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Beiträge für die Kategorie ‘Worchäologie’

11.12.2009

I-tech

von Detlef Guertler

Wenn Spiegel und Time schon ziemlich gleichzeitig und -lautend mit der Jahrzehntrückschau beginnen, dürfen wir das ja auch, So haben wir beispielsweise gerade eben in der ersten Brand-Eins-Ausgabe des Nuller-Jahrzehnts einen wunderbaren Text über die Herankunft des I-Tech-Zeitalters gefunden. Ein paar Auszüge:

Ins neue Zeitalter des Konsums, heißt es, können wir die uns altvertrauten Begriffe hinüberretten, indem wir ihnen einen Buchstaben voranstellen – das E wie Electronic. … Aber das neue Zeitalter des Konsums hat einen anderen Buchstaben verdient: das große I wie Ich, wie Individuum, denn darin liegt der Kern dessen, was es uns bringen wird – die Emanzipation des Konsumenten.

Noch arbeiten die meisten Konsumgüterhersteller so, wie Henry Ford Autos baute – große Mengen der immer gleichen Produkte herstellen und ab damit in die Läden. Autos allerdings werden schon lange nicht mehr so gebaut. Die Sonderwünsche werden so in den Produktionsprozess integriert, dass tatsächlich individuelle Autos das Band verlassen. Und genau das wird sich auch bei preiswerteren Konsumgütern durchsetzen.

Ob das I-Tech-Zeitalter nun bei PCs, Büchern, Blumensamen oder Zigarettenschachteln beginnt, ist noch nicht klar. Klar ist aber, dass jeder, der in Zukunft Weltgeltung behalten oder erlangen möchte, die Kunst der Individualisierung beherrschen muss, die sein Produkt nicht vergleichbar, sondern unterscheidbar macht.

Heute kann sowas sogar Sascha Lobo einfallen. Aber vor zehn Jahren? Respekt. Wie hieß der Autor damals gleich noch mal? Ach, DER war das! Na, da hätte ich ja auch gleich drauf kommen können…

28.09.2009

Aktendulli

von Detlef Guertler

Wenn Sie dieses Wort nicht kennen, sind Sie entweder Analphabet oder Wessi. Ich bin letzteres, und gerade trotz mehrerer Jahre Ost-Erfahrung (und mehrerer Kinder auf ostdeutschen Schulen) das erste Mal über dieses Wort gestolpert. Man könnte es jetzt als Ossi-Wort in die Broiler-und Toni-Ecke abschieben – aber damit würden wir Paul Richard Carl Kohl furchtbar Unrecht tun, der jenes aus dem Büroalltag nicht mehr wegzudenkende Utensil im Jahr 1939 in Chemnitz erfand.

Berechtigter Chemnitzer Lokalstolz führte im Laufe der Jahre zur Ausbreitung des Wortes über das ganze Land. Von der Oder bis zum Brocken, vom Kreidefelsen bis zum Erzgebirge sprach und schrieb man vom Aktendulli, auch kurz: Dulli. Wäre Deutschland damals nicht geteilt worden, hätte die Ausbreitung sicherlich auch das ganze größere Land umfasst. Und heute würde man auch an Rhein und Ruhr, auf Sylt und auf der Zugspitze vom Aktendulli reden und ihm Kränze zum 70. Geburtstag winden.

Doch vom 10. bis zum 51. Geburtstag des Aktendullis gab es die DDR, und nur in ihr war er bekannt – und mit ihrem Dahinscheiden schien auch sein Schicksal besiegelt: Trockene, bürokratieatmende Synonyme aus westdeutschen Amtsstuben übernahmen das Kommando. Und dabei konnte der Aktendulli nun wirklich nichts zur deutschen Teilung. Er hatte auch nie etwas mit der DDR am Hut. Soll jetzt dieses Wort zum unschuldigen Opfer der deutschen Einheit werden? Ich sage: nein! Und sage Ja zum Aktendulli. Sagen Sie mit.

