vonoliverkrueger 24.03.2019

Zeitlupe

Notizen zu Gesellschaft, Medien und Religion von Oliver Krüger, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz).

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Die Sphäre der Kultur verfügt über die besondere Eigenart, dass wir nicht von einem allgemeinen Fortschrittsprozess ausgehen können. Kultur verhält sich höchst dynamisch. Überwunden geglaubte Positionen und Ideologien können durchaus wiederbelebt und sogar mehrheitsfähig werden. Die menschliche Geschichte hält eine Vielzahl entsprechender Lehrstücke bereit: Seit der Antike folgten auf Demokratien auch Monarchien und Diktaturen, auf die gesellschaftliche Emanzipation der Juden in Europa folgte ihre millionenfache Ermordung, auf die politische Emanzipation der Frauen in Deutschland vor 100 Jahren folgte deren Entmündigung im Nationalsozialismus.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass der offenbare Tod des männlichen Helden nicht widerspruchslos hingenommen wird. Vor einem halben Jahr hat uns der Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke in dem Interviewband Nie zweimal in denselben Fluss einen Einblick in seine Biographie, sein Denken und Fühlen gewährt (die Gespräche führte Sebastian Hennig). Mit spitzer Feder hat bereits der Soziologe Meinhard Creydt die antidemokratische, politische Vision Höckes analysiert, die sich durch Sympathien zum Faschismus und der Sehnsucht nach einem starken Führertum auszeichnet, die dem „westlich-dekadenten Liberalismus“ entgegentritt (S. 285).

Spätestens aber mit seiner berühmten Erfurter Rede vom 18.11.2015 wurde klar, dass sich Höcke und die AfD auch in einem aufreibenden Kampf mit dem „Gender-Irrsinn“ (S. 108) befinden. Damals forderte Höcke: „Ich sage, wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft. Und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“

In seinem Buch erläutert der Politiker seine These: Die Misere unserer Gegenwart sei, dass es heute nicht mehr genügend „zupackende“ Männer“ gebe, die sich jenseits von Beruf, Familie und Urlaub für ihr Land einsetzen würden (S. 112). Heute seien Männer aufgrund ihres „verkümmerten männlichen Selbstbewusstseins“ identitätsgestört, 80% seien Weicheier und 10% „verkrampfte Machos“, die Opfer einer „großen Verschwulung“ geworden seien. Höcke verweist an dieser Stelle mit Einschränkung auf das gleichnamige Werk des wegen Volksverhetzung verurteilten Autors Akif Pirinçci (S. 113f.).

Aber so wie Höcke den Kyffhäusermythos beschwört, nach dem der schlafende Kaiser Friedrich Barbarossa in seinem Berg erwachen und das Reich zu neuer Größe führen wird (S. 159), so werde auch der deutsche Mann seinen Dämmerschlaf beenden: „Vor allem die Männer werden aufwachen und sich ihrer besonderen Verantwortung für das Ganze bewußt werden. Unsere Frage hängt auch an der Frage männlicher Ehre und Würde.“ (S. 112).

Dass es die Männer sind, die über Familie und Beruf hinaus die Verantwortung für das „größere Ganze“, also vor allem die Politik tragen (118f.), führt Höcke auf natürliche und wesensmäßige Unterschiede von Mann und Frau zurück: „Wehrhaftigkeit, Weisheit und Führung beim Mann – Intuition, Sanftmut und Hingabe bei der Frau.“ (S. 115). Der AfD-Politiker betont zwar ausdrücklich, dass er alle „berechtigten und sinnvollen Fortschritte“ in der Frauenemanzipation befürworte. Allerdings sei die Klage über die Benachteiligung der Frau „zum Großteil frei erfunden“ (S. 116) und wir müssten aufpassen, „ … daß die Politik nicht das innere Wesen der Geschlechter deformiert, indem sie Frauen wie Männer jener eigentümlichen Anmut beraubt, auf der die gegenseitige Anziehung und Achtung gründet.“ (S. 113)

Etwas verklausuliert schließt der Gender-Theoretiker Björn Höcke: „Das durchaus legitime Infragestellen der männlichen Superiorität wird in der idealtypischen Ehe von einer großen Loyalität der Frauen aufgewogen.“ (S. 116) Alles verstanden? Also, wenn Ihr Frauen brav und treu zu Eurem stets überlegenen Manne aufblickt – die Singles mögen sich bitte rasch noch einen besorgen – dann dürft Ihr auch mal ‘ne kritische Frage an den Göttergatten richten …

