19.11.2012 von Detlef Guertler
Unfassbar. Ist da wirklich noch niemand vorher drauf gekommen? Musste dafür wirklich erst die Frankfurter Rundschau sterben und die Titanic die Zukunftsaussichten einiger anderer Tageszeitungen analysieren?
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung leidet unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung: Der Politikteil ist schmockkonservativ, das Wirtschaftsressort paläoneoliberal, das Feuilleton so links, wie es Heidegger zuläßt. Zu ihrem Glück ist kein Mensch so verrückt, die FAZ komplett lesen zu wollen.Prognose: Wird noch eine Weile klugen Köpfen beim Versteckspiel helfen.
Wo doch der Schmock geradezu dafür prädestiniert ist, mit dem Konservativen in einen Topf geworfen zu werden:
Schmock ist ein aus dem Jiddischen stammendes Wort, das entweder einen Tölpel bezeichnet oder einen unangenehmen Menschen mit weiteren bestimmten Eigenschaften, meist einen Mann der gehobenen Gesellschaft. Auch eine Verwendung im Sinne von „leeres, geschwollenes Gerede“ lässt sich belegen.
Aber weit und breit gibt es keinen einzigen Beleg dafür, dass schon irgendwo irgendjemand vorher die Kombination schmockkonservativ verwendet hätte. Dann ist… weiter lesen
16.10.2012 von Detlef Guertler
Google weiß wieder mal alles besser. Es fragt nicht einmal “Meinten Sie Rechtschreibschwäche”? Sondern es bringt mir unaufgefordert die Sucheinträge zu Rechtschreibschwäche, und es bringt mir die Anzeigen zu Rechtschreibschwäche, und es lässt sogar seine Autovervollständigung die “Rechtschreibschwäche” einblenden, während ich “Restschreibschwäche” schreibe. Immerhin gibt es mir noch die Möglichkeit, auf den Link mit Suchergebnissen zu Restschreibschwäche zu klicken – und bringt mir dann zwar ganz unten die Meldung, keine Suchergebnisse für Restschreibschwäche gefunden zu haben, aber ganz oben immer noch “Meinten Sie Rechtschreibschwäche” und darunter die Anzeigen zu Rechtschreibschwäche.
Nein, liebe Suchmaschinen (Bing und Yahoo zeigen mir ihre Treffer zu “rest + Schreibschwäche”), das meinte ich nicht. Ich meinte wirklich die Restschreibschwäche, die heute morgen von Dierk Haasis erfunden wurde: “Morgendliche Restschreibschwäche” tweetete er, und auch wenn es das Wort bislang noch nicht gab, den Zustand kenne ich sehr genau. Eigentlich ist das Manuskript, der Vortrag, das… weiter lesen
14.10.2012 von Detlef Guertler
Früher, als die Information noch nicht mit Lichtgeschwindigkeit floss, hieß der “Faktencheck” noch “Dokumentation”, und wurde vor der Veröffentlichung von Texten bzw. Beiträgen von speziell dafür ausgebildeten Personen durchgeführt. Wer einmal in den Genuss gekommen ist, mit einem Artikel von Dokumentaren des Stern oder Spiegel in die Mangel genommen zu werden, weiß was ich meine. Leser konnten sich deshalb, nun ja, fast zumindest, darauf verlassen, dass das auch stimmt, was sie zu lesen bekommen.
Dann wurden die Zeiten schneller und schneller, die Medien mehrer und mehrer, und Hoaxe und Bügelbretter verbreiteten sich in Blitzeseile durchs Netz und in die Köpfe. Weshalb der Faktencheck erfunden wurde (und in Deutschland zumindest von “Hart aber Fair” popularisiert), mit dem jedes beliebige gesprochene oder geschriebene Wort auf seinen Wahrheitsgehalt untersucht werden kann. Gerade in Wahlkämpfen eine äußerst segensreiche Einrichtung: Schon während der Kandidaten-Diskussionen Obama/Romney oder Merkel/Steinbrück kann man… weiter lesen
10.10.2012 von Detlef Guertler
Wenn jemand “16 neue Wörter” ankündigt, muss ich ja geradezu hinlesen. Zudem ist “Das Magazin”, auf dessen Webseite die Ankündigung steht, eines der zurecht angeseheneren Medien der Schweiz (obwohl ich mir das deutsche “Das Magazin” lieber ansehe).
