aut inventa…”?
Als Sprachrezept formuliert:
„Recente parata Exempla gesucht!“

Wer vergibt weitere, kritische Unwort-Titel-Ehren, um das Sprachbewusstsein zu fördern, ob pädagogisch-aufdringlich aufgezeigt oder satirisch-fiktiv formuliert?

09.01.2010

Facefreund

von Detlef Guertler

von Christian Dombrowski:

Seit einem guten halben Jahr bin ich bei Facebook. Ich tummle mich dort mit unregelmäßiger Regelmäßigkeit. Manchmal stelle ich Fotos ein. Manchmal einen Tagebucheintrag. Manchmal ein dummes kleines Gedicht. Oder ich kommentiere die kleinen Gedichte und die Fotos meiner Freunde.

Ich habe ungefähr 30 Freunde. Das ist nicht viel. Der Bruder meiner Frau, der vielberufene Alexander, ist ungefähr ebenso lang bei Facebook wie ich und hat bereits 3.290 Freunde. Ich habe eben noch einmal nachgeschaut: 3.290! Ich stelle mir vor, dass Alexander täglich viele Stunden damit zubringt, Freundschaftsanfragen zu stellen und zu beantworten. Ich weiß nicht genau, was ihm das gibt; aber die Menschen sind unterschiedlich.

Facebook bietet viel Überraschendes. Als ich in meinem Profil vermerken wollte, dass ich verheiratet bin, und auf den entsprechenden Link geklickt habe – was hat mir das System geantwortet? „Wir werden Tamara Spitzing benachrichtigen, welche/r dann bestätigen muss, dass ihr eine Beziehung führt.“ Na, hoffentlich … Oder: Eine Griechin schickt mir ihre Freundschaftsanfrage – ich habe die Frau nie gesehen und kann mich mit ihr auch nicht verständigen, da sie bloß Griechisch spricht. Was in aller Welt führt sie zu mir? (Tamara vermutet: „Der gefällt dein Bild.“) Oder: Eine Heilpraktikerin kontaktiert mich, die ich vor Jahren einmal bei einer Vernissage kennen gelernt habe. Ich freue mich wirklich, dass sie sich an mich erinnert, bin aber zugleich auch ein bisschen erstaunt… Oder: Ich verlinke mich mit Bert Bresgen, meinem Blutsbruder seit Kindertagen, und Facebook ruft fröhlich in die Welt hinein: „Christian und Bert sind jetzt Freunde.“ „Jetzt“ – das ist gut!

Bemerkenswert, wie Facebook das Wort „Freund“ verwendet … Das Programm fasst allerunterschiedlichste Beziehungen zusammen, wirft sie in denselben Topf, benennt sie mit demselben Wort. Die „Freunde“, auf Facebook sind oftmals flüchtige Bekannte, manchmal kaum das – und der reale Freundeskreis entspricht  keineswegs der digitalen Kollektion.

Facebook verwendet das Wort „Freund“ aus purer Verlegenheit heraus, scheint mir. Vormals brauchte man keinen Ausdruck für solch eine heterogene Besetzung, wie sie sich nur via Bildschirm zusammenfindet: Lieblingsmenschen und Kaumbekannte, engste Partner und gänzlich Fremde. Hier fehlt unserer Sprache ein Wort. Ich schlage vor, künftig von „Facefreunden“ zu sprechen.

Jeder „Freund“ auf Facebook ist ein Facefreund. Aber nicht jeder Facefreund ist ein Freund.

„To me, coming from you, / friend is a four letter word. / End is the only part of the word / that I heard.” Singt die Gruppe “Cake”.

Lasst uns „Freund“ auch weiter mit sechs Buchstaben schreiben, Freunde! Mehr wäre weniger.

(Dodo – danke!)

Facefreund = ein mit der eigenen Nutzerseite verlinkter Nutzer in einem sozialen Netzwerk

befacefreundet = über ein soziales Netzwerk miteinander bekannt

Sechs-Buchstaben-Freund = „Freund“ im Gegensatz zu „Facefreund“ (Vorschlag von Tamara Spitzing)

05.01.2010

Winterloch

von Detlef Guertler

von A.S. Reyntjes:

Friedrich Küppersbusch [ein wortistisch adäquat qualifizierter Doppel-PPler?], der Gehabe- und Wort- Kritipper, fasst alles derzeitige endjahreszeitliche – weihnachtlich-winterlich-neujahrliche – Polittreiben und -Schreien und –Saufen als Ereignisse im „Winterloch“ zusammen:

„Es bereitet mir immer Unwohlsein, gleicher Meinung mit FDPlern zu sein. Kreuth und das Drei-Königs-Treffen haben die Funktion, ein paar Schlagzeilen im Winterloch abzustauben.“
(In „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?“ in der taz vom 4.1.2010)

Welche Partei ‚locht’ da in unserer Landschaft nicht mit, damit die Satiriker jahresfrisch zu lachen haben?