Diese Maßgabe der maskulinen Führerqualitäten wird in der Besetzung politischer Mandate der AfD in den deutschen Landesparlamenten und im Bundestag auch konsequent umgesetzt: Die Frauenquote in den AfD-Fraktionen schwankt zwischen 0% (in Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Saarland, Schleswig-Holstein) und in der Regel ein bis zwei Frauen pro Fraktion in den übrigen Bundesländern, insgesamt also 164 Männer gegenüber 21 Frauen in den 16 Landtagen sowie im Bundestag 81 Männer gegenüber 10 Frauen (je 11%).

Das Besondere an Höckes Antifeminismus ist die Verbindung mit dem altertümlich anmutenden Konzept der „Wehrhaftigkeit“ und der „Mannhaftigkeit“. Dies rechtfertigt m.E. die Zuordnung zu einem militanten Maskulinismus, einem männlichen Führungsanspruch, der auf einem „wehrhaften“ Männertum und Frauen, die von diesen „authentischen“ Männern beschützt werden müssen, basiert. Oberflächlich spiegelt sich hier Höckes Faszination am deutschen Rittertum wieder, das ihn seit der Kindheit am burgengeschmückten Rhein bewegte – die „Wehrhaftmachung“ des Mannes ist im Mittelalter mit der Aushändigung der Waffen im Kreise der wehrfähigen Männer verbunden. Höcke selbst war schon früh meist „Bandenführer“: „Und so verbrachte ich viele Stunden meiner Kindergartenzeit nicht nur im Kampf, sondern auch auf einem Stuhl in der Ecke des Gruppenraums, der männlichen „Draufgängern“ vorbehalten war.“ (S. 42) Mit dieser Kindheit auf dem Land verbindet er Erinnerungen an seine Spiele als Bogenschütze, Kletterer und Stockfechter (S. 47).

Den Wehrdienst versteht Höcke daher als Chance für die persönliche Entwicklung junger Männer, in „Form einer männlichen Initiation“, was dem natürlichen Archetypus des Kriegers entspreche, der sich damit zum Wohle der Gemeinschaft entfalten könne (S. 52). Auf diese Weise kann laut Höcke der Einzelne zu einem wichtigen Glied in einer langen historischen Kette werden: Jeder trage von Generation zu Generation einen Staffelstab, um am gemeinsamen Werk (des Volkes) weiterzuarbeiten (S. 31).

Seine eigene Wehrdienstzeit betrachtet Höcke allerdings als „vergeudete“ und „sinnlose“ Zeit, da die Bundeswehr keine nationale Perspektive mehr verfolge und von den „Siegermächten“ fremdbestimmt sei. Der „jüngste Bildersturm gegen die Wehrmachtsüberbleibsel“ in den deutschen Kasernen demoralisiere die Soldaten und entfremde sie der „großen nationalen Militärtradition“  (S. 52f.). Er empfiehlt daher: „Wer seinem Land wirklich mit der Waffe dienen will, sollte sich überlegen, ob er nicht auf andere, bessere Zeiten warten möchte.“ (S. 54). Das ist doch mal eine klare Ansage, Herr Höcke!

Parallelen zu dieser maskulinistischen Geschlechterdeutung, also eines militaristischen, „wehrhaften“ Männerbildes bei gleichzeitiger Passivierung der Frau als hingebungsvolle Gattin und schutzwürdiges Opfer, lassen sich unschwer in der nationalsozialistischen Propaganda ausmachen. Die Ursache der damaligen Krise der Geschlechter macht Hitler bereits in seinem politischen Vermächtnis, in Mein Kampf, aus: Es sei die „Verweichlichung“ und „Verweibung“ der Männer, die ohne „eiserne Abhärtung“ zu „Schwächlingen“ und „Stubenhockern“ degenerieren würden (S. 44f., 277, 308). In seiner Ansprache vor der NS-Frauenschaft vom 8. September 1934 führt er dies weiter aus:

„Das Wort von der Frauen-Emanzipation ist nur ein vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort, und der Inhalt ist von demselben Geist geprägt. Die deutsche Frau braucht sich in den wirklich guten Zeiten des deutschen Lebens nie zu emanzipieren. Sie hat genau das besessen, was die Natur ihr zwangsläufig als Gut zur Verwaltung und Bewahrung gegeben hat, genau so, wie der Mann in seiner guten Zeit sich nie zu fürchten brauchte, daß er aus seiner Stellung gegenüber der Frau verdrängt werde.

