Archive for the ‘Sprachloch’ Category

26.02.2011 von Detlef Guertler
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plaggen

von Detlef Guertler

Gleich zweimal wurde in den Kommentaren zu guttenbergen für eine Alternative zu jenem Verb plädiert, nämlich für plaggen. Einmal von Antoninus:

Vielleicht wird sich “p l a g g e n” als Verbum zum einfacheren Synonym für unrechtmäßige, nicht nur universitäre Pseudo-Leistungen erweisen.

Und dann noch einmal von Walter:

“plaggen” könnte sich ähnlich wie “simsen” etablieren. “Plaggen Sie nicht!” geht einem auch leichter von den Lippen als “Plagiieren Sie nicht”. Plaggen passt phonetisch und inhaltlich auch zu “unplugged”, zwar nicht direkt im Sinne von “Musik ohne elektrische Hilfe” spielen, aber im übertragenem Sinn von “ohne unerlaubte Hilfe” schreiben.

Die Kombination aus Vorschlag und Begründung überzeugt mich schon ziemlich. Hinzu kommt noch, dass angesichts der ständig wachsenden scheinbar frei verfügbaren Content-Mengen und des dramatisch sinkenden Unrechtsbewusstseins (offensichtlich eben nicht nur bei pirativen Kids) es einen ebenfalls wachsenden Bedarf für ein eigenes Wort für diesen Vorgang des sich… weiter lesen

17.02.2011 von Detlef Guertler
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mittagen

von Detlef Guertler

Dr. Bopp ist mal wieder sehr apodiktisch:
Im Standarddeutschen sagt man nicht ich esse Frühstück. Man sagt einfach ich frühstücke. Wenn es etwas formeller oder gehobener zugeht, kann man auch das Frühstück einnehmen. Für das Einnehmen des Mittagessens kann man aber umgekehrt nicht ich mittage oder ich mittagesse sagen.
Warum eigentlich nicht? Damit zwingt man die armen Deutschen doch in die Gewalt der Anglizismen-Mafia, die uns locker ein “ich lunche” erlaubt. Was die können, müssen wir doch auch dürfen! Also ich mittage jetzt jedenfalls.

29.01.2011 von Detlef Guertler
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Postislamismus

von Detlef Guertler

“Sind die Islamisten verschwunden?” fragt heute Olivier Roy in der WELT. Weder jüngst in Tunesien noch aktuell in Ägypten spielen islamistische Organisationen eine Rolle in der Protestbewegung. Roys Antwort auf Roys Frage:

“Nein. Aber in Nordafrika jedenfalls sind die meisten von ihnen Demokraten geworden. Sicher gibt es Randgruppen, die dem Weg des nomadischen globalen Dschihad folgen und durch die Sahelzone auf der Suche nach Geiseln streifen. In der Bevölkerung aber finden sie keine Unterstützung. Deshalb sind sie ja in die Wüste gegangen.”

Oder, so der französische Politologe, in den Westen:

“Der Terrorismus und die utopische Endzeitstimmung, deren Zeugen wir in den letzten Jahren gewesen sind, stammen nicht aus den real existierenden Gesellschaften des Nahen Ostens. Es gibt mehr radikale Muslime im Westen als dort. Freilich variiert das Bild von Land zu Land. Die postislamistische Generation ist in Nordafrika sichtbarer als in Ägypten oder dem Jemen, ganz zu schweigenweiter lesen

28.01.2011 von Detlef Guertler
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Das Gegenteil von Militärputsch

von Detlef Guertler

Die Lage ist ja gerade sehr unübersichtlich in Ägypten, aber wenn ich die Bilder bei Al Jazeera gerade richtig verstanden habe, haben die Protestierenden begeistert das Auftauchen eines gepanzerten Fahrzeugs der Armee begrüßt. Das sah fast danach aus, als ob sich das Militär (im Land wesentlich höher geachtet als die Polizei- und Sicherheitskräfte) auf die Seite der Rebellion schlagen könnte – was sehr schnell das Ende der Mubarak-Regierung nach sich ziehen könnte.

