05.12.2011 von Detlef Guertler
“Meinten Sie: Sportjournalismus”, fragt Google derzeit noch irritiert, wenn man nach “Postjournalismus” sucht. Aber das wird sich bestimmt bald ändern, wenn erst Michel Reimons gleichnamiges Projekt die Wahrnehmungsschwelle überschreitet (was bei mir über den Umweg via Bildblog und The European geschah).
Reimon hat den Begriff Postjournalismus demjenigen der Postdemokratie nachempfunden, wodurch er als eine Art Zerfallsprodukt oder Degenerationserscheinung erscheint, nämlich:
Eine Berichterstattung, die zwar noch alle äußerlichen Merkmale von Journalismus aufweist, aber eine andere Funktion hat, nämlich bestimmte Zielgruppen zu erreichen und dann zur Werbung zu lenken.
Denn in den letzten drei Jahrzehnten sei gar Schröckliches dem Journalismus widerfahren:
Primäres Ziel von Medien ist nicht (mehr?) die Aufklärung der Bevölkerung, sondern das Erwirtschaften von Profit. Das verändert die Berichterstattung massiv: Die moderne Medienökonomie beruht primär auf Werbung als Einnahmequelle. Das Publikum ist damit nicht mehr die Kundschaft, sondern das Produkt, das verkauft… weiter lesen
30.11.2011 von Detlef Guertler
“Warum gibt es oberflächlich aber unterflächlich nicht?”, fragte vor drei Jahren jemand bei Yahoo Clever. Die damals bestbewertete Antwort:
Überleg mal! Auch die “Unterfläche” = die untere Fläche eines Gegenstandes wird zur “Oberfläche” = oberen Fläche, wenn der Gegenstand nach oben gedreht wird. Es gibt also nur eine Oberfläche rund um den Gegenstand. Das Gegenteil ist die Tiefe des Gegenstandes, das “Innenleben”. Dafür gibt es viele Begriffe, die den Gegensatz zu “oberflächlich” bilden.
Ich habe das auch überlegt – und kann dem nicht folgen. Zumindest nicht im übertragenen Sinn, bei dem es um das Schnelle, Flüchtige, Flachsinnige geht. Da schreit die Oberflächlichkeit geradezu danach, ein Gegenteil zu haben. Weshalb ich mich gerne Gordon Nemitz und Christian Rieder anschliesse, Autoren der von mir chefredigierten Zeitschrift GDI Impuls, die sich im Sommerheft 2011 mit dem “Homo Smartphone” beschäftigt hatten, und dabei unter anderem herausfanden:
So wie… weiter lesen
28.11.2011 von Detlef Guertler
Elite-Bonds würden von Deutschland geplant, meldet die Welt heute. Die noch kreditwürdigen Nordstaaten der Eurozone könnten sich zusammentun, um nicht nur für sich, sondern auch für die kreditunwürdigeren Südstaaten Geld einzusammeln. Das Verfahren würde ziemlich genau den vom Wortisten hier Mitte September vorgeschlagenen Eurobunds entsprechen – mit der einen Abweichung, dass damals Deutschland alleine die Anleihen platzieren sollte, und heute sechs Staaten gemeinsam dafür im Gespräch sind.
Mag sein, dass das die Deutschen etwas entquengeln kann, weil die ja sonst sofort glauben, dass sie wieder mal für alle den Zahlmeister spielen sollen (wobei sie statt Zahlmeister sicherlich eher den Bluthund spielen würden). Vor allem aber ist die Ausdehnung bzw. Beschränkung auf ein paar elitäre Staaten der erste Schritt hin zu einer Teilung der Eurozone in Nord- und Südstaaten – wie sie sowohl vom Wortisten als auch von Edward Hugh mehrfach vorgeschlagen weiter lesen
27.11.2011 von Detlef Guertler
“Neuer #EUD-Präsi Rainer Wieland, MdEP, präsentiert Vorstellungen”, twittert Grünen-MdEP Reinhard Bütikofer. “Es sind auch, wie er sagt “Visiönle” dabei. “Auch per #Twitter arbeiten.”"
