31.07.2007 von Detlef Guertler
Im Antiquariat um die Ecke über “Redens Arten” gestolpert, ein gut 20 Jahre altes Haffmanns-Buch über “Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch” von genau jenem Dieter E. Zimmer, der auch in der letztwöchigen Zeit noch lesenswert (aber nicht verlinkbar) zur Sprachkultur schrieb.
Mag sein, dass in den kommenden Wochen noch das eine oder andere aus diesem Fund in diese Seite einströmen wird. So wie heute das damals von Zimmer als karrieremachendes “Mode-Slang-Wort” in der DDR beschriebene “tiffig” für “von minderer Qualität”.
Tiffig? Mal schauen, ob das heute noch jemand verwendet. Und was sagt uns Google da: Gerade letzte Woche erst stand das Adjektiv in der Berliner Morgenpost. Nicht etwa, weil die gerade einen auf DDR-Slang von 1986 macht, sondern weil sie einen Satz aus Ulrich Plenzdorfs “Neuen Leiden des jungen W.” zitiert: “Jeans sind die edelsten Hosen der Welt. Dafür verzichte ich doch auf die ganzen synthetischen Lappen… weiter lesen
29.07.2007 von Detlef Guertler
“Wegen der Überschrift dieses Artikels sollte man sich keinen Kopf machen und statt dessen vermuten, daß News-Lady Dagmar Berghoff, wie man auf neudeutsch sagt, gar nicht stinkt, sondern daß sich, wo sie wirkt und werkt, frauliches Düfteln bemerkbar macht. Sie ist reinlich und von heute. Selbst als sie noch menstruierte, ist nie eine Supermarktgurke ansichtig ihrer verdorrt.”
Quelle: Max Goldt: Warum Dagmar Berghoff so stinkt, in: Die Kugeln in den Köpfen, Haffmanns, Erstveröffentlichung in Titanic, März 1993
Allgemeine Erläuterungen zum Wie und Warum der Goldtstücke stehen beim ersten seiner Art.
25.07.2007 von Detlef Guertler
“Sie geht in Richtung einer Tür und öffnet sie nur so weit, daß sie eben durchschlüpfen kann, und schließt sie sofort wieder hinter sich zu. Es soll wohl keiner hineingucken da. Die beiden Unglücksseelen vom Nebentisch haben inzwischen ein anderes Thema bekommen. Sie reden französisch. Ich bekomme nicht viel mit, außer daß ihnen das schwer fällt. “Ihr Französisch ist ja grauenhaft!”, brüllt es aus ihrem Tischlautsprecher.”
Quelle: Max Goldt: Der autoritäre Salon, in: ungeduscht, geduzt und ausgebuht, a-verbal Verlag 1989
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24.07.2007 von Detlef Guertler
“Helmut Kohl ist mir nicht sehr sympathisch. Ich weiß aber nicht, ob er wirklich der skrupellose Machtpolitiker ist, und wenn er es wäre, dann käme das ewige Parodieren und Witzeln einer gefährlichen Verniedlichung gleich. Ventilwitze haben Macht wohl selten destabilisiert. Ich denke, das einzig wirklich Schlimme, was Kohl ausgefressen hat, ist, daß er dieses Land kabarettistisch verseucht hat.”
Quelle: Max Goldt: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Heyne, 1995. Erstveröffentlichung: Titanic, Juli 1990
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22.07.2007 von Detlef Guertler
“Folgt mir jemand auf dem Rückzug in die schönen Kleinigkeiten, ohne freilich den verbreiteten Irrtum zu begehen, der darin besteht, daß aufgehört wird, das miese große Ganze aus mittlerer Entfernung zornig, doch nicht völlig unversöhnlich weiter anzusehen? Es folgen welche, wie ich sehe. Manche sind ja schon vorausgegangen, davon etliche entschieden zu weit. Ich stelle fest: Es folgen viel zu viele, du und du und du und du, ihr bleibt lieber näher dran beim großen Ganzen. Ein paar müssen schon ausharren. Die müssen uns liebe Kleinodbeschmuser, Lebevolk und Nebulierer dann rufen, wenn es soweit ist.”
Quelle: Max Goldt: ungeduscht, geduzt und ausgebuht, a-verbal Verlag, Berlin 1989.