Das einzige Wort, das wir für einen solchen Vorgang haben, heißt “Militärputsch”. Aber dieses Wort trifft ja nun gar nicht das, was in diesem Fall passieren könnte: Wir sehen bei diesem Wort vor uns, dass die Armee eine demokratisch gewählte Regierung stürzt. Aber wenn die Armee eine Diktatur (oder scheindemokratische Regierung) stürzt, ist das doch eigentlich eher das Gegenteil eines Militärputsches. Aber wie nennt man das?

10.01.2011 von Detlef Guertler
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Wohlstandsstaat

von Detlef Guertler

Wir kennen Wohlstandsgesellschaften (in denen es vielen bis allen gut bis zu gut geht) und Wohlfahrtsstaaten, die, so Wikipedia, “weitreichende Maßnahmen zur Steigerung des sozialen, materiellen und kulturellen Wohlergehens” ihrer Bürger ergreifen. Der Begriff Wohlstandsstaat hingegen wird bislang nur extrem selten verwendet (weniger als ein Prozent der Google-Treffer für Wohlfahrtsstaat), und wenn, dann mit keiner anderen Bedeutung als der Begriff Wohlfahrtsstaat.

Ich schlage hiermit eine andere Bedeutung vor. Ein Staat heiße Wohlstandsstaat, wenn er weitreichende Maßnahmen zur Sicherung des sozialen, materiellen und kulturellen Wohlergehens seiner Bürger ergreift.

Den Unterschied erkannt? Klar: Das Wohlergehen soll nicht gesteigert, sondern gesichert werden. Was

- zum ersten eine Absage an die (unrealistische) Vorstellung immerwährenden Wachstums ist, ohne gleich in Miegelsche Verzichtsgier zu verfallen;

- zum zweiten eine Anerkennung jener Forschungsergebnisse aus der Glücksforschung darstellt, wonach ab einer Pro-Kopf-Wirtschaftskraft etwa in der Größenordnung Portugals weiteres wirtschaftliches Wachstum… weiter lesen

31.12.2010 von Detlef Guertler
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leaken

von Detlef Guertler

“App” und “leaken” kristallisieren sich nach dem derzeitigen Stand als Favoriten für die Wahl zum “Anglizismus des Jahres” heraus, die dieses Jahr erstmals von Sprachblogger Anatol Stefanowitsch veranstaltet wird, dem Schrecken aller Sprachnörgler. Die Nominierungsbedingungen:
Nominierte Wörter sollten (ganz oder in Teilen) aus dem Englischen stammen, sie sollten neu sein, d.h. im Jahr 2010 zum ersten Mal verwendet worden oder wenigstens zum ersten Mal in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangt sein. Sie sollten eine interessante Lücke im deutschen Wortschatz füllen, entweder, indem sie eine vorhandene Wortbedeutung weiter ausdifferenzieren oder, indem sie ein Wort für etwas bereitstellen, was es vorher nicht gab oder was vorher nur mühsam umschrieben werden konnte.
Für mich ist Julian Assange zwar ungefähr so real wie Lara Croft, irgendetwas stimmt so sehr an der ganzen Wikileaks-Geschichte nicht, dass ich mich lieber ganz raushalte, aber auch ich kann nicht verhehlen, dass “leaken” eine Bereicherung… weiter lesen

27.11.2010 von Detlef Guertler
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Zuhäuser

von Detlef Guertler

Artur Becker hat sich als Wortist betätigt. Der polnische auf deutsch schreibende Schriftsteller, mir bislang nicht bekannt, wurde in der mir wesentlich bekannteren Zeitschrift “Das Magazin” porträtiert. Unter anderem so:

“Aber so ist unsere Zeit. Unsere Zuhäuser…” Er blickt kurz fragend auf. “Sagt man so?” Ist es im 10. Jahr des 21. Jahrhunderts nicht an der Zeit, dass ein Exilant den Plural des Wortes Zuhause erfindet?