Visiönle finde ich wirklich herzallerliebst. Und für gute Vorsätzle wie “auch per Twitter arbeiten” durchaus passend. Allerdings würde ich den Bedeutungskreis gerne erweitern – und alles das, was in Unternehmen “Vision” genannt wird, in Visiönle umbenennen: Da Unternehmen schon per Definition auf Profit ausgerichtet sind, wird auch alles, was sie sich so an Überbau ausdenken, nur ein Mittel sein können, um Profit zu erzielen – meinetwegen besonders nachhaltigen oder langfristigen oder menschenfreundlichen, aber am Ende eben doch Profit. Und etwas, das ich formuliere, um damit Profit zu erzielen, kann gar keine Vision sein, sondern eben allenfalls ein Visiönle.
26.11.2011 von Detlef Guertler
Ganz neu ist der Begriff natürlich nicht. Schon vor vier Jahren etwa wurde in einem Nutzer-Forum des Computerspiel-Entwicklers Paradox Interactive ein Eurogeddon-Spiel diskutiert – als Strategiespiel auf der Basis des Europas im 16. Jahrhundert. Varianten dazu gab es zwei Jahre später unter dem gleichen Namen auf der Basis des Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das ja in der Tat einige der furchtbarsten Ereignisse in der Geschichte des Kontinents versammelte.
Aber jetzt kommen wir gerade aus der Spiele-Welt in die Realität. “Death of a Currency as Eurogeddon approaches” meldet der Daily Telegraph mit vielen Worten, wofür Paul Krugman vor zehn Tagen nur einen Chart und zwei Sätze brauchte:
“ECB bailout or bust. And it’s looking like bust.”
Die Financial Times und der Economist vergleichen den Euro mit der Titanic (mit Deutschland als einzigem Passagier der Ersten… weiter lesen
20.11.2011 von Detlef Guertler
Irgendjemand hat mich hier neulich mal dafür geprügelt, dass ich so viele Bindestrich-Wörter hier neu aufnehme – die könne das Deutsche ja in praktisch unendlicher Menge produzieren. Oder war es deswegen, weil ich so viele Unterarten des Liberalismus verbreite? Immerhin sind schon überliberal, krawallliberal, Liberalfundamentalismus und grünliberal hier besprochen worden.
Und jetzt auch noch ein Bindestrich-Wort mit Liberalismus? Äh, ja. Und zwar schlicht deswegen, weil die Selbstfindung bzw. Neusortierung jener kleinen bis mittleren Häufchen, die sich irgendwelchen Sparten des liberalen Denkens zugehörig finden, noch längst nicht abgeschlossen ist bzw. gerade eben erst angefangen hat. Seit klar ist, dass die Parteiensystem-Gleichung
liberal = FDP
nicht mehr aufgeht, wird nach neuen Konfliktlinien und Schubladen gesucht. Die Schweiz ist dabei doch um einiges weiter als Deutschland, wohl vor allem deshalb, weil es eine solche Gleichung niemals gab – irgendwie ist ja ausser Christoph Blocher dort… weiter lesen
20.11.2011 von Detlef Guertler
“Clemens, denk dran, du musst um 10 bei der Chorprobe sein!” Clemens putzt seine Zähne, als hätte er alle Zeit der Welt. Noch nie in seinem zehneinhalbjährigen Leben hat er sich so viel Zeit dabei gelassen, scheint mir. Als er wieder bei mir in der Küche vorbeikommt, hat er immerhin schon seinen Jacke an – aber noch keinen einzigen Schuh. “Clemens, deine Schuhe!” – “Ja ja.” Greift sich den ersten Schuh, schlüpft hinein und wirft mir ein “Bring’ mich nicht aus meiner Stress-Ruhe-Balance” zu.
“Deine was bitte?” – “Meine Stress-Ruhe-Balance”, sagt Clemens, und greift sich den zweiten Schuh. “Mal hat man Stress, mal hat man Ruhe.” Spricht’s, und schlendert zum Fahrstuhl.
