26.05.2011 von Detlef Guertler
“That’s probably a rubbish way to transliterate ‘death of moral hazard.‘ Sorry!”, meinen die Kollegen vom FT-Blog Alphaville zu obiger Wortschöpfung. Das halte ich für zu hart formuliert: Moralrisikotod wäre schlimm, Moralrisikodämmerung hat zumindest einen lyrisch-dramatischen Einschlag; und dass wir Deutschen, den Wortisten eingeschlossen, es nicht auf die Reihe kriegen, eine ordentliche Übersetzung für “moral hazard” zu finden, ist nun wirklich nicht die Schuld von britischen Finanzjournalisten.
Allerdings ist auch death of moral hazard eher schief für den Sachverhalt, den der entsprechende Beitrag beschreibt. Ein erklecklicher Brocken der griechischen Staatsanleihen, die deutsche Banken in ihren Büchern haben, ist nämlich bereits aus der offiziellen Statistik verschwunden – nämlich diejenigen aus dem Bestand der Katastrophenbank Hypo Real Estate, die ja mit traumwandlerischer Sicherheit überall dort massiv investiert hatte, wo hinterher die Märkte zusammenbrachen. Ihre gesamten Griechenlandpapiere sind bereits in die FMS Wertmanagement Anstalt des öffentlichen Rechts… weiter lesen
16.05.2011 von Detlef Guertler
“After Democracy and Kleptocracy, Greece needs to invent Zerocracy, where expenses are covered by revenues”, schreibt Mike Harrop in einer Facebook-Diskussion bei Edward Hugh über Griechenland und den Euro. Eine grandiose Wortschöpfung, die das bislang so trockene Ziel geordneter Staatsfinanzen und gebremster Schulden mit einem eingängigen Begriff belegt. Ob Zerokratie in jeder Situation die beste oder angemessene Regierungsform sei, mögen Ökonomen gerne und ausgiebig diskutieren – aber jetzt und hier für Griechenland würde ich mir sofort eine zerokratische Volksbewegung wünschen.
06.05.2011 von Detlef Guertler
“Das Verhalten der SPD-Spitze im Falle Sarrazin wurde von Opportunismus bestimmt”, schreibt Philipp Freiherr von Brandenstein auf Facebook. “Sarrazenen, Liberale, Migranten, auf der Suche nach Mehrheiten wollte man alle an die Partei binden.” Auch wenn Thilo Sarrazin bereits mehrfach in den Medien als Sarrazene tituliert wurde – als Oberbegriff für seine Anhänger ist dieses Wort mir her das erste Mal untergekommen. Ich vermute, das Wort wird um sich greifen: In den kommenden Wahlkämpfen werden sicherlich nicht nur die SPD, sondern auch alle anderen Parteien sich überlegen, wie sie mit dem sich hinter TSs Thesen verbergenden Wählerpotenzial umgehen. In den Powerpoint-Präsentation der Wahlkampfmanager macht sich “Sarrazenen” bestimmt besser als “Ausländerfeinde”, “Migrationsskeptiker” oder “Globalisierungsverlierer” oder ähnliche Begriffe.
Und irgendwann wird dann auch Google nicht mehr fragen: “Meinten Sie: Sarazenen?” Und auch Wikipedia wird eines Tages einen eigenen Eintrag für “Sarrazenen” haben und nicht mehr kommentarlos auf die Sarazenen-Seite… weiter lesen
26.02.2011 von Detlef Guertler
Gleich zweimal wurde in den Kommentaren zu guttenbergen für eine Alternative zu jenem Verb plädiert, nämlich für plaggen. Einmal von Antoninus:
Vielleicht wird sich “p l a g g e n” als Verbum zum einfacheren Synonym für unrechtmäßige, nicht nur universitäre Pseudo-Leistungen erweisen.
Und dann noch einmal von Walter:
“plaggen” könnte sich ähnlich wie “simsen” etablieren. “Plaggen Sie nicht!” geht einem auch leichter von den Lippen als “Plagiieren Sie nicht”. Plaggen passt phonetisch und inhaltlich auch zu “unplugged”, zwar nicht direkt im Sinne von “Musik ohne elektrische Hilfe” spielen, aber im übertragenem Sinn von “ohne unerlaubte Hilfe” schreiben.