Erfinden ist natürlich übertrieben. Vereinzelt haben sich auch schon andere Menschen mit diesem nicht-existenten Plural beschäftigt, den es ähnlich auch beim Begriff Heimat nicht gibt.
Eine gänzlich andere Füllung für das gleiche Sprachloch hat beispielsweise Katharina Gusenbauer im Jahr 2008 in ihrer Keramik-Diplomarbeit “Zuhausen” (PDF) gefunden:

Zuhäuser stützt sich auf die Pluralbildung von Haus > Häuser. Insgesamt hebt ein solcher Plural das Wort Haus/Häuser meiner Meinung nach zu sehr in den Vordergrund. Das Anhängen eines –s an Wörter wirdweiter lesen

04.10.2010 von Detlef Guertler
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Schwumm

von Detlef Guertler

“30-Kilometer-Schwumm ohne Arme” lautete heute eine Überschrift in der Schweizer Gratiszeitung “20 Minuten”. Für Eidgenossen ist der (die? das?) Schwumm offensichtlich ein völlig normales Wort, im Deutschdeutschen hingegen klafft an dieser Stelle schlicht ein Sprachloch: Wir haben kein Substantiv für das, was man macht, wenn man schwimmt. Nicht dass man ein solches Wort allzu oft bräuchte – aber wenn doch, wär’s doch praktisch, wenn man’s hätte. Weshalb ich hiermit den Antrag auf wortistische Einbürgerung des Schwumms stelle.

10.09.2010 von Detlef Guertler
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Opfersymmetrie

von Detlef Guertler

Für die Schweizer ist dieses Wort ein alter Hut. 2760 Treffer findet Google für Opfersymmetrie – fast ausschliesslich auf Schweizer Webseiten. Verwendet wird es in Haushaltsdebatten oder bei Vergleichsverhandlungen: Wenn Ausgaben gekürzt werden müssen, oder wenn Gläubiger auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten sollen, wenn Opfer gebracht werden müssen, dann soll es dabei gerecht zugehen.

Im Deutschdeutschen wird dieser Begriff hingegen überhaupt nicht verwendet. Hier wird eher verteilt und ausgeglichen: Es gibt den Lastenausgleich, der Verluste verteilt, oder den Finanzausgleich, der den Starken nimmt und den Schwachen gibt. Das mag als Begriff dann funktionieren, wenn tatsächlich eine Handlung beschrieben werden soll, die Lasten unter den Betroffenen verschiebt. Die Opfersymmetrie hingegen enthält keinen solchen Aktionsbezug, sondern tendiert ins Grundsätzliche. Das verbindet sie mit der in Deutschland (als Begriff) sehr verbreiteten Verteilungsgerechtigkeit.

Doch die Verteilungsgerechtigkeit hat einen entscheidenden Nachteil: Sie ist auf einem Auge blind. Sie… weiter lesen

03.08.2010 von Detlef Guertler
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Pressesuse

von Detlef Guertler

“Kachelmann und kein Ende”, seufzt samya lind auf der Webseite von Alice Schwarzer in der Diskussion über deren Beitrag über die Kachelmann-Freilassung. Und weiter:

langsam aber sicher geht mir die berichterstattung über den deutsch-schweizer wetterfrosch kachelmann so was von auf die nerven. das sich all die pressefritzen und leider auch pressesusen auf diese story stürzen wie kinder auf den weihnachtsmann, war ja klar.

Damit hat sie es allerdings geschafft, dass sich nun auch ein bisher fast Fall-Kachelmann-freies Blog daraus stürzt. Denn die Pressesusen, die gab es bisher noch nicht in unserer Sprache. Aber in der Realität. Auch ich kenne neben vielen mehr oder weniger hervorragenden Journalisten auch einige Branchenvertreter, die man nur als Pressefritzen bezeichnen kann – und eben Branchenvertreterinnen, die mit Pressesuse sehr adäquat beschrieben sind.