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21.07.2007 von Detlef Guertler
“Gibt es eigentlich jenseits von mir zusätzliche Menschen, die den Begriff »im Internet surfen« als einen lächerlichen Terminus von vor zehn Jahren empfinden? Der fast schon so obsolet klingt wie »Datenautobahn« oder »globales Dorf«? Und was machen eigentlich der »Cyber-Sex« und der »Datenhandschuh«? Ich sag immer »Internet gucken«. Das klingt so schön arglos, so schön passiv. Einmal habe ich auch »im Internet Schnorcheln« gesagt, aber diejenigen, die dabei waren, als ich das sagte, die fanden das nicht gut. Das würde so »gewollt witzig« klingen. Der Ausdruck »Internet gucken« stieß hingegen auf eine wohlwollende Jury-Bewertung. Vermutlich weil er »unfreiwillig komisch« klingt. Die Komik selber, das vermute ich mit Rücksicht auf meine Lebenserfahrung, wird in ihrer Qualität nicht davon beeinflußt, ob sie gewollt oder unfreiwillig ist. Ich erwähne dies, um das Vertrauen in Redewendungen zu erschüttern, wobei ich mir gewiß weder anmaßend noch skurril vorkomme. Sollte ich mich in meinem… weiter lesen
20.07.2007 von Detlef Guertler
“Ich las auch schon an völlig unbewohnten Orten, z. B. open air vor einer Almhütte in Kärnten. Meinen Vortragstisch hatte man hübsch mit frisch gepflückten Steinpilzen dekoriert. Kühe muhten, Kinder spielten Kriegen. (Leider habe ich davon keine Live-Aufnahme! Ich kann mich nicht erinnern, bei einer Lesung je richtig ausgebuht worden zu sein, aber ich wurde ausgemuht!) Während der Lesung bemerkte ich ein prasselndes Geräusch. Ein Mann in der ersten Reihe hatte seinen Penis herausgeholt und, ohne sich von seiner Sitzgelegenheit zu erheben, urinierte er in hohem Bogen. Ich hielt inne und betrachtete das Naturspektakel. Das sei nicht gegen mich, meinte er, die Lesung gefalle ihm gut, aber “am Land” sei “dös” halt so üblich. Auch seine neben ihm sitzende Gattin hielt “das” für normal und lachte fröhlich vor sich hin. Nach der Lesung verzogen sich alle in die Hütte, um wie wild zu koksen und sich gegenseitig unter die Gewänder… weiter lesen
19.07.2007 von Detlef Guertler
“Die Frage ist: Wieviele der in Berlin gemeldeten Ausländer sind Türken mit Schnauzbart? Eine Broschüre des statistischen Landesamtes gibt Auskunft: Von den 257 916 Berliner Ausländern sind 114 814 türkische Staatsangehörige. Davon sind 61 911 männlichen Geschlechts. Davon sind 18017 unter 15, also in nicht bartfähigem Alter. Bleiben ca.42000. Wieviele davon tatsächlich Schnurrbartträger sind, verschweigt die ansonsten geschwätzige Publikation leider, aber meiner Beobachtung nach ist es etwa jeder zweite. Das heißt also: Nicht mal 10% der Ausländer hier sind beschnauzbartete Türken. Genaueres kann ich nicht sagen, denn ich habe keinen Taschenrechner. ”
Quelle: Max Goldt: In der Fremde ganz allein, in: Ich und mein Staubsauger, September 1987
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18.07.2007 von Detlef Guertler
“Groß ist die Sehnsucht der Deutschen nach Wohlfühl-Worten, klein sind Kraft und Wille, sie in der eigenen Sprache zu suchen. Die Angst vor Bedeutung überragt den Respekt vor der Schönheit haushoch.”
Quelle: Max Goldt: Worte wie Heu, in: Titanic, September 1992, Nachdruck in: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Haffmanns, 1993
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Anmerkung des Wortisten: Wie sehr Max Goldt mit dieser kleinen Beobachtung ins Schwarze traf und trifft, zeigt sich nicht zuletzt daran, welches Wort heute vereinzelt als “Wohlfühlwort” bezeichnet wird: Wellness.
17.07.2007 von Detlef Guertler
“Hosen sind oft im Nu dreckig. Jaja, man kann sie in die Waschmaschine stecken, oder, wenn man keine hat, wie das bei mir der Fall ist, sie mit Wipp-Express im Handwaschbecken kalt waschen, aber es ist doch oft auch so, daß man dazu einfach keine Zeit hat. Jedenfalls war ich sechs Wochen nicht ins Waschcenter gekommen, und es war alles strunzschmutzig, besonders die schöne Oldenburger Hose, die sogar hintenrum einigermaßen sitzt, falls ich das beurteilen kann, weil man sich ja immer so verrenken muß, wenn man im Spiegel kontrollieren will, wie seine Hose am Hintern sitzt. Es ist übrigens eines der schönsten Ereignisse im Leben eines humorfähigen Menschen, wenn man beobachten kann, wie jemand anders rückwärts im Spiegel den Sitz seiner Hose begutachtet.”
Quelle: Max Goldt: Ich habe schöne Waden, in: Ich und mein Staubsauger, August 1987
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