Archive for the ‘Worchäologie’ Category

24.05.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

antiquirieren

von Detlef Guertler

Versteht man doch gleich, oder? Antiquirieren bedeutet, etwas fürs Antiquariat bereit zu machen, also eine eben noch aktuelle Idee, ein Buch, eine Ideologie in die Legion der historischen, der überholten Ideen einzureihen. Klar. Nur verwenden tut es keiner.

Außer Max Stirner (1806 – 1856), einer der großen anarchistischen Philosophen, der, wenn ich der Darstellung Prof. Arno Waschkuhns in “Politische Utopien” (Oldenbourg Verlag, 2003) folge, dieses Verb genau so behandelte:

“Alle überpersonalen Allgemeinheitsbegriffe implizieren normative Voraben und bekommen früher oder später einen Zwangscharakter. Sie sind deshalb für Stirner als ärgerliche Tatsachen konsequent zu “antiquirieren”.”

Waschkuhn schreibt offenbar wesentlich langweiliger und sprachunschöpferischer als Stirner. Was nicht unbedingt gegen den Professor, aber auf jeden Fall für den Anarchisten spricht. Deshalb würde es sich möglicherweise lohnen, Stirners Werk aus wortistischer Sicht zu ent-antiquirieren.

09.05.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

angrobsen

von Detlef Guertler

Wer viel im Zug und im Stress ist, sollte zwischendurch mal etwas lesen, was überhaupt nichts mit seinen aktuellen Projekten zu tun hat. In dem Sinne hielt ich es für völlig unverfänglich, Mark Twains “Ein Bummel durch Europa” zu lesen. Aber was finde ich da in seiner Beschreibung von Baden-Baden: “Auch in den Bädern gibt man sich mit viel Geduld alle Mühe, die Gäste anzugrobsen.” Das muss wohl vor hundert Jahren ein durchaus gebräuchliches Verb gewesen sein, sonst wäre der Twain-Übersetzer kaum darauf verfallen, aber inzwischen ist es so gut wie ausgerottet.

Was schade ist. Denn sowohl in Bädern als auch in Geschäften als auch auf Ämtern als auch in Blogs wird man noch immer angegrobst. Nur dass die wenigsten Angrobser heute dabei die Geduld aufbringen, die Twain beobachtete. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses Verb wieder in den aktiven Wortschatz hinüberwechseln könnte. Schließlich wird jeder Angesprochene sofort verstehen,… weiter lesen

28.01.2008 von Detlef Guertler
blogavatar

Finanzalchemie

von Detlef Guertler

Einen wunderbaren Kommentar im Roubini-Blog gefunden, in dem Octavia Richetta das Wirken der Kredit-Hochstapler der vergangenen Jahre mit dem Wirken der mittelalterlichen Alchemisten vergleicht. Der Kernsatz: “Just as in middle age alchemy (in which the gold was never there), in Financial Alchemy the value was never there.”

Und dann auch noch jemand gefunden, der schon vor mehr als 150 Jahren von Finanzalchimie (der Duden lässt sowohl Alchemie als auch Alchimie zu) gesprochen hat. Zitat:

“Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Humbug in der Welt als das sogenannte Finanzwesen. Die einfachsten Operationen, die Budget und Staatsschuld betreffen, werden von den Jüngern dieser “Geheimwissenschaft” mit den abstrusesten Ausdrücken bezeichnet; hinter dieser Terminologie verstecken sich die trivialen Manöver der Schaffung verschiedener Bezeichnungen von Wertpapieren – die Umwechslung alter Papiere gegen neue, die Herabsetzung des Zinses und die Erhöhung des nominellen Kapitals, die Erhöhung des Zinses und die Herabsetzung des Kapitals,… weiter lesen

11.09.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – Kampfqualle

von Detlef Guertler

“Keine Minute dauerte es, bis ich wusste, dass ich mit diesen Bildern nicht allein sein konnte, und rief Freund Stephan an. Er solle sofort BBC oder CNN oder so was anmachen, keine Zeit für Erklärungen, mach das Ding an, und dann siehst du’s ja.

Zwei Stunden glotzte ich auf den Bildschirm. Ich war unglaublich durstig, sah mich aber außer Stande, in die Küche zu gehen, um mir etwas zu Trinken zu holen. Immerhin war ich in der Lage, einen nicht sehr guten Satz in mein Notizbuch zu schreiben: „Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle.“ Eine erste Ernüchterung trat ein, als Angela Merkel im Studio erschien. Mein Gott, warum interviewen sie die denn jetzt? Angela Merkel sagte das, was Angela Merkel halt zu sagen pflegt, wenn Terroristen in Hochhäuser hineinfliegen, und dann kam auch noch Edmund Stoiber, und ich glaube, er war es, von dem ich… weiter lesen

24.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – Un-Rock

von Detlef Guertler

“Ich entsinne mich gut einer Reise mit Simone 1984, auf der sie 10 Tage lang ununterbrochen einen türkisenen Cord-Minirock mit Gesäßtaschen trug und dazu einen orangenen Rucksack. Solange wir an irgendwelchen Naturschönheiten, die meinen Blick von dem entsetzlichen Un-Rock abzulenken vermochten, vorbeikamen, ertrug ich es tapfer, aber einmal standen wir drei Stunden an einer Autobahnauffahrt, und ich hatte ständig das türkise Ding mit den darausstakenden X-Beinen vor Augen, sodaß ich Simone alleine stehen ließ und brüllend davonlief.”