Die Kombination aus Vorschlag und Begründung überzeugt mich schon ziemlich. Hinzu kommt noch, dass angesichts der ständig wachsenden scheinbar frei verfügbaren Content-Mengen und des dramatisch sinkenden Unrechtsbewusstseins (offensichtlich eben nicht nur bei pirativen Kids) es einen ebenfalls wachsenden Bedarf für ein eigenes Wort für diesen Vorgang des sich… weiter lesen
08.02.2011 von Detlef Guertler
Wenn Sie Schweizer sind, wissen Sie natürlich, was das ist, ein Ärztebesucher – da ist das nämlich die offizielle Berufsbezeichnung für das, was in Deutschland und Österreich “Pharmaberater” genannt wird, oder noch vernebelnder “Pharmareferent”. In allen drei Ländern macht dieser Personenkreis das gleiche: im Auftrag einer Pharmafirma Ärzte besuchen, um denen die Vorteile der Produkte eben jener Firma näherzubringen. Das Beratung zu nennen ist grober Unfug: Es handelt sich um Verkäufer. Die zwar auch beraten mögen, aber ein Autoverkäufer, der mich beim Autokauf berät, wird damit noch lange kein Autoberater, sondern bleibt Autoverkäufer.
Ärztebesucher ist direkter, verständlicher, ehrlicher als Pharmaberater und wird ganz offensichtlich auch nicht als minderwertig verstanden – in der Schweiz geht’s ja auch. Zudem lassen sich unter diesen Begriff noch eine ganze Reihe anderer Personen mit drunter packen, zum Beispiel die Vertreter von Medizintechnik-Firmen, die auch nichts anderes machen als Pharmaberater, nur dass sie keine Pillen verkaufen,… weiter lesen
31.12.2010 von Detlef Guertler
“App” und “leaken” kristallisieren sich nach dem derzeitigen Stand als Favoriten für die Wahl zum “Anglizismus des Jahres” heraus, die dieses Jahr erstmals von Sprachblogger Anatol Stefanowitsch veranstaltet wird, dem Schrecken aller Sprachnörgler. Die Nominierungsbedingungen:
Nominierte Wörter sollten (ganz oder in Teilen) aus dem Englischen stammen, sie sollten neu sein, d.h. im Jahr 2010 zum ersten Mal verwendet worden oder wenigstens zum ersten Mal in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangt sein. Sie sollten eine interessante Lücke im deutschen Wortschatz füllen, entweder, indem sie eine vorhandene Wortbedeutung weiter ausdifferenzieren oder, indem sie ein Wort für etwas bereitstellen, was es vorher nicht gab oder was vorher nur mühsam umschrieben werden konnte.
Für mich ist Julian Assange zwar ungefähr so real wie Lara Croft, irgendetwas stimmt so sehr an der ganzen Wikileaks-Geschichte nicht, dass ich mich lieber ganz raushalte, aber auch ich kann nicht verhehlen, dass “leaken” eine Bereicherung… weiter lesen
11.12.2010 von Detlef Guertler
Es kommt sehr, sehr selten vor, dass an einem Wort das Schicksal eines gesamten Kontinents hängt.
Eine dieser sehr, sehr seltenen Gelegenheiten ist jetzt. Der Kontinent, um den es geht, heißt Europa. Und das Wort, um das es geht, heißt auf Englisch “fiscal union”. Daran, wie es auf Deutsch übersetzt wird, entscheiden sich Wohl oder Wehe des Euro, und damit auch der Europäischen Union.
Aber der Reihe nach.