17.06.2009

Sozialfestung

von Detlef Guertler

Aus kalendarischem Anlass heute in einem schmalen Bändchen der “Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland” geblättert, das ich beim letzten Bücher-Flohmarkt in Marbella für 50 Cent erstanden habe. Titel: Der 17. Juni 1953. Erscheinungsjahr: 1957. Autor: Arnulf Baring, damals 25 Jahre jung. Eine Passage daraus weckte mein wortistisches Interesse:

Das einzige Großwerk des Industriezweigs (Schwerindustrie, D.G.), das nicht streikte, war das Eisenhüttenkombinat Ost in Stalinstadt bei Frankfurt an der Oder. … Stalinstadt, “die erste sozialistische Stadt Deutschlands”, ist ein erster Versuch auf deutschem Boden, die planmäßige Umgestaltung der Gesellschaft an einem Probefall in Angriff zu nehmen. Stalinstadt ist dazu ausersehen, eine “Sozialfestung” (Stammer) zu werden, von der aus systematisch in die alte Gesellschaftsstruktur eingebrochen werden kann.

Die Festung wird hier also nicht als letztes Bollwerk gegen anbrandende Barbarenhorden gesehen, wie es heute üblich ist, wenn von der “Festung Europa” die Rede ist, sondern als befestigter Ausgangspunkt für offensive Attacken gegen eben solche Barbaren.

Auch wenn es mit der Sozialfestung Stalinstadt im weiteren Verlauf der Geschichte doch nicht so geklappt hat – ein bisschen von dem Offensivgeist, der sich in diesem Gebrauch des Festungs-Begriffs zeigt, könnte auch unseren heutigen Festungskommandanten gut tun. So wie in jenem Satz, den vor zehn Jahren Dominique Strauss-Kahn, damals französischer Wirtschaftsminister, in Paris der versammelten europäischen Medien- und Internet-Elite servierte: “Ein Fortschritt ist nur dann ein Fortschritt, wenn er allen Menschen zugute kommt.”

24.02.2009

Unfreund

von Detlef Guertler

Stehe mit Christian Ankowitsch vor der Wand, an der alle Seiten des gerade in Produktion befindlichen GDI-Impuls-Heftes (Erscheinungstermin 18. März, Titelthema Mobilität, mehr wird noch nicht verraten) hängen. “Wie kommt der X denn da rein?”, fragt Ankowitsch und zeigt auf einen Autoren-Namen. “Langjähriger Freund des Hauses”, antworte ich, “ganz im Gegensatz zum Y.” – “Der Y ist Feind?” – “Das nun nicht gerade. Sagen wir eher: Unfreund.”

Normalerweise sagen wir das nicht. Sprache ist vielfältig in den Extremen, bei heiss und kalt, gut und böse, Freund und Feind – aber nachlässig bei den Mittelwerten. Zwischen heiss und kalt gibt es immerhin lau, warm und kühl, zwischen gut und böse wird`s schon schwieriger und zwischen Freund und Feind gibt`s allenfalls neutral, aber oft nicht mal das, denn wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Aber, immerhin, in der Oeconomischen Enzyklopädie von Johann Georg Krünitz von anno irgendwann taucht der Unfreund auf, im 195. von 242 Bänden, und auch in angemessener Beschreibung:

Unfreund, der Gegensatz von Freund, ein glimpflicher oder zarterer Ausdruck für das härtere Feind; es kommt im gewöhnlichen Leben, und hier am öftersten in der Mehrzahl vor. So sagt man zwei Personen sind Unfreunde geworden, wenn sie sich entzweiet haben. Es ist hier ein Mittelwort zwischen Freundschaft und Feindschaft; denn man kann sich erzürnen, böse auf einander seyn, einen Groll zu einander hegen, aber deshalb sich nicht anfeinden, erbittert gegen einander seyn; denn dieses setzt schon einen hohen Grad der Feindschaft voraus, eine bittere Beleidigung, die Einer dem Andern angethan hat, wo eine Aussöhnung schwerer zu erreichen ist. Bei der Unfreundschaft kommt man sich gegenseitig bald wieder entgegen, bietet man sich bald wieder die Hand zur Versöhnung, weil die Beleidigung nur leicht, weniger fühlbar war, vielleicht nur in einem Streite bestand, der die Trennung ohne Ueberlegung des einen oder des andern Theils bewirkte, und wenn die Hitze sich gelegt hat, so sieht man sein Unrecht ein, und nähert sich wieder einander.

22.01.2009

Milwortista

von Detlef Guertler

Mileurista ist spanisch, und der Begriff für Erwerbstätige, die nicht mehr als 1000 Euro im Monat verdienen (wie in diesem Blog auch bereits beschrieben und eingedeutscht). Milwortista ist ein daran angelehnter Hispanizismus (sagt man das so?) für Blogger, die nicht mehr als 1000 neue Wörter gefunden haben.

