30.01.2012 von Detlef Guertler
Nein, natürlich bin ich überhaupt nicht beleidigt, dass Sprachblogger Anatol Stefanowitsch meinen Vorschlag “Haircut” für die Wahl zum Anglizismus des Jahres mit 0 von 5 Sternchen bewertet hat (grmpf).
Und nochmals nein, es hat natürlich überhaupt keinen Zweck, sich jetzt ökonomisch mit seiner Behauptung auseinanderzusetzen, dass der “Schuldenschnitt” als deutsches Ersatzwort den Anglizismus nach 15 Minuten Ruhm verdrängt hat – es geht hier ja um die Verwendung von Wörtern, und da sehen es die meisten Schreiber wohl ähnlich wie der Hamburger Anglizistikprofessor (grmpf) Stefanowitsch.
Deshalb steht es natürlich in überhaupt keinem ursächlichen Zusammenhang, dass ich mich hier für “Babbeltee” als Eindeutschung jenes “Bubble Tea” ausspreche, den Stefanowitsch im gleichen Blog-Beitrag mit 4 von 5 Sternchen bewertet hat. Vorgeschlagen hat den Babbeltee eben dort in der Kommentarspalte ein etwas nerviger Sprachschützer, und zwar nach einem fast putzigen Streit über die (Un-)möglichkeit, Bubble Tea mit “Blasentee” zu übersetzen.… weiter lesen
16.12.2011 von Detlef Guertler
War ein paar Tage ziemlich offline und mit allem möglichen anderen beschäftigt, unter anderem mit einem Beitrag für den Wettbewerb um den Wolfson-Preis (mehr wird natürlich hier noch nicht verraten), so dass es jetzt doch schon eine Woche her ist, dass ich im Funkloch am Fusse der Pyrenäen zusammen mit Edward Hugh darüber diskutierte, was kurz-, mittel- und langfristig vom in der Tat reichlich historischen EU-Gipfel in Brüssel zu halten bzw. zu erwarten sei. Edward hat sich bereits ausführlich schriftlich dazu gemeldet, ich empfehle die Lektüre ausdrücklich, und möchte mich hier nur mit einem Aspekt beschäftigen, ausgehend von folgendem Satz aus seiner Analyse:
At the end of the day one thing is clear, and this has not been emphasised enough in the press reporting of the summit, this is the end of Keynesian demand management as a policy tool as it has been practised… weiter lesen
02.11.2011 von Detlef Guertler
Nano-Gezocke hat Wortistik-Leser Tera-Euro als Neuwortvorschlag eingereicht – womit das bislang nicht übersetzte “High Frequency Trading” aus der neutralen angelsächsischen Börsensprache in die im Deutschen abfällig betrachtete Kasinomentalität übersetzt werden soll.
Ich folge ihm da nicht ganz, siehe Überschrift. Denn selbst wenn all diese mikrosekündlichen Order-Kapriolen natürlich nur von entsprechend dressierten Computerprogrammen durchgezogen werden – es steht immer ein Mensch dahinter. Die scheinbare Unpersönlichkeit des algorithmisierten Börsengeschäfts ist eben nur scheinbar: Das Gezocke veranstaltet sich nicht selbst, es wird von Zockern veranstaltet.
Nano-Gezocke kann man vielleicht verbieten, in der Praxis aber möglicherweise nur auf die Cayman Islands vertreiben. Nanozocker hingegen kann man nicht verbieten – aber dafür regulieren, besteuern, kontrollieren, bestrafen und wenn’s sein muss, auch anklagen und verurteilen. Na dann, nichts wie los.
