Archive for the ‘Worchäologie’ Category

11.12.2009 von Detlef Guertler
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I-tech

von Detlef Guertler

Wenn Spiegel und Time schon ziemlich gleichzeitig und -lautend mit der Jahrzehntrückschau beginnen, dürfen wir das ja auch, So haben wir beispielsweise gerade eben in der ersten Brand-Eins-Ausgabe des Nuller-Jahrzehnts einen wunderbaren Text über die Herankunft des I-Tech-Zeitalters gefunden. Ein paar Auszüge:

Ins neue Zeitalter des Konsums, heißt es, können wir die uns altvertrauten Begriffe hinüberretten, indem wir ihnen einen Buchstaben voranstellen – das E wie Electronic. … Aber das neue Zeitalter des Konsums hat einen anderen Buchstaben verdient: das große I wie Ich, wie Individuum, denn darin liegt der Kern dessen, was es uns bringen wird – die Emanzipation des Konsumenten.

Noch arbeiten die meisten Konsumgüterhersteller so, wie Henry Ford Autos baute – große Mengen der immer gleichen Produkte herstellen und ab damit in die Läden. Autos allerdings werden schon lange nicht mehr so gebaut. Die Sonderwünsche werden so in den Produktionsprozess integriert, dass tatsächlich individuelle Autosweiter lesen

28.09.2009 von Detlef Guertler
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Aktendulli

von Detlef Guertler

Wenn Sie dieses Wort nicht kennen, sind Sie entweder Analphabet oder Wessi. Ich bin letzteres, und gerade trotz mehrerer Jahre Ost-Erfahrung (und mehrerer Kinder auf ostdeutschen Schulen) das erste Mal über dieses Wort gestolpert. Man könnte es jetzt als Ossi-Wort in die Broiler-und Toni-Ecke abschieben – aber damit würden wir Paul Richard Carl Kohl furchtbar Unrecht tun, der jenes aus dem Büroalltag nicht mehr wegzudenkende Utensil im Jahr 1939 in Chemnitz erfand.

Berechtigter Chemnitzer Lokalstolz führte im Laufe der Jahre zur Ausbreitung des Wortes über das ganze Land. Von der Oder bis zum Brocken, vom Kreidefelsen bis zum Erzgebirge sprach und schrieb man vom Aktendulli, auch kurz: Dulli. Wäre Deutschland damals nicht geteilt worden, hätte die Ausbreitung sicherlich auch das ganze größere Land umfasst. Und heute würde man auch an Rhein und Ruhr, auf Sylt und auf der Zugspitze vom Aktendulli reden und ihm Kränze zum 70. Geburtstag… weiter lesen

17.06.2009 von Detlef Guertler
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Sozialfestung

von Detlef Guertler

Aus kalendarischem Anlass heute in einem schmalen Bändchen der “Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland” geblättert, das ich beim letzten Bücher-Flohmarkt in Marbella für 50 Cent erstanden habe. Titel: Der 17. Juni 1953. Erscheinungsjahr: 1957. Autor: Arnulf Baring, damals 25 Jahre jung. Eine Passage daraus weckte mein wortistisches Interesse:

Das einzige Großwerk des Industriezweigs (Schwerindustrie, D.G.), das nicht streikte, war das Eisenhüttenkombinat Ost in Stalinstadt bei Frankfurt an der Oder. … Stalinstadt, “die erste sozialistische Stadt Deutschlands”, ist ein erster Versuch auf deutschem Boden, die planmäßige Umgestaltung der Gesellschaft an einem Probefall in Angriff zu nehmen. Stalinstadt ist dazu ausersehen, eine “Sozialfestung” (Stammer) zu werden, von der aus systematisch in die alte Gesellschaftsstruktur eingebrochen werden kann.

