vonDonata Künßberg 08.03.2018

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Der Fotograf Tim Hackemack veröffentlichte im Sommer 2016 sein Buch „Yesterday’s Kids“, in dem er 77 Punk-Veteran*innen mit Fotos und einem Interview porträtiert. Die 500-seitige gebundene Ausgabe ist bereits in der 2. Auflage im Archiv der Jugendkulturen Verlag erschienen. Es war sehr spannend, einige bekannte Gesichter aus Berlin und andernorts im Buch zu finden.

Aufgewachsen zwischen etlichen Dorf-Nazis und ländlichem Konservatismus in Münster, fand Tim Hackemack nur schwer (s)einen Platz für sich. Das änderte sich aprupt mit dem Album Viva la Muerte der Hamburger Punkband Slime. Über die Musik entdeckte Tim den Punk für sich – und auch die Fähigkeit, darauf zu scheißen, was andere über ihn denken. In dieser subkulturellen Blase fand Tim Hackemack Anfang der 90er Jahre Freund*innen und seine Szene.

Mehr als zwanzig Jahre später ist er sich mit Altpunk Frank Herbst bei einem Treffen auf einem Konzert einig, dass es gar nicht mehr so einfach sei, ein aktiver Teil dieser DIY-Szene zu sein. Schon gar nicht als Vater zweier Kinder, die Hackemack inzwischen hat. Punk spielt sich etwa bei Politaktionen, auf nächtlichen Konzerten oder auf mehrtägigen Festivals ab. Mit zwanzig Jahren sei das alles kein Problem. Aber nicht mehr mit vierzig oder fünfzig Jahren. „Dann braucht man schon wirklich  Idealsimus dazu“, sagt Tim Hackemack bei einem gemeinsamen Fototermin für sein neues Buch in Berlin im März 2018.

Außerdem sei es wirklich beachtlich, was die Punks Ende der 70er bis 80er Jahren durchgemacht und ausgehalten hätten. Der Kampf gegen die Norm beinhaltete dabei nicht nur den Kampf gegen die Eltern und die Gesellschaft mit ihren Instanzen, sondern auch handgreifliche Auseindersetzungen mit Nazis und anderen Subkulturen. Sein Buch „Yesterday’s Kids“ ist eine Hommage an diese Punks und Punketten, die obendrein bis heute ihren damaligen Idealen und der Szene treu bleiben.

Das Cover des ersten Buchs war übrigens auch die Vorlage für das neue Buch von Tim Hackemack: „More than fashion – ein Buch über Punk-Kutten“, das voraussichtlich im September 2018 erscheinen wird. Die Kutten der Punks sind nicht nur individuell, keine gleicht einer anderen, sie sind ferner sehr persönlich. Jede Jacke erzählt eine andere Geschichte. Aufnäher signalisieren dabei neben den Vorlieben auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Splittergruppe innerhalb der Szene oder einer bestimmten Gang.

Jede Kutte ist mit viel Arbeit verbunden. Manche auch mit Trauerarbeit, wenn man die personalisierte Jacke oder die Aufnäher einer geliebten Person erbt. Meine enge Freundin Alisa ist letztes Jahr im Alter von 27 Jahren verstorben; ich trage ihre Jacke und ihre Aufnäher mit Stolz und als Andenken an sie. Ein kleiner, aber sehr persönlicher Teil eines Menschen lebt somit weiter und außerdem: Punks not dead anyway! Nicht nur bei den „Yesterdays kids“, sondern hoffentlich auch bei den Kids of the future!

DÉSIRÉE FISCHBACH, Datenanalyse und Online-Anzeigen bei der taz

Titelbild: Tim Hackemack

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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