09.10.2011 von Detlef Guertler
Merkwürdige Unterzeile bei Günther Jauch: Mitdiskutantin Hanna Poddig wird dort als “Vollzeitaktivistin” vorgestellt. Okay, so wurde Poddig auch schon vor zwei Jahren bei jetzt.de und im UniSpiegel bezeichnet. Aber ich verstehe das trotzdem nicht. Bei Aktivisten erwarte ich, dass sie für bzw. gegen etwas bestimmtes sind, weswegen ihnen üblicherweise das Ziel ihres Aktivsein vorangestellt wird: Anti-AKW-Aktivisten, Klimaaktivisten, Tierschutzaktivisten etc. Die zeitliche Intensität des Engagements spielt hingegen sonst nie eine Rolle.
Das ist bei Aktivisten eigentlich so wie bei Fussballfans. Man ist Schalke-Fan oder Dortmund-Fan, aber man ist doch nicht Vollzeit-Fan! Selbst wenn man sonst nichts anderes macht als Fan zu sein. Wir haben uns früher auch immer dagegen gewehrt, wenn man uns Berufsdemonstranten nannte, erstens weil es uns wichtig war, wofür bzw. wogegen wir demonstrierten, und zweitens weil wir natürlich nicht dafür bezahlt wurden, auf die Strasse zu gehen – weder von Moskau noch von sonst jemand.
Selbst… weiter lesen
27.09.2011 von Detlef Guertler
Ich werde den Teufel tun und hier einen Kollegen dafür beschimpfen, dass er sich selbst zitiert. Man kann ja gar nicht so viel neue Gedanken haben wie man Texte schreiben muss, weshalb natürlich der eine oder andere Gedanke oder Begriff mehrfach verwertet werden kann, soll und darf. Für wissenschaftliche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften mag es da klare Vorschriften bezüglich Originalität und Mehrfachverwertung geben, und wer die verletzt, muss sich harsche Kritik gefallen lassen, aber im Journalismus sind Selbstplagiate ziemlich üblich.
So üblich, dass eigentlich gar kein Hahn und erst recht kein Bildblog danach krähen dürfte, wenn Wolfram Weimer die “verantwortungslosen Kreditteufel”, die er in einem Text im Jahr 2008 erfand, im Jahr 2011 bei seinem Neueinstieg als Handelsblatt-Kolumnist wieder ausgräbt. Wenn, ja wenn da nicht jene zwei kleinen Details wären:
1. verwendet Weimer die Kreditteufel in genau jener Kolumne, in der er diesen Begriff vor… weiter lesen
02.02.2011 von Detlef Guertler
Es ist unfassbar. Es ist absolut nicht zu glauben. Sprachnörgler Bastian Sick schreibt heute (!), ein Jahr nach dem Ableben der Aktion Lebendiges Deutsch, über die Aktion Lebendiges Deutsch, als wäre sie gerade eben aus der Taufe gehoben worden und nicht vor vier Jahren.
Er schreibt heute darüber, dass man im Deutschen auch neue Wörter erfinden kann – und verwendet keine einzige Zeile auf eine der vielen Stellen, die sich genau darum kümmern (natürlich auch nicht auf diese), sondern landet wieder nur bei der überbärtigen Eindeutschung von Anglizismen, der er als einzige Neuschöpfung den Schoßaufsatz hinzufügt, was Laptop wörtlich übersetzt heißen soll.
Was natürlich Bödsinn ist, aber das wundert bei Sick ohnehin nicht. Wie kann eine solche Flachpfeife überhaupt jemals irgendjemand auch nur ein einziges Buch verkauft haben? Geschweige denn Millionen?! Ach, ich hör schon auf.
18.05.2010 von Detlef Guertler
Worin bestehen die Aktivitäten von Banken? Klar, in Finanztransaktionen. Ob Sparbucheinrichtung oder Kreditvergabe, Börsengang oder komplex strukturierte Swap-Geschäfte, egal, alles sind Finanztransaktionen und gleichzeitig Aktivitäten. Also sollte eine Finanztransaktionssteuer ja wohl das gleiche sein wie eine Finanzaktivitätssteuer, oder?
