vonTorben Becker 28.06.2018

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Das Problem sind nicht die Drogen, sondern ist oftmals die kriminalisierende Prohibitionspraxis. Sie drängt bereits Marginalisierte weiter an den existenziellen Abgrund. Solidarität sieht anders aus, das zeigte die Initiative BerLUN mit einer Kundgebung am 26. Juni zu ihrem einjährigen Geburtstag am Kottbusser Tor.

Der Tag zur Feier war nicht zufällig gewählt, denn am selben Tag fand auch der schwerfällig betitelte “Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr” statt, an welchem weltweit Regierungen ihre Konzepte zur Prävention und Interventionen gegen den Missbrauch von Drogen und Suchtsubstanzen in Pressemitteilungen ausbreiten. Doch Missbrauch findet nur dort statt, wo der „richtige“ Gebrauch durch politische Ordnungen reglementiert wird. Der Mensch wird darin allzu oft nur als drogenkonsumierende Randfigur berücksichtigt. Schon die Begriffe erinnern an ihr vermeintlich deviantes Verhalten, das in dieser und vielen anderen Gesellschaften keinen Platz zu haben scheint. „Das grundsätzliche Problem der Drogenpolitik ist, dass man Menschen vorschreibt, wie sie leben sollen, anstatt zu akzeptieren, wie Menschen leben möchten“, fasste Achim Kessler, MdB/DIE LINKE, am Rande der Kundgebung die gegenwärtige Problematik zusammen.

Viele der Konsument*innen haben keinen Zugang zu Gesundheitssystemen und müssen das Gros ihrer Zeit dafür aufwenden, die Gesetze der Prohibition zu umgehen. Nicht nur stigmatisiert sie dieser Umstand als Gesetzesbrecher*innen, sondern fehlt so vielen die Zeit und Kraft sich um sich selbst und andere zu kümmern.

Der Krieg gegen Drogen ist auch immer ein Krieg gegen Menschen

Fürsorge bietet die vor einem Jahr und unter der Schirmherrschaft der Berliner Aids-Hilfe e.V. ins Leben gerufene Initiative BerLUN. Das russische „Lun“ bedeutet soviel wie Menschen, die Drogen konsumieren, „ber-“ betont den lokalen Kontext. Im Zentrum steht die humanistische Idee der Selbstermächtigung der Berliner „Luns“, fasste Sergiu Grimalschi, langjähriger Sozialarbeiter und Referent für Migration bei der Berliner Aids-Hilfe e.V., zusammen. Die ca. 15 Aktivist*innen der Initiative sind zum größten Teil selbst Drogengebraucher*innen, die anderen Konsument*innen zur Seite stehen und gemeinsam mit ihnen ein soziales und niedrigschwelliges Netz spannen. So gibt es auch für diejenigen, die beispielsweise keinen Zugang zum Gesundheitssystem in Deutschland haben, die Möglichkeit, besser mit ihrem Drogenkonsum zu leben.

Zu ihrem einjährigen Geburtstag feierte sich die Initiative gemeinsam mit der Internationalen Kampagne „Support don‘t Punish“, die global für eine akzeptierende Drogenpolitik kämpft, am Kottbusser Tor mit einer Kundgebung. Es war eine Feier für die solidarische Praxis, Drogenkonsument*innen als Marginalisierte Zugänge zu einem sozialen Gemeinschaftsleben zu ermöglichen. Dass Menschen mit solch schweren Schicksalen die Kraft aufbringen, sich gegenseitig zu helfen und sich für ihre Interessen zu engagieren, diese Kraft allein mache die Initiative unterstützenswert, so Achim Kessler.

Die Initiative kann bereits auf die Erfolge des ersten Jahres zurückblicken: Konsument*innen gelingt es, sich zu organisieren und gegenseitig zu unterstützen. Zeitgleich wurden Kooperationen zu anderen Institutionen geschaffen. So können vermehrt diejenigen auch ärztlich behandelt werden, die sonst nur schwer berücksichtigt werden können. Aktivist*innen können sich über die Initiative auch besser weiterbilden und beispielsweise pflegerische Hilfe leisten. Sergiu Grimalschi berichtete von einem jungen Aktivisten, der beispielsweise seit langem in einem verlassenen Auto lebt. Sein Engagement in der Initiative integriert ihn in ein soziales Umfeld, das ihm neue Zugänge biete und vor Selbsttötungsversuchen bewahrt.

„No more drug war“

Das war der fordernde Zwischenruf, der über die kleine Menge der ca. 40 Anwesenden in den pulsierenden Menschenverkehr am Kotti schallte. Der Raum um den Kotti gilt seit Jahrzehnten als Treffpunkt der Szene. Seit dieser Raum jedoch polizeilich als Kriminalitätsbelasteter Ort (KbO) eingestuft wurde, sind insbesondere Konsument*innen, Arme und Geflüchtete mit verdachtsunabhängigen Kontrollen konfrontiert. Umstritten ist dabei, ob die Polizei hier überhaupt als neutraler Ordnungsakteur agieren kann. Wegweisender scheint die Arbeit der Luns zu sein, „denn sie suchen die Menschen auf, die nicht in der Lage sind, den Sprung zu machen, sich selber zu helfen“, sagte Sergiu Grimalschi – Solidarität als Antwort auf Restriktionen.

Zuversichtlich schloss auch ein Aktivist sein Plädoyer: „Die Zukunft wird der solidarischen Unterstützung gehören, nicht der Strafe.“ Es wird nicht der letzte Geburtstag von BerLUN gewesen sein, denn die Luns werden auch weiterhin für sich selbst sprechen und eine gelebte akzeptierende Drogenpolitik der kriminalisierenden Prohibition entgegensetzten.

Von TORBEN BECKER, Redakteur taz bewegung

Foto: Torben Becker

Zum 21. Juli 2018 planen unterschiedliche Initiativen eine Kundgebung am Kottbusser Tor zum Internationalen Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher*innen. Mehr dazu in Kürze auf www.taz.de/bewegung

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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