27.09.2011 von Detlef Guertler
Eigentlich sollten wir dieses Wort gar nicht brauchen: Denn in der Flatrate (für Deutschdeutsch-Freunde: Pauschale) ist doch alles schon drin – einmal bezahlt, nie mehr gesorgt. Doch die Flatrate hat den preisbewussten Deutschen so gut gefallen, dass man ihnen praktisch nichts mehr verkaufen kann, was nicht flatgeratet ist – weshalb die hohe Marketingkunst darin bestand, ein Leistungspaket so zu zerteilen, dass man an ein und denselben Kunden möglichst viele Flatrates dafür verkaufen kann. Die Mobilfunker sind da ja besonders beschlagen – mit Flats und Superflats und Kombiflats für Festnetz, Freunde, Feinde, eigene und fremde Handynetze, Inland und Ausland, Simse und Internetze. Vom eigentlichen Wortsinn der Flatrate bleibt damit natürlich nichts mehr übrig.
Was zwei mögliche Wege eröffnet: Entweder
- man verbietet den Gebrauch des Wortes Flatrate wegen Irreführung des Kunden. Wenn mir Vodafone bei einem Handy mit “SuperFlat” noch einmal 250 Euro für “Internet” auf die Rechnung draufhaut,… weiter lesen
30.08.2011 von Detlef Guertler
“Nicht schön, aber doch bemerkenswert”, nennt Wortistik-Leser Ludwig Trepl ein Neuwort, das ihm wiederum ein Leser seines Blogs gerade zugetragen hat: Stuzubi, also eine Mischung aus “Student” und “Auszubildendem”. Trepls Kommentar dazu:
Inzwischen hat man in wohl allen Fächern den Charakter dessen, worum es in dem geht, was man immer noch Studium nennt, so verändert, daß man um eine angemessene neue Benennung nicht mehr herumkommt. Es ist Lehrlingsausbildung, was da geschieht.
Der Ansatz ist interessant. Denn das, was heute als Bachelor-Studiengang bezeichnet wird, ist in der Tat weit, weit von dem entfernt, was ein Studium eigentlich sein sollte und was die meisten Menschen auch heute noch assoziieren, wenn sie Studium, Student oder Universität hören. Es hat praktisch nichts mehr mit Forschung zu tun, sondern nur noch mit Lehre, ach nicht einmal das, sondern nur noch mit Lernen, es hat praktisch nichts mehr mit dem Betreiben von… weiter lesen
26.05.2011 von Detlef Guertler
“That’s probably a rubbish way to transliterate ‘death of moral hazard.‘ Sorry!”, meinen die Kollegen vom FT-Blog Alphaville zu obiger Wortschöpfung. Das halte ich für zu hart formuliert: Moralrisikotod wäre schlimm, Moralrisikodämmerung hat zumindest einen lyrisch-dramatischen Einschlag; und dass wir Deutschen, den Wortisten eingeschlossen, es nicht auf die Reihe kriegen, eine ordentliche Übersetzung für “moral hazard” zu finden, ist nun wirklich nicht die Schuld von britischen Finanzjournalisten.
Allerdings ist auch death of moral hazard eher schief für den Sachverhalt, den der entsprechende Beitrag beschreibt. Ein erklecklicher Brocken der griechischen Staatsanleihen, die deutsche Banken in ihren Büchern haben, ist nämlich bereits aus der offiziellen Statistik verschwunden – nämlich diejenigen aus dem Bestand der Katastrophenbank Hypo Real Estate, die ja mit traumwandlerischer Sicherheit überall dort massiv investiert hatte, wo hinterher die Märkte zusammenbrachen. Ihre gesamten Griechenlandpapiere sind bereits in die FMS Wertmanagement Anstalt des öffentlichen Rechts… weiter lesen
16.05.2011 von Detlef Guertler
“After Democracy and Kleptocracy, Greece needs to invent Zerocracy, where expenses are covered by revenues”, schreibt Mike Harrop in einer Facebook-Diskussion bei Edward Hugh über Griechenland und den Euro. Eine grandiose Wortschöpfung, die das bislang so trockene Ziel geordneter Staatsfinanzen und gebremster Schulden mit einem eingängigen Begriff belegt. Ob Zerokratie in jeder Situation die beste oder angemessene Regierungsform sei, mögen Ökonomen gerne und ausgiebig diskutieren – aber jetzt und hier für Griechenland würde ich mir sofort eine zerokratische Volksbewegung wünschen.