Stress-Ruhe-Balance? Mal abgesehen davon, dass ich mich nicht erinnere, meinen Sohn jemals im Stress erlebt zu haben, scheint mir dieser Begriff eine extrem gelungene Übersetzung der denglischen Work-Life-Balance zu sein. Denn diese leidet erstens darunter, dass sie sich nicht… weiter lesen
14.11.2011 von Detlef Guertler
Na, da werden sich aber die minderwertigkeitskomplexbeladenen Mitglieder des Vereins Deutscher Sprachnörgler (VDS) freuen: Endlich breitet sich mal wieder ein deutsches Wort im Englischen aus und legt damit Zeugnis ab von der wachsenden Bedeutung der deutschen Sprache: der Putsch. So wie heute im Daily Telegraph, wo Ambrose Evans-Pritchard vom “great euro Putsch” schreibt, bei dem gleich zwei vom Volk gewählte Regierungen gestürzt und durch EU-Technokraten ersetzt wurden, nämlich die von Griechenland und die von Italien.
Normalerweise verwenden die Engländer für solche Staatsstreiche eher den aus dem Französischen kommenden “coup” oder auch “Coup d’etat”, aber wenn die Deutschen direkt drinhängen, wird eher “putsch” verwendet, so beim Kapp Putsch von 1920 oder bei Hitlers Beer Hall Putsch von 1923. Die Verwendung des Begriffes “euro Putsch” sagt also eindeutig, dass die Regierungswechsel in Athen und Rom nach Meinung des Autors massgeblich von den Deutschen herbeigeführt wurden.
Sollte… weiter lesen
08.11.2011 von Detlef Guertler
Im Bruch mit der bisher vorherrschenden Investmentbankerlogik kommt es nicht so sehr darauf an, wie schnell wir handeln, als vielmehr, in welche Richtung wir uns bewegen. Wer den “speed kick”, den Geschwindigkeitsrausch braucht, soll ihm in abgegrenzten Reservaten wie Casinos oder Rennstrecken frönen, wo man damit keinen Schaden anrichten kann. In der Realwelt könnten regelmäßige Doping-Kontrollen für Top-Manager und -Trader die Rückkehr zum normalen Tempo befördern.
aus: David Bosshart, Age of Less, Murmann-Verlag 2011
Das wäre doch eigentlich eine hervorragende vertrauensbildende Maßnahme für Banken und Bänker: Listen von verbotenen Substanzen erstellen, die für Finanzmarktakteure in Zukunft verboten sind, und dann die Kontrolleure durch die Handelsräume und Clubs schicken. Denn wie beim Sport sind auch in der Finanzwelt Spitzenergebnisse heute fast nur noch mit leistungssteigernden Substanzen zu erzielen. Es läge also auch im Bänkermilieu im Interesse aller Akteure, Zocker-Doping zu ächten und pharmakologische Exzesse zu verfolgen. Und weil es… weiter lesen
04.11.2011 von Detlef Guertler
“Wenn wir auf kontinuierliches und namhaftes Wachstum im alten Stil hoffen, müssen wir uns Extremszenarien ausdenken und auf ihre Verwirklichung hinarbeiten. Wir müssen uns den Gedanken, dass es so etwas wie Sättigung geben könnte, konsequent abtrainieren und uns Weiter-so-Wege bahnen. Wir müssen, kurz gesagt, die Extreme zu lieben beginnen. … Wenn eine Abteilung, ein Unternehmen, eine Industrie, immer weiter wachsen soll, obwohl alle rational vertretbaren Potenziale bereits ausgereizt sind, steigen viele Menschen aus (oder werden ausgestiegen), die die Spirale nicht noch weiter und weiter drehen wollen. Übrig bleiben die »Extremophilen«, also eben jene Menschen, die die Extreme zu lieben beginnen, weil nur diese ihnen eine Fortführung des Wachstums ermöglichen. Das ist so, als würde man mit dem Auto auf dem täglichen Weg zur Arbeit ein und dieselbe Kurve jeden Tag mit einem Stundenkilometer mehr durchfahren – wenn es gestern bei 120 Stundenkilometern gut gegangen ist, warum sollte es heute bei… weiter lesen