Die Festung wird hier also nicht als letztes Bollwerk gegen anbrandende Barbarenhorden gesehen, wie es heute üblich ist, wenn von der “Festung Europa” die Rede ist, sondern als befestigter Ausgangspunkt für offensive Attacken gegen… weiter lesen

24.02.2009 von Detlef Guertler
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Unfreund

von Detlef Guertler

Stehe mit Christian Ankowitsch vor der Wand, an der alle Seiten des gerade in Produktion befindlichen GDI-Impuls-Heftes (Erscheinungstermin 18. März, Titelthema Mobilität, mehr wird noch nicht verraten) hängen. “Wie kommt der X denn da rein?”, fragt Ankowitsch und zeigt auf einen Autoren-Namen. “Langjähriger Freund des Hauses”, antworte ich, “ganz im Gegensatz zum Y.” – “Der Y ist Feind?” – “Das nun nicht gerade. Sagen wir eher: Unfreund.”

Normalerweise sagen wir das nicht. Sprache ist vielfältig in den Extremen, bei heiss und kalt, gut und böse, Freund und Feind – aber nachlässig bei den Mittelwerten. Zwischen heiss und kalt gibt es immerhin lau, warm und kühl, zwischen gut und böse wird`s schon schwieriger und zwischen Freund und Feind gibt`s allenfalls neutral, aber oft nicht mal das, denn wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Aber, immerhin, in der Oeconomischen Enzyklopädie von Johann Georg Krünitz von anno irgendwann taucht der weiter lesen

22.01.2009 von Detlef Guertler
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Milwortista

von Detlef Guertler

Mileurista ist spanisch, und der Begriff für Erwerbstätige, die nicht mehr als 1000 Euro im Monat verdienen (wie in diesem Blog auch bereits beschrieben und eingedeutscht). Milwortista ist ein daran angelehnter Hispanizismus (sagt man das so?) für Blogger, die nicht mehr als 1000 neue Wörter gefunden haben.

Womit dieses Wort eigentlich im Moment des Aufschreibens zum Unwort wird, da es sich um das tausendste in diesem Blog handelt. Weshalb es in diesem Fall auch kein Drama wäre, wenn sich das Wort nicht über diesen Eintrag hinaus verbreiten sollte.

Zur Feier des Anlasses erlaube ich mir etwas von dem, was sonst in diesem Blog nichts zu suchen hat (sollten Sie es doch an der einen oder anderen Stelle gefunden haben, dürfen Sie es gerne behalten): Selbstbespiegelung, Ichbezogenheit, Behelligung der Menschheit mit Persönlichkeitsfixierung: Warum mache ich das überhaupt und wie geht es mir dabei?

Aber zuerst ein wenig Statistik:

1000… weiter lesen

14.01.2009 von Detlef Guertler
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zweinigen

von Detlef Guertler

Von Regine Heidorn beim Twittern gefunden als Übersetzung für “to agree to differ” – wofür es in der Tat bisher keinen deutschen Ausdruck gibt – obwohl doch Deutschland als Mutterland des protagonistischen Konflikts eine lange und glorreiche Tradition der Einigkeit über den Dissens hat.

Die Hintergründe zum Twitterfund fand Regine Heidorn beim Brainblogger, und einen ersten Treffer fürs Zweinigen 1997 bei Vera Birkenbihl (hier auf Seite 5). Womit wir gerne Frau Birkenbihl mit zwölf Jahren Verspätung zur Worterfindung gratulieren.

27.12.2008 von Detlef Guertler
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faustischsten

von Detlef Guertler

Wollte mich gerade leise darüber aufregen, dass sich der Spreeblick “Deutschland faustischstes Weblog” nennt, was erstens Goethe beleidigt und zweitens ein ziemlich unerlaubter Superlativ ist, habe dann aber feststellen dürfen, dass schon Rudolf Borchardt am 12. Mai 1918 diesen Superlativ verwendet hat, und wenn der Borchardt das darf, dann die vom Spreeblick auch.