Quelle: Max Goldt: Slipeinlagen, Sarah Bernhardt, Mongolismus, in: Ich und mein Staubsauger, Juli 1987

Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.

19.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – gruppenzwanghaft

von Detlef Guertler

“Nicht selten hört man, dass der Humor eine lebensverlängernde Wirkung habe, sogar mehr noch als Sex und langjährige Partnerschaft. Dann hört man wieder, es sei das Lachen, welches den medizinisch günstigen Effekt ausübe. Ja, was denn nun genau? Leben etwa auch die Frauen, die bei Betriebsausflügen alle fünf Minuten gruppenzwanghaft aufkreischen, länger als Leute, die das nicht tun? Das fände ich ungerecht: Erst nerven, dann auch noch länger leben.”

Quelle: Max Goldt: Wenn man einen weißen Anzug anhat, Rowohlt 2002. Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.

17.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – Argusohren

von Detlef Guertler

“Die Menschen sind nämlich meist nicht in der Lage, gleichzeitig einem Text und einer Musik zu folgen. Sobald Englisches ertönt, beginnen sie gleich, rhythmisch zu zappeln, und sie lassen sich widerspruchslos den abwegigsten Plunder vorsingen. Kommt ausnahmsweise mal was Deutsches, wird der Musik überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Sofort werden Tonnen von Skepsis aufgeboten – schließlich gilt es hier als provinziell, sich seiner Muttersprache zu bedienen – jede Wendung wird mit Argus-Ohren verfolgt, und nur weltanschaulich völig Koscheres, d.h. Sozialdemokratisches oder aber ganz und gar Dämliches (Funpunk) darf ungescholten passieren.”
Quelle: Max Goldt: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Haffmanns Verlag, 1993, Erstveröffentlichung in Titanic, Dezember 1989. Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.

10.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – widerglänzen

von Detlef Guertler

“Es gilt heutzutage als ein Volksfest, wenn man einer bratwurstessenden Verkäuferin bratwurstessend eine Jeansjacke abkauft. Ein besonders wenig würdevolles Spektakel dieser Art findet alljährlich Anfang September bei mir um die Ecke statt: das Turmstraßenfest. Die Einzelhändler schleppen ihren Kram aus den Läden auf den Bürgersteig, hinzugesellen sich die CDU und Aalverkäufer, und wenn dann bald unter jedem Schritt krachend ein Plastikbecher zersplittert, die von Hertie bezahlte Oldies-Band wummert und die Berberitzenbüsche von proletarischem Harm widerglänzen, dann ist der Straßenfestfrohsinn perfekt.”

Quelle: Max Goldt: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Haffmanns Verlag, 1993, Erstveröffentlichung in Titanic, November 1990. Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.

08.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – Mampfigkeit

von Detlef Guertler

“Viele Menschen haben schon unangenehme Erlebnisse mit Schlemmerfilet gehabt. Ein Schlemmerfilet ist ein aus einer Tiefkühltruhe stammender Aluminiumnapf mit etwas Fisch drin. Auf dem Fisch befindet sich ein nicht sonderlich pikanter, aber solide bürgerliche Mampfigkeit ausstrahlender Matsch von ominöser Zusammensetzung.”

Quelle: Max Goldt: Die Kugeln in unseren Köpfen, Haffmanns Verlag, 1995, Erstveröffentlichung in Titanic, August 1994. Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.

05.08.2007 von Detlef Guertler
blogavatar

Goldtstücke – Seelenbergwerk

von Detlef Guertler

“Drogengebrauch ist ausschließlich akzeptabel bei intelligenten Erwachsenen mit solidem Selbstbewußtsein und soliden Finanzen. Drogen sollten geplant eingenommen werden, nie spontan. Immer allein, nie in Gesellschaft. Wenn man eine Droge nimmt, die man nicht kennt, sollte man vorher einen Freund bitten, zu einem vereinbarten Zeitpunkt anzurufen und zu fragen, ob es einem gut geht. Drogen sollten genutzt werden zu Abstiegen ins Seelenbergwerk und zu Bädern im Ideenfluß. Wer allerdings im nüchternen Zustand nie Ideen hat, der wird im Rausch auch keine haben, bzw.: Er wird sie nicht erkennen und nutzbar einfangen können.”

Quelle: Max Goldt: Bitte keine Blumen. Ich habe keine Vasen, Oktober 1998, Erstveröffentlichung bei jetzt.de
Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.