Womit dieses Wort eigentlich im Moment des Aufschreibens zum Unwort wird, da es sich um das tausendste in diesem Blog handelt. Weshalb es in diesem Fall auch kein Drama wäre, wenn sich das Wort nicht über diesen Eintrag hinaus verbreiten sollte.

Zur Feier des Anlasses erlaube ich mir etwas von dem, was sonst in diesem Blog nichts zu suchen hat (sollten Sie es doch an der einen oder anderen Stelle gefunden haben, dürfen Sie es gerne behalten): Selbstbespiegelung, Ichbezogenheit, Behelligung der Menschheit mit Persönlichkeitsfixierung: Warum mache ich das überhaupt und wie geht es mir dabei?

Aber zuerst ein wenig Statistik:

1000 neue (davon ca. 34 schon ältere, aber neu ausgegrabene) Wörter, etwas mehr als ein Eintrag pro Tag seit dem Start im Juni 2006. Davon wurde ein knappes Sechstel (163) von Ihnen, werte Leser, vorgeschlagen und gerne übernommen – es mag maximal ein halbes Dutzend Leservorschläge gegeben haben, die ich nicht übernommen habe, und das eher nicht aus Geschmacksgründen, sondern weil ich das vorgeschlagene Wort für nicht neu hielt.

2854 Kommentare, also fast drei pro Beitrag, kein Spitzenwert für Alpha-Blogger, aber doch über die Jahre ein stabiles Echo. Die eifrigsten Kommentatoren waren dabei polyphem und A.S. Reyntjes, Danke Ihnen und allen anderen.

Das größte Echo, die meisten Klicks und die meisten Kommentare, nämlich 34, hatte der Eintrag, in dem einer Spiegel-Titelstory über den Verfall der deutschen Sprache dummbatzige Fakten-Schlumperei nachgewiesen wurde.

Die meistgesuchten bzw. -gefundenen Einträge, also diejenigen, die am häufigsten von Google-Suchenden angeklickt wurden, sind diejenigen zu Wehmutstropfen und Disskussion - was vor allem daran liegen dürfte, dass diese Wörter häufig falsch geschrieben werden oder die Suchenden sich unsicher sind, wie das Wort denn nun tatsächlich geschrieben wird. Zumindest beim -tropfen deutet m.E. einiges darauf hin, dass wir gerade den Übergang von Wermut zu Wehmut erleben. Noch zwei Jahrzehnte weiter, und der Duden macht auch mit.

Nicht belegbar bis jetzt ist allerdings das, was von Beginn an eines der erklärten Ziele dieses Blogs war: Einfluss auf die deutsche Sprache auszuüben. Meines Wissens hat es keines der von mir (oder von Ihnen) neu erfundenen Wörter bisher in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft. Ich rechne allerdings in diesem Jahr damit, dass das der 2. Weltwirtschaftskrise gelingen wird – die ist zumindest schon bis in die Diskussionen der deutschen Wikipedia vorgedrungen, ob man die aktuelle Lage Weltwirtschaftskrise nennen darf oder nicht.

Ja, man darf sie so nennen, und ebenfalls Ja, das zeichnet sich seit mindestens anderthalb Jahren ab, und, noch ein Ja, das war seit Juli 2007 mein Lieblingsthema in diesem Blog: die Kommentierung, Begleitung und Vorwegnahme dessen, was uns in Welt- und Finanzwirtschaft auf die Füße fällt. Zum Teil aus einer Not heraus geboren: Als freier Journalist ohne feste Anbindung an ein Muttermedium ist es mir nicht gelungen, bei einem der Blätter, für die ich tätig war und bin, ein Bewusstsein für die Dramatik und Dynamik der ökonomischen Lage zu wecken und dieses dort entsprechend regelmäßig zu beschreiben. Ein wenig davon findet sich über die vergangenen 18 Monate verteilt in der Welt, ein wenig in Vanity Fair, ein wenig im Handelsblatt sowie in diversen Kundenmagazinen, etwa dem des Business Club Hamburg; und dass und warum sich nichts davon in der Wirtschaftswoche findet, ist eine ganz andere Geschichte. Aber ein wirkliches Forum war nicht dabei – also habe ich mir hier ein kleines Eckchen eingerichtet.

Zwar gut versteckt im Bereich Kultur & Unterhaltung, aber der eine oder andere Leser hat doch hierher gefunden. Danke dafür. Allerdings: Bei den Einträgen zu Welt- und anderen Wirtschaftskrisen geht es mir nicht so sehr darum, dass es gelesen wird, sondern darum, es geschrieben zu haben. Da ich davon ausgehe, dass wir in ernste, wenn nicht gar katastrophale Schwierigkeiten kommen, werden sich die nach uns kommenden Generationen fragen, warum wir damals nichts dagegen unternommen haben, warum uns das so passieren konnte, wie es uns passiert ist.