Gerade von der Frau wurde ihm sein Platz am wenigsten streitig gemacht. Nur wenn er selbst nicht sicher war in der Erkenntnis seiner Aufgabe, begann der ewige Instinkt der Selbst- und Volkserhaltung in der Frau zu revoltieren. Dann begann nach dieser Revolte eine Umstellung, die nicht der Natur gemäß war, und sie dauerte so lange, bis wieder beide Geschlechter zurückkehrten zu dem, was eine ewige weise Vorsehung ihnen zugewiesen hat.

… Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die Welt des Mannes, in sein Hauptgebiet eindringt, sondern wir empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten geschieden bleiben. In die eine gehört die Kraft des Gemütes, die Kraft der Seele! Zur anderen gehört die Kraft des Sehens, die Kraft der Härte, der Entschlüsse und die Einsatzwilligkeit!

… Nicht das, was jüdischer Intellekt behauptet, ist wahr, daß die Achtung bedingt sei durch das Übergreifen der Wirkungsgebiete der Geschlechter, sondern diese Achtung bedingt, daß kein Geschlecht sich bemüht, das zu tun, was dem anderen zukommt. Sie liegt letzten Endes darin, daß jeder Teil weiß, daß der andere aber alles tut, was notwendig ist, um das Gesamte zu erhalten!“

Und Goebbels stellt in diesem Zusammenhang klar: „ … es darf nicht ungesagt bleiben, dass Dinge, die dem Mann gehören, dem Mann auch verbleiben müssen. Und dazu gehört die Politik und die Wehrhaftigkeit eines Volkes.“ Unter diesen Vorzeichen hat die NSDAP selbstverständlich niemals Frauen als Abgeordnete in den Reichstag entsandt.

Die Ähnlichkeit zu Höckes Argumentation und Wortwahl ist mehr als augenfällig. Allerdings haben völkische Propagandisten aus Deutschland keine Exklusivrechte an diesen Motiven männlicher Stärke, die häufig mit der Verteufelung von Homosexualität einhergehen. Sie werden heute von vielen autokratischen Herrschern und rechtspopulistischen Agitatoren wie Donald Trump, Jair Bolsonaro und Vladimir Putin sowie auch den Kämpfern des Islamischen Staates beschworen.

Diese heroischen Antipoden – man könnte hier gar von „Maskupolen“ reden – bedingen sich gegenseitig in ihrer Inszenierung eines starken, schützenden Führertums, das von der ständigen Forderung nach mehr Waffen und Aufrüstung begleitet wird. Im „Kleinen“ sind es aber gerade diese universalen patriarchalischen Strukturen, die Gewalt gegen Frauen und deren gesellschaftliche Akzeptanz begünstigen (schreibt das Bundeskriminalamt in seiner aktuellen Analyse). Starke Frauen sind hier unerwünscht.

Im „größeren Ganzen“ endete der letzte Ruf nach der Wiederherstellung eines germanisch-wehrhaften Heldentums in der millionenfachen Vernichtung allen rassisch „unwerten Lebens“ und einem Weltkrieg mit 60 Millionen toten Frauen, Männern und Kindern. Aber vielleicht sind dies „die besseren Zeiten“, von denen Herr Höcke träumt.

 

 

Bibliographie

Joseph Goebbels: Aus der Rede des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda zur Eröffnung der Ausstellung „Die Frau“ in Berlin am 19. März 1933, zitiert nach Caroline Bendel: Die deutsche Frau und ihre Rolle im Nationalsozialismus (3.10.2007).

Adolf Hitler: Ansprache vor der NS-Frauenschaft (8. September 1934).

Adolf Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe. München 1943.

Björn Höcke: Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Bastian Hennig. Berlin 2018.

 

Bildnachweis:

Olaf Kosinsky: Björn Höcke auf dem Bundesparteitag der Alternative für Deutschland, 4. Juli 2015 in Essen.

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