Bei der diffusen, semantischen Wetter- oder Landschaftslage des Altworts „Winterloch“ ist dies ein deutlich-eindeutiges Neuwort. Es erhält und subventioniert Umsätze in allen Fress-, Sauf- und Pressabteilungen von Schwatzsäufern, im jahreszeitlichen Winter-Treiben gegen ausgesuchte und/oder vermeintliche Politgegner.

Dass nur e i n Sommerloch gewohnheitsmäßig sich ansonsten auftut für Pressejagden – nicht aber Frühlings- und Herbstgelegenheiten, ist auch fürs Kräftetreiben zu minimalistisch.

02.01.2010

hoppsen

von Detlef Guertler

von Christian Dombrowski:

Ich hoppse, du hoppst, er/sie/es hoppst.
Wir hoppsen, ihr hoppst, sie hoppsen.
Ein Ball hoppst.
Ein kleiner Hund hoppst über die Wiese.
Die Kinder hoppsen durch den Schnee.

Ja, ich finde, wir sollten „hoppsen“ grundsätzlich mit Doppel-P schreiben. Auch wenn der Duden das anders sieht. „Hoppsen“ mit doppeltem P wirkt leichtfüßiger, beschwingter, unbeschwerter.

Es ist ein ähnlicher Fall wie seinerzeit Puzzel oder Trapp. Nicht oft, aber gelegentlich, wird ein Wort ausdrucksvoller, wenn man die Orthografie in den Wind schießt.

hoppsen = neue Schreibweise von „hopsen“

22.12.2009

fremdgrüßen

von Detlef Guertler

“Mit un-materiellen Fremd-Weihnachtsgrüßen und dem eitlen Eigenwunsch, im nächsten Jahr „reich“ zu werden” meldet sich Stammkommentator und-wortvorschlager A. S. Reyntjes, und mit einer Frage: “Für die spanischen Christkindls-Milliarden (alles von Lotterie-Gewinnwollern bezahlt und vom Staat besteuert…) – gibt es da einen besonderen Ausdruck? Und für uns Deutschler gar ein Neuwort, das man sich (als Dativus non-ethicus) hier 2010 „verlottern“ kann?”

Nein, Herr Reyntjes, da gibt es kein Neuwort dafür, sondern nur ein altes: Geldwäsche. Die Milliarden des Gordo sind nämlich so viel und so steuerfrei, dass viele der glücklichen Gordo-Gewinner ihr 300.000 Euro schweres Zehntel-Los für 350.000 Euro weiterverkaufen – an Menschen, die bedeutende Geldsummen erstens erklären müssen und zweitens nicht versteuern wollen.

Aber das Fremdgrüßen, Herr Reyntjes – das finde ich interessant. Schließlich mache ich jetzt genau das: Unter meinem Namen erscheinen Grüße von Ihnen. Darf ich mich anschließen?


21.12.2009

Lichtspaziergang

von Detlef Guertler

von Christian Dombrowski:

21. Dezember, Beginn des Winters, Tag der Sonnenwende

„Wie die Crew eines Schiffs, das im Eissturm Kap Hoorn umrundet, darauf wartet, dass das Ruder sich knarzend gen Norden wendet, so warte ich auf die Wintersonnenwende und die länger werdenden Tage“, hat eine Freundin von mir, Dorothea Löbbermann, vor einigen Wochen geschrieben.

Was für ein prächtiges Gleichnis! Was für ein intensives Bild! Und es stimmt auch: Denn sind diese kurzen Tage nicht einfach grausam?

„Goethes gute Laune war heute wieder glänzend“, notiert Eckermann unter dem Datum des 21. Dezembers 1823. „Wir haben den kürzesten Tag erreicht, und die Hoffnung, jetzt mit jeder Woche die Tage wieder bedeutend zunehmen zu sehen, scheint auf seine Stimmung den günstigsten Einfluss auszuüben. ‚Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!’ rief er mir froh entgegen, als ich diesen Vormittag bei ihm eintrat. Ich höre, dass er jedes Jahr die Wochen vor dem kürzesten Tage in deprimierter Stimmung zu verbringen und zu verseufzen pflegt.“

Was tun gegen diese Armut an Licht?