Übrigens geschieht so etwas auch heute schon. Wie der mir sehr sympathische Analyst Edward Hugh neulich schrieb:

“No one could have known what was in store for us”, according to the President of the Spanish Government, José Luis Rodríguez Zapatero, speaking in a Spanish TV interview a few days back. No one? Oh, so no one saw the Spanish crisis coming? Can he really believe that? Is this man really serious, or is he but an idle Jester. Or could it be that, like Homer’s hero before the Cyclops, my name in fact is no-one.

Um danach ein paar seiner Texte aus den vergangenen Jahren und Monaten anzuführen, die natürlich sehr klar sagten, was auf Spanien zukommen würde. Derartiges Management by Polyphem (“Niemand hat uns vorgewarnt”, “Niemand konnte wissen, was passiert”) werden wir auch hierzulande noch häufiger zu hören bekommen. “Niemand wollte wissen, was passiert”, würde ich dann antworten und auf mehrere Dutzend meiner Blog-Einträge verweisen.

Apropos Blog: Als ich diese Übung hier im Juni 2006 begann, war es erst einmal nicht mehr als ein Versuch, mich in diesem neuen Medium einzuüben. Mal schauen, wie sich das so anfühlt, mal schauen, wie die Resonanz ist, mal schauen, ob das Spaß macht, mal schauen, ob sich daraus ein Geschäftsmodell entwickelt. Das Kurz-Fazit nach den ersten 1000 Einträgen: Spaß – meistens. Resonanz – ausbaufähig. Fühlung – immer noch ein bisschen fremd. Geschäftsmodell – gar nicht. Blogs tragen mit dazu bei, das traditionelle Printmedien-Geschäftsmodell zu kippen, ohne ein anderes an dessen Stelle setzen zu können. “Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch”, meinte zwar Hölderlin. Aber auch deutsche Dichter müssen nicht immer recht haben.

Das ist zwar für mich kein Grund, das Bloggen wieder zu lassen – viel mehr als eine halbe Stunde pro Tag frisst es schließlich nicht. Aber wenn hier einmal mehrere Tage am Stück keine Neueinträge auftauchen sollten, wird das wohl daran liegen, dass ich vor lauter Geldverdienen gerade nicht dazu komme – das geht vorbei. Wenn ich hingegen richtig mit der Wortistik aufhören sollte, sage ich rechtzeitig vorher Bescheid, damit sich vielleicht ein Nachfolger findet. Aber Schluss jetzt damit: Wer wird schon vom Ende reden, wenn gerade mal die ersten 1000 Wörter geschafft sind!

14.01.2009

zweinigen

von Detlef Guertler

Von Regine Heidorn beim Twittern gefunden als Übersetzung für “to agree to differ” – wofür es in der Tat bisher keinen deutschen Ausdruck gibt – obwohl doch Deutschland als Mutterland des protagonistischen Konflikts eine lange und glorreiche Tradition der Einigkeit über den Dissens hat.

Die Hintergründe zum Twitterfund fand Regine Heidorn beim Brainblogger, und einen ersten Treffer fürs Zweinigen 1997 bei Vera Birkenbihl (hier auf Seite 5). Womit wir gerne Frau Birkenbihl mit zwölf Jahren Verspätung zur Worterfindung gratulieren.

27.12.2008

faustischsten

von Detlef Guertler

Wollte mich gerade leise darüber aufregen, dass sich der Spreeblick “Deutschland faustischstes Weblog” nennt, was erstens Goethe beleidigt und zweitens ein ziemlich unerlaubter Superlativ ist, habe dann aber feststellen dürfen, dass schon Rudolf Borchardt am 12. Mai 1918 diesen Superlativ verwendet hat, und wenn der Borchardt das darf, dann die vom Spreeblick auch.

07.12.2008

Schwarzgeldriese

von Detlef Guertler

von A.S. Reyntjes:

Schwarzgeldriese – dieses Neuwort gibt es lt. Internet-Suchmaschinen nicht, nicht bei Google, nicht bei yahoo, nicht bei metager..: Bei der letzthinnnigen Uni-Such-Tüftelei (mit ihren Spezialsuchereien) aber kriegt man gleich eine passende Bank eingesendert, die sich angesprochen gefühlt haben muss in ihrem Suchmaschinen-Inventar, wo man sich auch beim Begriff „Schwarzgeld…“ einzuclicken wusste.