Ist es aber nicht. Die Finanztransaktionssteuer enthält das, was draufsteht: eine Steuer auf Finanztransaktionen. Sie wollen zum Beispiel SPD und CSU. Die Finanzaktivitätssteuer hingegen ist eine Extra-Steuer auf Banken-Gewinne und Bänker-Boni. Sie wollen unter anderem der IWF und die FDP. Sie ist also gerade keine Steuer auf Aktivitäten, sondern auf diejenigen, die diese Aktivitäten entfalten. Das kann man Dealersteuer nennen oder Spekulantenzuschlag oder oder oder, aber jedenfalls nicht Finanzaktivitätssteuer.
Wer diesen Begriff gebraucht, will vernebeln und manipulieren und vermutlich jegliche Art von zusätzlicher Belastung der Finanzmärkte hintertreiben. Das Wort Finanzaktivitätssteuer ist also politischer Giftmüll und sollte ebenso aus dem Vokabular geworfen werden wie die es gebrauchende Partei aus der Regierung.
20.02.2010 von Detlef Guertler
Der Suchbegriff, mit dem Menschen am zweithäufigsten in diesen Blog googeln, heißt Klicke – bislang genau 6138 mal (noch häufiger trifft nur der Wehmutstropfen). Aber erst heute gab es die ersten Versprengten, die mit der Suchanfrage Qulice bei mir gelandet sind. Für Qulice gibt es weltweit gut 1000 Google-Treffer, davon allerdings bislang keinen hier – aber Google fragt freundlicherweise: “Meinten Sie Klicke?” Nicht Clique, sondern wirklich Klicke. Und damit landet man nun mal als erstes bei mir.
Ich hätte ja vermutet, das Qulice eher eine gekünstelte Schreibweise von Kulisse ist, aber nein, alle, die bislang Qulice auf Deutsch verwendet haben, meinten tatsächlich die Gruppe.
Voll qurac gecwirlte Quace.
27.01.2010 von Detlef Guertler
iMac war okay, iPod war klasse, iTunes und iPhone gingen irgendwie in Ordnung – aber iSlate geht gar nicht. Das Wort sieht nicht gut aus, es klingt nicht gut, es stellt nichts dar, es ist hässlich, dumm und ignorant. Wenn also Steve Jobs wirklich heute abend ein iSlate vorstellen sollte, dann muss man tatsächlich an seinem sonst so traumhaft sicheren Marketing-Gefühl zweifeln. Und entweder alle Apple-Aktien verkaufen, oder einen anderen Namen finden.
Für ersteres sind wir hier nicht zuständig, für zweiteres schon. Also bitte, liebe Gemeinde, helft dabei, für Steves neues Baby einen neuen Namen zu finden.
Mir selbst würde iPad gut gefallen. Wer bietet mehr?
20.01.2010 von Detlef Guertler
Sind sie nicht furchtbar, diese Arbeitgeber?
Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen störe zwar viele Unternehmen, sie als Seuche zu bezeichnen sei indes «ein sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen», sagte (Horst Dieter) Schlosser zur Begründung
der Kür von betriebsratsverseucht zum Unwort des Jahres 2009, sagt die Pressemitteilung dazu. Und weiter:
In einem Bericht der ARD-Sendung «Monitor» im Mai vergangenen Jahres hatte ein Mitarbeiter einer Baumarktkette geschildert, dass Abteilungsleiter Mitarbeiter als «betriebsratsverseucht» bezeichnen, die von einer Filiale mit Betriebsrat in eine Filiale ohne Betriebsrat wechseln wollen.