Über den Text mit den 16 neuen Wörtern und über den zugehörigen Autor möchte ich dann nach Lektüre doch lieber den Mantel des Schweigens breiten. Es möge reichen, dass ich beim Lesen erstmals in meinem Leben den Wunsch hatte, jetzt doch lieber einen Text von Sprachnörgler Bastian Sick gelesen zu haben.
Allerdings ist mir ja bekanntlich für die Bereicherung der deutschen Sprache keine Mühe zu groß. Deshalb möchte ich den einen der 16 Vorschläge denn doch nicht verschweigen, dem ich zumindest ein gewisses Potenzial zuspreche, in den deutschen Sprachschatz einzugehen:
rascherchieren (Verb) – rasch googeln statt richtig recherchieren: Die meisten Studenten waren mit ihrer Aufgabe… weiter lesen
08.10.2012 von Detlef Guertler
Wenn man anderen einen Text zum Lesen empfehlen will, sagt man, er sei lesenswert.
Und wenn man anderen einen Text zum Streiten, Debattieren, sich damit Auseinandersetzen empfehlen will?
Es gibt da Worte wie “diskussionswürdig” oder “debattierbar”. In ihnen steckt allerdings für mein Gefühl eine deutliche Distanzierung von der damit beschriebenen Aussage, These oder Aktion. Ein typisches Beispiel hier in der höflich verpackten Kritik eines deutsch-türkischen SPD-Politikers am Umgang mit dem Papstbesuch im Bundestag:
“Auch wenn der Papst nicht für Fortschritt und Offenheit steht, ist es trotzdem nicht unbedeutend, dass der Pontifex im Bundestag spricht. Ob man deshalb die ganze Plenarwoche verschieben musste, bleibt diskussionswürdig.”
Diese Sorte Diskussionswürdigkeit meine ich allerdings nicht, wenn ich den jüngsten Blogbeitrag von Christopher Lauer, Enfant Terrible der Piratenpartei, zum Streiten, Debattieren und sich damit Auseinandersetzen empfehle. In dem ganzen Wust aus Meinungsfetzen und Befindlichkeitssoße, die uns die Vortanzenden dieser Partei zumuten, wirkt weiter lesen
06.08.2012 von Detlef Guertler
Wie heißt das korrekte Adjektiv zu Mars?
Auf Englisch ist das einfach. Die Atmosphäre unseres Nachbarplaneten ist die “martian atmosphere”, sein Himmel der “martian sky”, seine Vergangenheit, die von der eben gelandeten Curiosity-Sonde erforscht werden soll, ist die “martian past”. Das Adjektiv zu Mars heißt auf Englisch “martian”.
Aber auf Deutsch? Reden wir von der Mars-Atmosphäre, dem Mars-Himmel und der Mars-Sonde, die die Vergangenheit des Mars erkunden soll. Das Online-Wörterbuch Leo nennt auch nur “vom Mars” als Übersetzung für martian, der Duden kennt weder marsianisch noch marsisch, was ja wohl die beiden nächstliegenden Adjektive wären, die auch beide hin und wieder im Netz verwendet werden. Im Wikipedia-Eintrag zum Mars taucht derzeit immerhin zweimal marsianisch auf, marsisch kein einziges Mal.
Ich halte die Wahrscheinlichkeit für hoch, dass (bei weiterhin erfolgreich laufender Mars-Mission) bis zum Jahresende das Adjektiv marsianisch sich in den deutschen Sprachgebrauch… weiter lesen
03.05.2012 von Detlef Guertler
“Wer kann mir “advisee” übersetzen?” fragt Markus Dahlem gerade. “adviser – Berater, advisee – ??” Zwei seiner Twitter-Follower fühlen sich zur Antwort berufen.
Nämlich Dierk Haasis: Derjenige, der beraten wird, der beratschlagte, Ratnehmer ..
Und Janina Wildfeuer: der Beratene, Ratsuchende
Worauf sich Haasis geschlagen gibt: Du kannst viel besser Deutsch als ich.