Ja, solche Informationen braucht man ja als Kleinschriftsteller, um seine Gelderchen anzulegen:
Hier, bitte für Kollegen:
https://www.1822direkt.com/1822central/cms/giro-all.jsp

Schwarzgeldriese – Es gibt ihn, den gesuchten, nichtexistenten Begriff:

Ein Satiriker schreibt über das Kohl und Kirch und Kohle, dass das „Kirch-Fernsehen“ sich in Berlin eingekauft hätte:

„Am Ende wird Leo Kirch noch gierender Bürgermeister von Berlin. Der leiht sich die nötigen Milliarden beim Kollegen Berlusconi, begleicht die Berliner Schulden, und als Gegenleistung müssen alle Berliner einen Premiere-Decoder kaufen und in einem Solidarpakt zur Rettung Berlins jeden Tag fünf Stunden Kirch-Fernsehen über sich ergehen lassen.
Da laufen dann von morgens bis abends Dokumentarberichte über die unsterblichen Taten des Schwarzgeldriesen Helmut Kohl. Wie Helmut Kohl eigenhändig die Mauer niedergerissen hat, wie Helmut Kohl den russischen Bär erlegt hat, und nicht zuletzt, wie Helmut Kohl den Gregor Gysi zum Frühstück verspeist hat und als Nachtisch gleich noch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble weggeputzt hat.

Wie sagte Heiner Geißler im letzten Herbst: ‘Helmut Kohl habe ein vordemokratisches Politikverständnis.’
Eleganter geht es nicht mehr.“

Wer der Satiriker ist: Volker P i s p er s!

Aber & also: V. Pispers in einem Beitrag vom Juni 2001.
Deshalb ist der “Schwarzgeldriese” ja nicht vergessen.
Man weiß ja noch um ihn, in Presse und Justiz, Politk und Kirche, Kohabitation und Strafvereitlung.

Man will ihn einfach nicht stellen, überführen, ihm im Bundestag die geistige, moralische und materielle Unversehrtheit absprechen usw…

Das gehörige Zitat: Volker Pispers: Gefühlte Wirklichkeiten. Düsseldorf 2006: con anima verlag. S. 166.

Yeah & jau:
Rekordkanzler, Rekordvorsitzender,
Schweinchen Schlau,
Schwarzer Riese oder Bimbesmann
findet man,
wenn man googeln kann.

Und dass er beim Merkelnix-Parteitag in nicht anwesen war – wg. Krankheit, meldete die SZ meldete am 1. Dez. 2008 so:
„Kranker Helmut Kohl nicht auf Parteitag“
http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/256706

Und der aktuelle Zusammenhang sei auch noch volksschullehrermäßig angerissen:
Der Bundesgerichtshof hat den „Millionen-Steuer-Sündern“ Gefängnis versprochen; sozusagen letztinstanzlich. Ja, das BGH-Urteil wirkt wie eine Zumwinkelei. – In jeder Tageszeitung oder Suchmaschine nachlesbar.

*
Wenn die deutsche Justiz mit nur einem mutigen Vertreter dem Altkanzler je alle Schwarzgelder ausgeforscht hätte, wäre er, der Bimbesmann, bei seiner ausgeprägten Unschuld- und Prozesswut, wahrscheinlich heute an der juristischen Falle, wo ihm ein Gefängnistor offen stünde.
Und Politiker und Volk würden schreien: Variatio delectat: Ändert das Gesetz! Pecunia non olet!

P.S.:
Zum geordneten, drohenden Gefängnis-Verfahren muss legaliter noch das BuVerf das Stimmchen erheben, wenn die nächste beleidigte Revision eines „Steuerhelden” und/oder “Stiftungs-Stifters“ nach Karlsruhe gestemmt wird.

Recht muss Recht bleiben; es darf ja nicht zu Gerechtigkeit verkommen.