Als ich vor etwa zwei Jahren, mitten im Januar, gemeinsam mit meinem Bruder Martin die norwegische Küste emporfuhr, war die Dunkelheit ein beherrschendes Erlebnis. Sie machte alles so unwirklich und verwunschen. Im Süden des Landes – in Oslo, Bergen, Torvik oder Trondheim – gab es die Sonne noch; doch im Wesentlichen bestanden die Tage dort aus Dämmerungen – Dämmerungen, die einfach nicht enden wollten … Jenseits des Polarkreises, in Bodø, haben wir die Sonne zum letzten Mal gesehen. Es war Mittag – und sie berührte den Horizont! Schon gegen 15 Uhr gingen in den Häusern die Lichter an … Auf der Höhe von Tromsø, Hammerfest, Mehamn oder Berlevåg waren wir dann endgültig in die Polarnacht getaucht, umgeben von allen Emblemen des Nordens: Die eisige Ruhe des Berge – der Polarstern, fast senkrecht über uns – unbarmherzige Kälte – das Nordlicht, das seine Bögen über uns spannte wie eine ruhlose Draperie, so hell, dass es einen Widerschein auf dem Wasser erzeugte. Ich wurde nicht müde, es anzuschauen, wie man auch nicht müde wird, das Meer anzuschauen in seiner Bewegung oder das Flackern des Feuers.

Die Winterdunkelheit habe ich auf dieser Reise als einen Teil des Abenteuers erlebt. Doch im Alltag belästigt sie mich zuweilen. Ich verordne mir dagegen Spaziergänge, während die Sonne noch scheint, möglichst an jedem Tag. „Lichtspaziergänge“ nenne ich diese kleinen Touren für mich. Und empfehle sie hiermit weiter – als Wort und als Tat.

Lichtspaziergang – Spaziergang im Spätherbst oder Winter zur Zeit der Tageshelligkeit, um Licht zu tanken

18.12.2009

Web-Kommunisten

von Detlef Guertler

“Einen Wortistik-Eintrag hat er sicher verdient”, meint Hauszyklop polyphem über “diesen Begriff, den Springer-Döpfner in der aktuellen Debatte um Bezahl-web-Inhalte benutzt oder sogar erfunden hat”. Und in der Tat scheint es, als habe Mathias Döpfner diesen Begriff geprägt: erst in der Diskussion mit Ariana Huffington beim Monaco Media Forum im November, und jetzt noch mal im Interview mit dem Manager-Magazin. Falls jemand eine ältere Fundstelle auftut, her damit, ich habe keine gefunden. Vielleicht irgendwo eine versprengte Nennung, ähnlich wie bei allen anderen politischen Richtungen, die mit Web kombiniert praktisch inexistent sind:

Websozialisten: 7 Google-Treffer
Webliberale: 8 Google-Treffer
Webkonservative: 8 Google-Treffer
Webdemokraten: 8 Google-Treffer
In den Extrem-Ecken des Politspektrums waren bislang nur die Webnazis häufig genannt (5720 Google-Treffer). Dank Döpfner haben die Webkommunisten jetzt aufgeholt (5300 Google-Treffer derzeit). Erstaunlich rar machen sich die Webanarchisten (nur 52 Treffer), wohingegen die eher ökonomie-extremistisch verorteten Webpiraten die Rangliste mit 20200 Treffern anführen. Es spricht ja auch in der Tat einiges dafür, den Konflikt um die Preisfindung für Online-Inhalte als ökonomischen und nicht als politischen Konflikt zu betrachten und zu behandeln.

Eine Frage bleibt aber noch offen: Wenn Döpfners Feinde “Web-Kommunisten” sind – was ist dann Döpfner? Web-Antikommunist? Antiweb-Kommunist? Antiweb-Antikommunist? Oder ganz anders?

12.12.2009

Kohlensuizid

von Detlef Guertler

von polyphem:
Gestern hörte ich das Wort “Kohlensuizid”. Im Radio oder Fernsehen? Ich glaube es ging um Kopenhagen; ich weiß nicht mal mehr die Sendung, in der das Wort vorkam. Vielleicht hatte ich mich nur verhört und es ging doch um Kohlendioxid? Ich bin nicht sicher, finde das Wort aber irgendwie…  Mag sich JedeR drunter vorstellen, was miss- oder gefällt. Aber ich war wieder nicht der erste Erfinder.  Suchmaschinen zeigen schon andere Treffer an.

12.12.2009

hausmenschlich

von Detlef Guertler

von Christian Dombrowski:

Irren ist männlich: Jahrhunderte hindurch hat die deutsche Sprache die Wörter „Haus“ und „Frau“ untrennbar zusammengeknüpft. Erst seit wenigen Jahrzehnten dürfen Frauen sich in anderen Sphären bewähren als in der des Hauses. Wohingegen viele Männer Fähigkeiten entwickeln, die man dazumal als „hausfraulich“ gekennzeichnet hat. Um nun aber nicht in umgekehrte Richtung zu diskriminieren, schlage ich vor, künftig von „hausmenschlichen“ Fähigkeiten zu sprechen. Ein Ausdruck, der jedem und jeder gerecht wird. Oder?

hausmenschlich = auf die Haushaltsführung bezogen; vormals „hausfraulich“