Was aber nun wirklich nicht nötig gewesen wäre. Denn “Ratnehmer” steht zwar nicht im Duden, ist aber eine äußerst sinnvolle Ergänzung des deutschen Wortschatzes. Denn während der “Beratene” oder der “Ratsuchende” eher ein freundschaftliches, familiäres oder sonstwie unmonetäres Verhältnis zwischen Ratendem und Beratenem suggeriert, schwingt beim “Ratnehmer” ein geschäftlicher Hintergrund mit. Der Ratnehmer zahlt den Ratgeber für dessen Beratung.
Und das wäre doch wohl tatsächlich die viel bessere Übersetzung für advisee, oder?
14.04.2012 von Detlef Guertler
Ich werde mich natürlich hüten, den Shitstorm zu attackieren. Weil es ein mittlerweile eingeführtes Wort ist, weil es kürzlich erst zum Anglizismus des Jahres gekürt wurde, und weil man sich sonst womöglich selbst einem Shitstorm aussetzt, und wer will das schon?
Weshalb ich auch dem Vorschlag von @TeraEuro nicht folgen möchte, der den Shitstorm durch einen Twitterrorismus ersetzen will, der noch viel viel schlimmer sein soll. Möglicherweise fehlt mir schlicht die Fantasie, wie auf Twitter etwas aussehen könnte, das schlimmer als ein Shitstorm sein sollte. Auch wenn sich das ganze Internet verschwören würde, um, sagen wir, auf @TeraEuro einzutwittern, wäre das für mich immer noch ein Shitstorm.
Schon besser hingegen gefiele mir der Begriff “Twitterrorist”. Das wäre nämlich ein praktischer Spezialname für Streitsucher auf Twitter. Also zum Beispiel diejenigen, die sich ständig Shitstorms einfallen lassen, oder mit selbstausgedachten Memen wie #wasimhandelsblattfehlt Säue durchs Global… weiter lesen
29.12.2011 von Detlef Guertler
“Für die Entwicklung der FDP muss man schon fast ein neues Wort erfinden”, twittert Daniel Eckert: “Abwärtstrend reicht da nicht. Vielleicht: Abgrundtrend.”
Das Wort ist in der Tat neu – im ganzen Google-Reich ist kein einziger Treffer dafür zu finden. Und es wäre nicht nur für die FDP brauchbar, sondern gerade dort, wo Eckert eigentlich beruflich zuhause ist: an den Kapitalmärkten. Ob es sich um die Anleihenkurse von Staatspleitenkandidaten wie Griechenland oder um die Aktienkurse von Pleitefirmen wie Solon handelt, es gibt eine ganze Reihe von Kurs-Entwicklungen, die Chart- oder sonstige -Analysten einen kurz bevorstehenden Exitus prophezeien lassen. Und so lässig wie ihnen Abwärts-, Aufwärts- und Seitwärtstrend von den Lippen gehen, könnte es in solchen Extrem-Situationen auch mit dem Abgrundtrend gehen. Er signalisiert, dass sich eine Kursentwicklung eben nicht mehr irgendwie normalisiert, sondern komplett aus dem bisherigen Rahmen herausgefallen ist. So dass nur noch ein Wunder… weiter lesen
18.12.2011 von Detlef Guertler
Marina Weisband geht auf dem Zahnfleisch dieses Wochenende. Und wie sich das für die Geschäftsführerin der Piratenpartei gehört, lässt sie uns alle daran auf Twitter teilhaben:
“Bin so fertig…” … “Erschöpft und müde und keine Lust auf Gesellschaft” … “Ich bin zu fertig, um Vampire zu spielen. Das ist das Ende des Abendlandes.” … “Ich wollte seit 4 Stunden mit einem Buch auf dem Sofa liegen, und ich arbeite Emails ab. Hört auf, mir Emails zu schreiben” … “Super, die tolle “Fan-Mail” hat mich zum ersten mal zum Weinen gebracht. Wenn ihr nur beleidigen wollt, warum lasst ihr das Schreiben nicht?” … “Warum hält irgendjemand auf dieser Welt es für produktiv, andere ohne Not zu beleidigen?”
Es ist aber auch wirklich anstrengend, eine Person öffentlichen Interesses und Ärgernisses zu sein. Denn es melden sich ja auch wirklich nur diejenigen, die sich über dich ärgern, die dich fertig machen… weiter lesen