vonTorben Becker 12.06.2018

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„Wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren“ – Mit diesem berühmten Zitat fasste Coco Schuhmann den Widerstand und die Leidenschaft zum selbstbestimmten Leben einer ganzen antifaschistischen Generation zusammen. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, in deren Dauerausstellung die gesamte Vielfalt des Widerstandes und des Kampfes gegen die nationalsozialistische Diktatur gespiegelt wird, wird im Ausstellungsbereich 13 den widerständigen Jugendlichen im Nationalsozialismus ein Denkmal gesetzt.

Während knapp 98% der Jugendlichen in die Hitlerjugend, der ab 1933 alleinig anerkannte Jugendorganisation, eingetreten waren, kämpften einige wenige gegen die totale Vereinnahmung aller Lebensbereiche durch das NS-Regime. In vielen Städten formierten sich aus unterschiedlichen Motiven illegal politische Jugendgruppen. Manche waren von Hause aus kommunistisch oder sozialdemokratisch geprägt, andere beriefen sich auf religiöse Zugehörigkeiten oder strebten nach einem Leben abseits und gegen den NS-Konformismus.

Kampf um öffentlichen Raum

Doch jede Form devianten Lebens wurde von der Gestapo verfolgt und mit Kriegsbeginn verschärft bestraft. Mitglieder der Edelweißpiraten in Köln, der Swing-Jugend in Hamburg oder der Leipziger Meuten wurden zu langen Haftstrafen verurteilt oder wie beispielsweise Walter Klingenbeck aus München ermordet. Mit seinen Freunden verbreitete er ausländische Meldungen, die sie über einen kleinen selbstgebauten Rundfunksender empfingen. Sie streuten Flugblätter und er selbst führte einen Kampf um den öffentlichen Raum mit antifaschistischen Symbolen wie dem „Victory“-Zeichen, einem Symbol für den Sieg der Alliierten, das er mit schwarzer Ölfarbe auf Hauswände und Straßenschilder pinselte. Die Wände in der Berliner Gedenkstätte hängen voll mit den Todesanzeigen der Ermordeten, manche von ihnen war nicht älter als 17.

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Ihr Vergehen? Fragen wie diese: „Deutsche Jungen, seid ihr euch überhaupt bewusst, was die H.J. ist und welche Ziele sie verfolgt?“ In seinem Flugblatt „Hitlerjugend“ von 1941 nutzt Helmuth Hübener aus Hamburg die Einblicke seiner eigenen H.J.-Mitgliedschaft und säte kritische antifaschistische Gedanken, die ebenfalls von den Informationen ausländischer Funksender geprägt waren.

Wie viele andere kritisierte er, dass den Mitgliedern der H.J. ihr „freier Wille, das Kostbarste“ was sie besäßen, genommen würde, dagegen sollten sich die Leser*innen seiner Flugblätter wehren. Für den subversiven Aufruf zum selbstständigen Handeln und Denken wurde auch er 1942 von den Nazis öffentlich gehängt.

„Erinnern heißt kämpfen”

Trotz der zahlreichen Repressionen konnten die Mitglieder dieser kämpferischen Verbünde ihren Zusammenhalt während der NS-Zeit behaupten. Sie sangen antifaschistische Lieder, unternahmen Wanderungen oder zelebrierten ihre Devianz durch individuelle Kleidungsstile. Die Swing-Jugend in Hamburg orientierte sich an amerikanischen oder englischen Moden mit weiten Hüten und figurbetonten Anzügen und Kleidern. Liz, John oder Harry wurden zu ihren neuen Wahl- und Spitznamen – die allesamt vernichtende Abgrenzung zum verhassten Regime: ein subversiver Name, eine subversive Identität.

Leider verlor der antifaschistische Widerstand mit der Befreiung vom NS-Regime nicht seine eigene Gültigkeit. Im Gegenteil, er ist nach wie vor unabdingbar. „Erinnern heißt kämpfen”, so lautet eine populäre antifaschistische Parole, denn die Namensliste der seit 1945 durch rechtsradikal motivierte Angriffe Ermordeten ist lang und struktureller Rassismus, Antisemitismus und Chauvinismus schwingen wie Damoklesschwerter über der Gegenwart. Die Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt, dass das notwendige Misstrauen gegen all jene, die zum Gleichschritt auffordern, nicht zum historischen Relikt geschrumpft werden darf.

Von TORBEN BECKER, taz Bewegung

und DESIREE FISCHBACH, taz Digitale Transformation

Terminankündigung:

20. Juni 2018 – Claus Räfle stellt sein Buch „Die Unsichtbaren – Untertauchen, um zu überleben. Eine wahre Geschichte“ in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand vor. Weitere Termine auf taz.de/bewegung

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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https://blogs.taz.de/bewegung/2018/06/12/der-antifa-alarm-und-seine-anfaenge/

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