07.12.2008 von Detlef Guertler
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Schwarzgeldriese

von Detlef Guertler

von A.S. Reyntjes:

Schwarzgeldriese – dieses Neuwort gibt es lt. Internet-Suchmaschinen nicht, nicht bei Google, nicht bei yahoo, nicht bei metager..: Bei der letzthinnnigen Uni-Such-Tüftelei (mit ihren Spezialsuchereien) aber kriegt man gleich eine passende Bank eingesendert, die sich angesprochen gefühlt haben muss in ihrem Suchmaschinen-Inventar, wo man sich auch beim Begriff „Schwarzgeld…“ einzuclicken wusste.

Ja, solche Informationen braucht man ja als Kleinschriftsteller, um seine Gelderchen anzulegen:
Hier, bitte für Kollegen:
https://www.1822direkt.com/1822central/cms/giro-all.jsp

Schwarzgeldriese – Es gibt ihn, den gesuchten, nichtexistenten Begriff:

Ein Satiriker schreibt über das Kohl und Kirch und Kohle, dass das „Kirch-Fernsehen“ sich in Berlin eingekauft hätte:

„Am Ende wird Leo Kirch noch gierender Bürgermeister von Berlin. Der leiht sich die nötigen Milliarden beim Kollegen Berlusconi, begleicht die Berliner Schulden, und als Gegenleistung müssen alle Berliner einen Premiere-Decoder kaufen und in einem Solidarpakt zur Rettung Berlins jeden Tag fünf Stunden Kirch-Fernsehen über sich ergehen lassen.weiter lesen

30.08.2008 von Detlef Guertler
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Goldtstücke – schaumstoffbunt

von Detlef Guertler

Der im vergangenen Sommer begonnenen und damals fürs Erste auch zu Ende gegangenen Serie mit Neuwörtern aus dem Oeuvre Max Goldts (allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art) möchte ich mindestens noch eine Folge hinzufügen, weil sich unser heutiges Neuwörtchen in einem der schönsten Loblieder auf die Innovationskraft der deutschen Sprache befindet. Das Lied, der Text also, heißt “So machen es die klugen Sprachen”, preist das “neue, ganz besonders schöne Wort” Rohlingsspindel und findet sich in dem Buch “QQ”, Rowohlt Berlin 2007, S. 58 ff. Hier nur ein paar Auszüge daraus:

“Sogar Hoffnung geht aus von der Rohlingsspindel. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Deutsche allzu widerstandslos als eine Art Dorftrottel unter den Sprachen präsentiert, der nicht in der Lage ist, für aktuelle Gegenstände aus seinem angestammten Wortschatz neue Begriffe zu bilden, und sich statt dessen auf eine Weise die einweiter lesen

15.08.2008 von Detlef Guertler
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Aktionator

von Detlef Guertler

Interessante Frage im Bremer Sprachblog: Soll man die vier Herren von der Aktion lebendiges Deutsch nun “Aktionäre” nennen, wie es Anatol Stefanowitsch praktiziert, oder doch eher “Aktionisten”, wie von Leser Ma vorgeschlagen?

Mit gefällt beides nicht: Beim Aktionär sehe ich nicht die Aktion, sondern die Aktie vor mir, und beim Aktionisten eher Baumumarmer, Tierschützer und Hausbesetzer als vier ältere Herren in Sorge um die deutsche Sprache. Ich plädiere deshalb für die Renaissance, ‘tschuldigung, Wiedergeburt eines guten alten deutschen Wortes – des Aktionators. Dem Duden von heute ist er nicht mehr geläufig, aber Meyers Großes Konversationslexikon von 1905 kannte ihn noch:

Aktionator (neulat.), Kläger; Makler; aktionieren, gerichtlich belangen.

Natürlich ist es ein bisschen heikel, wenn man den Vorkämpfern gegen hässliche Anglizismen ein Etikett aufklebt, das in der guten alten Zeit als “neulateinisch” galt – aber die Verbindung mit dem Klagen bzw. dem Lostreten von Prozesslawinen passt doch großartig, oder?