30.08.2008

Goldtstücke – schaumstoffbunt

von Detlef Guertler

Der im vergangenen Sommer begonnenen und damals fürs Erste auch zu Ende gegangenen Serie mit Neuwörtern aus dem Oeuvre Max Goldts (allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art) möchte ich mindestens noch eine Folge hinzufügen, weil sich unser heutiges Neuwörtchen in einem der schönsten Loblieder auf die Innovationskraft der deutschen Sprache befindet. Das Lied, der Text also, heißt “So machen es die klugen Sprachen”, preist das “neue, ganz besonders schöne Wort” Rohlingsspindel und findet sich in dem Buch “QQ”, Rowohlt Berlin 2007, S. 58 ff. Hier nur ein paar Auszüge daraus:

“Sogar Hoffnung geht aus von der Rohlingsspindel. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Deutsche allzu widerstandslos als eine Art Dorftrottel unter den Sprachen präsentiert, der nicht in der Lage ist, für aktuelle Gegenstände aus seinem angestammten Wortschatz neue Begriffe zu bilden, und sich statt dessen auf eine Weise die ein amerikanischer Kommentator als “vorauseilende Unterwürfigkeit” bezeichnete, mit schlaffer, altersfleckiger Hand aus dem weltweit dampfenden englischen Breitopf bedient. doch eines Tages, unerwartbar, fing die schlaffe Hand zu pumpen an. Sie füllte sich mit Blut, und aus der pumpenden Faust befreite sich mit einer Kraft und einem Stolz, den man sonst nur dem Isländischen oder Finnischen und anderen törichterweise so genannten “kleinen Sprachen” zutraut – die Rohlingsspindel.

Das ist um so erstaunlicher, als sich die Neuschöpfung aus zwei Gliedern zusammensetzt, denen man, für sich genommen, allein keine Zukunft zugetraut hätte. … So machen es die klugen Sprachen: Wenn einem ihrer Wörter die Bedeutung verblasst und schließlich abhanden kommt, dann schmeißen sie es nicht weg, auf dass es in den Lexika mit einem begleitenden Grabeskreuz erscheine, sondern schauen sich um in der stets neuen Welt, um ihrem kranken Sprößling lichterlohen frischen Inhalt zu verordnen, damit er springe und strahle und guter Dinge sei. Die klugen Sprachen wissen: Zwei ehedem Schwache, zum Paar vereint, springen und strahlen am besten.”

Und warum heißt die Überschrift nicht “Rohlingsspindel”, sondern “schaumstoffbunt”? Weil in eben jenem Text eben dieses Wörtchen vorkommt, und zwar in einem wunderbaren Satz, der allen Kritikern deutscher Bandwurmsätze entgegengehalten werden sollte als Beleg dafür, dass die längsten Sätze manchmal die schönsten Sätze sind:

“Gewiss, jaja, man hat es uns erzählt, als wir in unserem kleinen Bette lagen: Aufgrund einer spindelbezogenen Verwünschung wurden einst sämtliche Spindeln eines Königreichs verbrannt, nur, jaja, wir erinnern uns milchig, eine übersah man, weil sie einem verloren harrenden Mütterchen auf einem Dachboden gehörte, und an dieser Spindel ausgerechnet musste sich Dornröschen stechen, wonach es in hundertjährigen Schlaf fiel, und man müsste wohl hundert mal hundert Menschen auf der Straße ein schaumstoffbuntes Sendermikro unter die Nase halten, bis man einen träfe, dem zum Wort Spindel etwas in den Sinn käme, das über ebenjenes Märchen hinausgeht.”

15.08.2008

Aktionator

von Detlef Guertler

Interessante Frage im Bremer Sprachblog: Soll man die vier Herren von der Aktion lebendiges Deutsch nun “Aktionäre” nennen, wie es Anatol Stefanowitsch praktiziert, oder doch eher “Aktionisten”, wie von Leser Ma vorgeschlagen?

Mit gefällt beides nicht: Beim Aktionär sehe ich nicht die Aktion, sondern die Aktie vor mir, und beim Aktionisten eher Baumumarmer, Tierschützer und Hausbesetzer als vier ältere Herren in Sorge um die deutsche Sprache. Ich plädiere deshalb für die Renaissance, ‘tschuldigung, Wiedergeburt eines guten alten deutschen Wortes – des Aktionators. Dem Duden von heute ist er nicht mehr geläufig, aber Meyers Großes Konversationslexikon von 1905 kannte ihn noch:

Aktionator (neulat.), Kläger; Makler; aktionieren, gerichtlich belangen.

Natürlich ist es ein bisschen heikel, wenn man den Vorkämpfern gegen hässliche Anglizismen ein Etikett aufklebt, das in der guten alten Zeit als “neulateinisch” galt – aber die Verbindung mit dem Klagen bzw. dem Lostreten von Prozesslawinen passt doch großartig, oder?