Richtig daran ist, dass es diesen Monitor-Bericht gab, und dass dort ein “Bauhaus”-Beschäftigter dieses Wort verwendet hat. Das entsprechende Zitat aus der Sendung auf der ARD-Webseite:
“Verschiedene Redner, insbesondere Abteilungsleiter, kamen dann zur Sache. Betriebsrat. Wir brauchen keinen Betriebsrat, wir können alles selbst klären. Betriebsrat kostet nur Geld, was wir für anderes gebrauchen könnten, zum Beispiel Lohnerhöhungen. Und möchte ein Kollege in… weiter lesen
29.11.2009 von Detlef Guertler
“Das ist doch mal wieder ein Wort für deine Wortistik”, meint meine Frau heute morgen beim Zappen – die Schiebelade von Milka. Schiebelade? Na, Schokolade zum Schieben eben, passt hervorragend zum ersten Advent.
“Das gefällt mir überhaupt nicht”, quengle ich etwas unausgeschlafen zurück. Das klingt wie Schublade und nicht wie Schokolade, und überhaupt ist Schokolade etwas zum Essen und nicht etwas zum Schieben. Aus einer völlig nebensächlichen Eigenschaft des Produkts macht man kein neues Wort – Ritter Sport hat ja auch nie versucht, sich als Quadratschokolade zu verkaufen.
Andererseits ist es doch immer eine Erwähnung wert, wenn einer unserer Hypermarkenartikler bzw. dessen Werbeagentur den Versuch macht, ein neues deutsches Wort zu schöpfen. In jedem Fall besser als ein multilingualmixender Versuch wie Nivea Visage DNAge – und auch der hat es bis in die Wortistik geschafft. Zwar als Unword, aber any promotion ist ja good promotion. Also… weiter lesen
23.10.2009 von Detlef Guertler
“Grrrr!!! Nicht dieses Wort!”, schnaubt Sie, deren Name hier nicht genannt werden darf, durch die Leitung. Seit jetzt schon viel zu vielen Wochen, ach, Monaten, sitzt sie an einem Projekt, das schon längst hätte beendet sein müssen – aber bringen Sie mal ein neues Projekt durch alle Abstimmungsschleifen eines Großkonzerns! “Du meinst deinen…” beginne ich meinen Satz, natürlich ohne jede Hinterhältigkeit, aber sie lässt mich nicht ausreden: “Im Harry-Potter-Internat Hogwarts gibt es ein Wort, das auf keinen Fall ausgesprochen werden darf, weil sonst furchtbare Katastrophen passieren: VOLDEMORT. Und bei mir gibt es jetzt auch ein solches Wort, mein VOLDEWORT sozusagen. Also schweig, wenn dir dein Leben lieb ist!”
Ist es. Also akzeptiere ich ihr Voldewort – und erweise dieser Neuschöpfung hiermit die Ehre, die ihr gebührt.
08.06.2009 von Detlef Guertler
Brezelbacken kennt man, auch für jegliches andere Gebäck sowie Ziegel und Tonkunst (aus Ton, nicht aus Tönen), kann ein Verb mit -backen gebildet werden. Aber lumbacken? Und das in einem Kontext, in dem es gar nicht ums Backen, sondern um die Produktion von Zeitschriften ging? Ich brauchte eine Weile, bis der Groschen fiel: Es ging um die Klebebindung, die auf Deutsch nach ihrem Erfinder Emil Lumbeck eben Lumbecken heißt. Und wenn man das aufschreiben möchte, und wenn man gewöhnt ist, dass Fachbegriffe immer aus dem Englischen kommen, und wenn man weiß, dass der Rücken auf Englisch “back” heißt, dann nennt sich ein geklebter Zeitschriftenrücken eben Lumback, und das Tätigkeitswort dazu lumbacken.
Logisch, klar. Nur eben komplett falsch. Und sicher ein großartiges Beispiel für die Feinde der Anglisierung der deutschen Sprache: Macht doch der Anglizismus im Kopf ehrbare deutsche Nachnamen kaputt. Wer weiß, vielleicht muss ich meine (selbstverständlich gelumbeckte)… weiter lesen