vonzeichen-gewitter 15.12.2018

Zeichen-Gewitter

Filmjournalist Sebastian Milpetz bloggt privat über Medien, Kultur, Alltag und alles, was sonst noch raus muss | Foto: Joe Yates/Unsplash

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Ich hatte eine Epiphanie, mitten in Bonn, im Haus der Geschichte. Dabei sah es zunächst nach einer totalen Erschöpfung aus. Doch dann rettete mich ein New Wave Song. Aber der Reihe nach. Nachdem ich die Dauerausstellung von 45 bis heute im Schweinsgalopp durchschritten hatte,  hatte ich das Gefühl, dass die ganze deutsche Geschichte auf mir lastet. Die ganze deutsche Geschichte vom Dritten Reich, das natürlich auch in dem der Nachkriegsgeschichte gewidmeten Museum präsent ist, als begehbare schwarze Box gleich am Anfang und als Elefant in jedem Raum, bis zur unmittelbaren Gegenwart.

Die Geschichte, die sich im HdG entfaltet, lässt sich durchaus als Erfolgsgeschichte lesen: Westanbindung, mehr Demokratie wagen, 68er, Wiedervereinigung. Doch nach der Jahrtausendwende geht es wieder alarmistisch abwärts. Nach Stationen zu Sozialabbau (Zitat einer Besucherin: „Schröder hat alles kaputt gemacht“) und Terrorismus werden wir mit der sogenannten Flüchtlingskrise in die Gegenwart entlassen. Ich war geplättet, Gänsehautentzündung pur, Schwindel, totales Stendhal-Syndrom.

Angst. Eine deutsche Gefühlslage?

Dann ging ich trotz des historischen Overkills noch in die Sonderausstellung „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“ die noch bis zum 19. Mai 2019 läuft. In vier Angsträumen spürt die Ausstellung dem angeblich deutschesten aller Gefühle nach. Los geht es aber mit einem Startschuss wie aus der Geisterbahn. Spinnen, Horrorclowns und eine Gummihand in einem dunklen Kasten sollen uns demonstrieren, dass Angst ein ganz normales, evolutionsbiologisch durchaus gesundes Gefühl sein kann.

Die erste Station gleicht ebenfalls einem Gruselkabinett – wir landen mitten in der akuten German Angst vor Zuwanderung. Neben den grausamen Facebook-Kommentaren von „Flüchtlingskritikern“ finden wir aber auch Statements von aufnahmebereiten Bürger*innen, die Zuwanderung als Chance sehen. Trotzdem weckt die Installation eine weitere, allerdings höchst begründete Furcht: Die vor einem Rechtsruck. Dass dies die größte tatsächliche Angst der Deutschen ist, zeigt sich am Ende der Sonderausstellung. Die Besucher können dort mittels Scheiben die Prognose

An einer Wand hängen SPIEGEL-Cover, die von 2015 fortfolgend sein könnten, aber aus den frühen 90ern stammen. „Massenflucht in den Westen?“ „Grenzen zu für Asylanten“ und  „Die Zigeuner“ (sic!)  schreien uns als Schlagzeilen aus den frühen 90er entgegen, als die Zuwanderung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Jugoslawienkrieg offenbar ähnliche Überfremdungsängste hervorrief wie die aktuellen Migrationsbewegungen.

Durchaus beruhigend, dass die gleichen Ängste sich schon mal fast haargleich artikuliert haben und unter Schmerzen und mit viel zu vielen Opfern (Solingen, Mölln) überwunden wurden. Doch die Gesellschaft als Ganzes brach nicht zusammen. Der Ton in den digitalen Stammtischen ist genauso menschenverachtend, wie er in ihren analogen Äquivalenten schon immer war, doch die Medien sind sensibilisiert. Titel wie damals könnte der SPIEGEL heute nicht mehr bringen. Diskursiv sind wir definitiv weiter.

Danach geht es weiter in die drei nächsten Räume, gewidmet den Ängsten vor Atomkrieg, Umweltzerstörung  und Überwachung.  Fluchtpunkte sind drei Traumata der 80er-Jahre, die aus der historischen Distanz und mit dem Wissen über den glücklichen Ausgang fast putzig wirken: Angst vor der atomaren Wiederaufrüstung, vor Waldsterben und Volkszählung.

Forever Young

An einer Kopfhörerstation kann man sich Songs der Neuen Deutschen Welle anhören, in denen sich die Angst vor der atomaren Apokalypse artikuliert („Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“)  Dabei auch „Forever Young“ von Alphaville, in einer Version von SWR Lyrix, bei der die Texte ins Deutsche übersetzt werden. Bisher hatte ich den Song für belanglosen Kitsch gehalten, doch jetzt, in diesem Kontext machte alles Sinn. Die bitter-süße Ballade aus den 80ern, die ich nur nebulös als Kind mitbekommen habe haute mich unerwartet um. Angesichts der  Apokalypse bleibt einem nichts anderes übrig als jung zu bleiben – oder man stirbt durch den Atomtot für immer, ob man will oder nicht. Diese verzweifelt-optimistische Flaschenpost aus der Zeit des drohenden, dann doch wieder abgesagten Weltuntergang vermischte sich mit der Erkenntnis, dass wir schon mal einen aus ähnlichen Ängsten wie heute gespeisten Rechtsdrall der Gesellschaft überwunden haben.

Und plötzlich hatte ich keine Angst mehr vor einem Rechtsruck. Wir schaffen das, wir haben es schließlich schon mal geschafft.

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