Zuerst einmal das Szenario: Die gemeinsame Währung Euro hat im vergangenen Jahrzehnt die Volkswirtschaften der Eurozone so weit auseinander gezerrt, dass jetzt grausame Wettbewerbsfähigkeitsabgründe zwischen ihnen gähnen. Insbesondere die Südstaaten Griechenland, Spanien und Portugal zeigen sich absolut unfähig, die 20 Prozent Wettbewerbsnachteil, die sie sich in der Euro-Ära angefressen haben, jetzt wieder abzuschmelzen. Das mag kulturelle Gründe haben, wie hier bereits des öfteren behauptet – die mediterranen Südis finden mit den Hansestaaten des Nordens einfach keine gemeinsame ökonomische Linie;… weiter lesen
07.11.2010 von Detlef Guertler
Eine interessante Frage wurde in den Diskussionen zu Anatol Stefanowitschs neuestem Sprachblog-Beitrag aufgeworfen. Stefanowitsch hatte es abgelehnt, entsetzt darüber zu sein, dass viele deutsche Kinder heute meinen, bei den Nachkommen der Rehe handle es sich um Rehkids. Von seinen Argumenten war eins ganz modernsprachlich:
Die Kinder … haben hier offensichtlich das gut etablierte und häufig verwendete englische Lehnwort Kid verwendet, um den viel selteneren Begriff Kitz … sprachlich aufzufrischen und neu zu motivieren.
Und eins ganz altsprachlich:
Im großen Plan der Dinge spielt es ohnehin keine Rolle, ob wir von Kids oder Kitzen sprechen; beide Wörter haben die selbe Wurzel — das alte germanische Wort *kidja, mit dem jedes Tierjunge bezeichnet wurde.
Letzteres wiederum brachte einen Diskutanten auf die Frage:
Wenn das Wort Kids auf “…das alte germanische Wort *kidja, mit dem jedes Tierjunge bezeichnet wurde.” zurückgeht ist es ja eigentlich gar kein Anglizismus, oder?… weiter lesen
28.09.2010 von Detlef Guertler
Gestern mittag mit Christian Ankowitsch unterwegs. Beim Überqueren irgendeines Zebrastreifens sagt er: “Das ist gut beim Spazierendenken.” Er meinte natürlich nicht den Zebrastreifen, sondern irgend etwas anderes, aber den Zusammenhang habe ich längst vergessen.
Macht aber auch nichts. Spazierendenken ist ein lockerer, gelöster Begriff für etwas, das wir üblicherweise in härtere Worte packen, obwohl es eigentlich leicht daherkommen sollte – das Herumspinnen oder Brainstormen, also das irgendwie nach neuen Ideen, Begriffen, Produkten, Lösungen suchen. Vielleicht liegt es ja auch an den Worten, dass viele Menschen bei solchen Suchen verkrampfen, sich nicht von ihren gewohnten Gedankenbahnen lösen können. Man könnte ja zumindest mal versuchen, bei der nächsten Suche nach einem neuen Hühnersuppenslogan nicht zum Brainstorming, sondern zum Spazierendenken einzuladen.
15.09.2010 von Detlef Guertler
Manchmal sind wir Journalisten wirklich schwer von Begriff. Vor etwa einem Monat hat das Arbeitsministerium damit begonnen, von Basisgeld zu reden, wo eigentlich Hartz IV gemeint war. Ebenfalls schon im August hat Ministerin Ursula von der Leyen den Begriff erstmals in einem Interview verwendet:
Der Tagesspiegel: Läuft das Urteil auf mehr Geld für Hartz-IV-Familien hinaus?
von der Leyen: Eines ist sicher: Die Bildungsförderung der Kinder wird den Bund mehr Geld kosten. Denn bisher erhalten die Eltern diese Unterstützung nicht. Sie kommt jetzt oben drauf. Wie hoch der Lebensunterhalt, das Basisgeld also, ausfallen wird, darüber gibt es noch keine Berechnungen.
Anfang September rochen die Leyen-Gegner der Webseite gegen-hartz.de den Braten:
Die Bundesregierung plant offensichtlich den alten Begriff Hartz IV Regelsatz durch den Begriff “Basisgeld” auszutauschen. Damit soll eine “differenzierte Berechnung” suggeriert werden.
Aber so richtig anspringen wollte darauf immer noch niemand. Also… weiter lesen