Archive for the ‘Leservorschlag’ Category

15.05.2013 von Detlef Guertler
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euromantisch

von Detlef Guertler

Oha, die neue Spaßpartei AfD ist offenbar doch nicht nur reaktionär und realitätsfern. Die können sich sogar neue Wörter ausdenken. So geschehen bei AfD-Beiratsmitglied Roland Vaubel, über dessen Porträt im “Mannheimer Morgen” Wortistik-Leser Hans-Martine gestolpert ist. Dort heißt es:

“Schäuble hat keine Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen. Merkel erst recht nicht. Brüderle ist ein Verbändeknecht”, kritisiert der VWL-Professor. “Viele Menschen in der Politik sind euromantisch veranlagt und handeln realitätsfern.”

Mal ganz unabhängig von der Frage, was für ein Realitätsbild VWL-Professoren so haben: Ist nicht gerade das Heraufbeschwören einer guten alten EWG-Zeit, als noch jeder seine eigene Währung hatte und nur für sich selbst verantwortlich war, Romantik pur?

13.12.2012 von Detlef Guertler
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inwendig lernen

von Detlef Guertler

“Gerade sagte ein Kommilitone das nette Wort ‘inwendig lernen’”, schreibt mir meine Tochter Leonie (deren Anregungen jetzt, als Studentin, natürlich nicht mehr unter Kindermund, sondern unter Leservorschlag abgelegt werden).Und weiter: “Ich hab mal gegoogelt. So wirklich gibts das noch nicht. Inwendig lernen als Gegenteil zu auswendig lernen, ohne es zu verstehen. Es verinnerlicht haben und anwenden können.”

Jepp, find ich gut. Und wieder eine dieser Lücken im Sprachgebrauch, von denen man sich fragt, wieso es sie überhaupt gibt.

05.12.2012 von Detlef Guertler
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Unterhaltungsanspruch

von Detlef Guertler

Eigentlich hatte sich Christian Edom ja nur verschrieben:

Wieviele Unterhaltungsansprüche werden eigentlich in eingetragenen Lebenspartnerschaften eingeklagt?

wollte er während der Debatte um die Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit Ehen auf dem CDU-Parteitag wissen. Aber natürlich hatte er Unterhaltsansprüche gemeint. Wie bei fast allen anderen Treffern, die Google für den Unterhaltungsanspruch findet: Es geht jeweils um den (materiellen) Unterhalt, nicht um die (immaterielle) Unterhaltung.

Aber wenn wir dieses Wort einfach einmal so ernst nehmen, wie es ist: Ist dann nicht der Unterhaltungsanspruch eines, ach, das Grundübel unserer Zivilisation? Dieses Sofakartoffelige, dieses konsumistische, diese schlechtere Hälfte des römischen Klassikers “Brot und Spiele”? Dessen “Brot” ist physisch und sozial, der Unterhaltsanspruch – und dessen “Spiele” sind psychisch und asozial, der Unterhaltungsanspruch eben.

“Für 50 Pfennige Eintritt kann ich erwarten, dass an meine niedrigsten Instinkte appelliert wird”, hieß das früher einmal, und der Unterschied zu heute besteht da ja wohl eher… weiter lesen

26.10.2012 von Detlef Guertler
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Wörtergrube

von Detlef Guertler

von Wolfgang Wilhelm aus dem Allgäu:

(von Armin Veh)
Veh: Sebastian hat nicht geflirtet, sondern erzählt, dass er in BVB-Bettwäsche geschlafen hat. Und wenn das so war, kann er es doch sagen. Ebenso, dass ihm das Interesse vonseiten der Dortmunder schmeichelt. Man muss doch aus seinem Herzen keine Wörtergrube machen.

Mein Vorschlag: Dieser Blog ist auch eine Wörtergrube :)

12.09.2012 von Detlef Guertler
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Konsequentialismus

von Detlef Guertler

Wir warten aufs, nein, natürlich nicht aufs Christkind. Aufs Bundesverfassungsgericht, das in wenigen Stunden sein Urteil zur Verfassungsmäßigkeit des Euro-Rettungsschirms ESM verkünden wird.

Und um die Wartezeit etwas zu verkürzen, hier ein Hinweis von Wortistik-Leser Thorsten Ebeling auf ein Neuwort im ZEIT-Beitrag zu eben jenem Thema – ganz am Ende dieses ziemlichen Riemens versteckt:

Alle Akteure handeln in Grenzbereichen, im Übergang vom Nationalstaat zum europäischen Bundesstaat. Und sie handeln unter dem Diktat des Merkelschen Dreisatzes, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheide, scheitere der Euro, und wenn der Euro scheitere, scheitere Europa.
So wie eine Lawine aus einem Schneeball entstehen kann und immer breiter wird, größer, mitreißender, bis sie irgendwann unaufhaltsam ins Tal donnert, so ist auch die Politik der Euro-Rettung aus kleinen Anfängen entstanden, mit bescheidenen Rettungssummen, die immer gigantischer wurden, die immer höhere Einsätze erforderten, bis es schließlich kein Halten mehr gab. Unklar ist nur, obweiter lesen

10.09.2012 von Detlef Guertler
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Anlegerheld

von Detlef Guertler

Wenn Linguisten und Kapitalisten ins Kabbeln kommen, sollte man eigentlich besser aus der Schusslinie gehen. Aber nein, schlau wie ich bin musste ich mich ja schlichtend einmischen, als Anatol Stefanowitsch und Thomas Thelen bei Twitter darüber in Streit gerieten, ob und was einen an der Existenz des Wortes “Starinvestor” traurig stimmen kann.

