Haben Sie noch kein Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es mit dem Bio-Adapter?

Das unerschöpfliche Glück für Narzissten.

Der Bio-Adapter ist ein Glücksanzug. Er ermöglicht die „vollständige lösung aller welt-probleme“ und „die befreiung von philosophie durch technik. sein zweck ist es nämlich, die welt zu ersetzen“. Die Liquidation des „preisgegebenen, nervös aktivierten und miserabel ausgerüsteten … schleimklumpen, geschüttelt von Lebensangst und von todesfurcht versteinert“ wird den Menschen zu einer souveränen Einheit machen. Stück für Stück wird der Körper des im Glücksanzug Eingeschlossenen abgebaut und amputiert, bis auch die Zellen des Gehirns elektronisch verdrahtet sind. Der Mensch im Adapter wird ununterbrochen „nach seinen bedürfnissen abgetastet“, um ihm durch die künstliche Stimulation seiner Sinne unendlichen Lustgewinn zu bereiten: „das bewusstsein, dieses kuckucksei der natur, verdrängt also schliesslich die natur selbst“. Als „uterus“ und „glücks-anzug“ spiegelt er die dem Menschen eigenen „lustimpulse (servo-narziss)“ in einer vollkommenen, simulierten Welt vor. Der Bio-Adapter reduziert die unerträgliche Komplexität der Welt auf „den status einer unterhaltsamen … fabel“. Ein kleiner Nachteil besteht allerdings: Wer einmal in den Glücksanzug eingetreten ist, kann ihn nicht mehr verlassen. Der einmal in Adaption befindliche Mensch wäre in der realen Gesellschaft nicht mehr lebensfähig.

Als die Computer noch in den Kinderschuhen steckten, imaginierten Science-Fiction Autoren wie Stanisław Lem, Arthur C. Clarke und Herbert Franke Utopien von vollständig simulierten Welten, in denen künftige oder fremde Lebensformen existierten. In seinem „roman“ – der alles andere als ein Roman ist – die verbesserung von mitteleuropa skizziert der österreichische Künstler und Kybernetiker Oswald Wiener (*1935) im appendix A den eben beschriebenen „bio-adapter“. Inspiriert wurde er durch die Arbeiten des Architekten und Objektkünstlers Walter Pichler (1936-2012), der 1967 mit seinen Konstruktionen TVHelmet/Portable Living Room und Small Room „Aufsehen“ erregte. Der Konsument sei hier von seiner natürlichen Umwelt isoliert und nur noch die Medien vermitteln ihm das Bild der Welt, sein Weltbild.

Hier und da wird Wiener als ein Vordenker heutiger Virtualitätstechniken, insbesondere der Google-Brille, betrachtet. Die Brisanz von Wieners Entwurf liegt jedoch gar nicht auf der technischen Ebene, sondern in der Zuspitzung einiger Grundprinzipien marktgesteuerter Medieninnovationen. Der Glücksanzug ist für Wiener eine Art „Servo-Narziss“ zur wohlgefälligen Selbstbespiegelung. Die mit Widerständen gespickte Welt wird durch eine vollkommen kontrollierte Simulation von Sinnesreizen ersetzt – die Welt nur wie sie gefällt. Wiener vermutete noch freiwillige Adaptionen oder den Staat, der seine Machtmittel zum Besten seiner Bürger nutzen würde, um Menschen in den Glücksanzug zu zwängen.

Was wir heute allerdings als ein dominantes Merkmal der nach Aufmerksamkeit und Quote lechzenden Medienökonomie beobachten können, ist die Bedienung eben dieser letztlich narzisstischen Bedürfnisse: Amazon, Facebook und YouTube bieten uns Produkte, Wissen, Meinungen und Unterhaltung an, die uns dank algorithmischer Vermutungen „gefallen“ werden. Der Like-Button steht im Zentrum einer medial konstruierten Gesellschaftsstruktur.

Im Ergebnis bestätigt sich unsere Sicht der Dinge kontinuierlich, die unbequeme Welt und andere Wahrheiten werden ausgesperrt. Die amerikanische Futuristin Faith Popcorn hat diesen Prozess in ihrem Report von 1991 als cocooning bezeichnet, als ein Einspinnen des Menschen in den sicheren Kokon seiner Gewohnheiten und Überzeugungen:

„To pull a shell of safety around yourself, so you’re not at the mercy of a mean, unpredictable world – those harassments and assaults that run the gamut from rude waiters and noise pollution to crack-crime, recession and AIDS. Cocooning is about insulation and avoidance, peace and protection, coziness and control-a sort of hyper-nesting.“

Nun – wer will es wagen? Wer verlässt den wohligen Bio-Adapter-Kokon unseres geliebten Internet-Smartphone-Universums?

 

Credit to Odysseus

 

Literatur:

Oswald Wiener: die verbesserung von mitteleuropa, roman. Reinbek: Rowohlt 1969

Oswald Wiener: „Wissenschaft und Barbarei gehen sehr gut zusammen“. Interview von Hans-Christian Dany (Winter 2014)

ART SELECTRONIC : Virtual Worlds: Walter Pichler’s Futuristic Visions (04.02.2013)

Faith Popcorn: The Popcorn Report: Faith Popcorn on the Future of Your Company, Your World, Your Life. New York: Doubleday, 1991

Artikel Cocooning (engl. Wikipedia)

 

Bildnachweis:

Walter Pichler: TVHelmet/Portable Living Room & Small Room

 

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