06.05.2011 von Detlef Guertler
“Das Verhalten der SPD-Spitze im Falle Sarrazin wurde von Opportunismus bestimmt”, schreibt Philipp Freiherr von Brandenstein auf Facebook. “Sarrazenen, Liberale, Migranten, auf der Suche nach Mehrheiten wollte man alle an die Partei binden.” Auch wenn Thilo Sarrazin bereits mehrfach in den Medien als Sarrazene tituliert wurde – als Oberbegriff für seine Anhänger ist dieses Wort mir her das erste Mal untergekommen. Ich vermute, das Wort wird um sich greifen: In den kommenden Wahlkämpfen werden sicherlich nicht nur die SPD, sondern auch alle anderen Parteien sich überlegen, wie sie mit dem sich hinter TSs Thesen verbergenden Wählerpotenzial umgehen. In den Powerpoint-Präsentation der Wahlkampfmanager macht sich “Sarrazenen” bestimmt besser als “Ausländerfeinde”, “Migrationsskeptiker” oder “Globalisierungsverlierer” oder ähnliche Begriffe.
Und irgendwann wird dann auch Google nicht mehr fragen: “Meinten Sie: Sarazenen?” Und auch Wikipedia wird eines Tages einen eigenen Eintrag für “Sarrazenen” haben und nicht mehr kommentarlos auf die Sarazenen-Seite… weiter lesen
26.02.2011 von Detlef Guertler
Gleich zweimal wurde in den Kommentaren zu guttenbergen für eine Alternative zu jenem Verb plädiert, nämlich für plaggen. Einmal von Antoninus:
Vielleicht wird sich “p l a g g e n” als Verbum zum einfacheren Synonym für unrechtmäßige, nicht nur universitäre Pseudo-Leistungen erweisen.
Und dann noch einmal von Walter:
“plaggen” könnte sich ähnlich wie “simsen” etablieren. “Plaggen Sie nicht!” geht einem auch leichter von den Lippen als “Plagiieren Sie nicht”. Plaggen passt phonetisch und inhaltlich auch zu “unplugged”, zwar nicht direkt im Sinne von “Musik ohne elektrische Hilfe” spielen, aber im übertragenem Sinn von “ohne unerlaubte Hilfe” schreiben.
Die Kombination aus Vorschlag und Begründung überzeugt mich schon ziemlich. Hinzu kommt noch, dass angesichts der ständig wachsenden scheinbar frei verfügbaren Content-Mengen und des dramatisch sinkenden Unrechtsbewusstseins (offensichtlich eben nicht nur bei pirativen Kids) es einen ebenfalls wachsenden Bedarf für ein eigenes Wort für diesen Vorgang des sich… weiter lesen
08.02.2011 von Detlef Guertler
Wenn Sie Schweizer sind, wissen Sie natürlich, was das ist, ein Ärztebesucher – da ist das nämlich die offizielle Berufsbezeichnung für das, was in Deutschland und Österreich “Pharmaberater” genannt wird, oder noch vernebelnder “Pharmareferent”. In allen drei Ländern macht dieser Personenkreis das gleiche: im Auftrag einer Pharmafirma Ärzte besuchen, um denen die Vorteile der Produkte eben jener Firma näherzubringen. Das Beratung zu nennen ist grober Unfug: Es handelt sich um Verkäufer. Die zwar auch beraten mögen, aber ein Autoverkäufer, der mich beim Autokauf berät, wird damit noch lange kein Autoberater, sondern bleibt Autoverkäufer.
Ärztebesucher ist direkter, verständlicher, ehrlicher als Pharmaberater und wird ganz offensichtlich auch nicht als minderwertig verstanden – in der Schweiz geht’s ja auch. Zudem lassen sich unter diesen Begriff noch eine ganze Reihe anderer Personen mit drunter packen, zum Beispiel die Vertreter von Medizintechnik-Firmen, die auch nichts anderes machen als Pharmaberater, nur dass sie keine Pillen verkaufen,… weiter lesen