Ich bin dann ja auch kurz danach und ohne bleibende Verletzungen wieder in Deckung gegangen – war aber immerhin lang genug involviert, um zumindest eine sprachliche Alternative zum anglizistischen Großinvestor bekommen zu haben: Anlegerheld eben. Was für George Soros, um den es in diesem Zusammenhang ging, auch sicherlich hervorragend passt. Danke, Prof. Stefanowitsch.

27.07.2012 von Detlef Guertler
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Zeichentrickfilmsynchronstimmenwirklichkeitsentfremdung

von Detlef Guertler

“Mr. Hammel sucht wortistische Hilfe”, schreibt Wortistik-Leser “bosso73″, und verweist auf das Corpus Delicti: einen Amerikaner, der ein neues Wort sucht, aber in seiner eigenen Sprache nicht findet, und deshalb ins Deutsche ausweicht.

Aber die Aufgabe ist ja auch schwierig:

We must invent a word for ‘the eerie feeling which arises from seeing real humans producing the voices of well-known animated characters or voice-dubbed movie stars.’

schreibt Andrew Hammel im Kommentar zum Interview eines Simpson-Sprechers, und gibt dann sofort zu, dass dem Englischen für die Beschreibung solcher komplexen Gefühle enge Grenzen gesetzt sind – da muss man eben viele Wort machen, um das zu beschreiben. Ganz anders eben das Deutsche, aus dem sich Hammel dann auch seinen Vorschlag holt: die Zeichentrickfilmsynchronstimmenwirklichkeitsentfremdung.

Und in der Tat: Dieses völlig korrekt gebildete Wort kann durchaus das Gefühl beschreiben, das der Autor in ein Wort gekleidet haben möchte. Hut ab vor dieser… weiter lesen

18.07.2012 von Detlef Guertler
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Bedarfsethik

von Detlef Guertler

So haben wir nun also wieder den klassischen Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Die Antwort der Politik auf solche Konflikte ist allerdings üblicherweise die “Bedarfsethik”. Es wird die Ethik dem Bedarf angepasst.

So kommentierte gestern Wortistik-Leser polyphem einen Kommentar zu seinem eigenen Wortvorschlag Schnittstorm. Ein “glänzender Fund”, befand Christian Dombrowski; eine schöne Idee, findet auch der Wortist. Wenn es sich auch natürlich bei der Bedarfsethik um keine reine Politiker-Verhaltensweise handelt. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als Kriegsdienstverweigerer sich einer Gewissensprüfung unterziehen mussten. Als Verweigerer anerkannt wurde man nur als Gesinnungsethiker (“Ich würde niemals einen Menschen töten!”), nicht als Verantwortungsethiker (“Ich lehne es ab, Menschen zu töten, aber unter bestimmten Umständen würde ich es trotzdem tun”). Ganz egal, wie man selbst darüber denkt, für die Verhandlung legte man sich natürlich eine passende Gesinnungsethik zu – eine Bedarfsethik also.

Die noch nicht von den Philosophen usurpierte Bedarfsethik darf… weiter lesen

16.07.2012 von Detlef Guertler
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Schnittstorm

von Detlef Guertler

von polyphem:

Mit Erstaunen verfolge ich die Diskussion zu dem Kölner Urteil, das Beschneidung schutzbefohlener Minderjähriger als Körperverletzung bezeichnet.

Am Recht, volljähriger oder religionsmündiger Bürger, mit ihrem Körper zu machen, was sie möchten, will ich nicht rütteln. Aber mit Unverständnis nehme ich zur Kenntnis, dass viele, zu viele führende deutsche Politiker, Medienfürsten, Ärztekammerpräsidenten usw., usw. meinen, es müsse ein Sondergesetz her, das den Verstoß gegen die körperliche Unversehrtheit, wie sie im Grundgesetz garantiert ist, außer Strafe stellt. Religiöse Traditionen dürften nicht in Frage gestellt werden, heißt es allenthalben. Sogar der Gesundheitsminister (sic!) beteiligt sich an dem Gezerre und erwägt, eine Lösung über das Patientenrecht herbeizuführen.

Erschreckend, wie viele unsinnige Vergleiche, vom Kopftuchgebot über Sehächtung usw. da benutzt werden, um den “kleinen Schnitt”, der allerdings nicht rückgängig gemacht werden kann, zu relativieren. Da beschäftigt sich die Wissenschaft mittlerweile mit pränatalen Traumata und kommt zur Erkenntnis, dass solche durchaus das spätere Leben… weiter lesen

25.05.2012 von Detlef Guertler
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Halb-Angst

von Detlef Guertler

von Wolfgang Wilhelm:

Viele Fußballer haben ein quasi-erotisches Verhältnis zum groben Unfug. Dazu gehört auch Otto Rehagel, wenn er sagt, er habe Halb-Angst gehabt…
Da muss ich wieder an den Artikel “Fürchtet euch!” denken:
In Deutschland spricht es sich leichter von der Angst als anderswo. Das liegt nicht an dem Siegeslauf des Psycho-Slangs der Betroffenheit. Den gab es in den USA eher noch stärker. Die Rede von der Angst hat in Deutschland einen sehr spezifischen Grund. Angst unterscheidet sich von Furcht. Man fürchtet etwas. Angst hat man. Die Furcht weiß, wovor sie sich fürchtet. Sie kann nach Gegenmitteln Ausschau halten. Sie kann sich rüsten. Die Angst kann das nicht. Die Angst weiß nicht, woher sie kommt. Sie weiß nicht, wie ihr zu begegnen ist. Die Angst ist das Gefühl des hilflos Ausgeliefertseins. Ein Gefühl, das Menschen wahrscheinlich überall auf der Welt immer wieder haben und hatten.