vonmaximiliankoehler 21.08.2018

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Die Luft steht am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, denn wie an vielen Nachmittagen in diesem Sommer ist es heiß. Es gibt viel Verkehr, immer wieder rattert die U-Bahn an den Hochhäusern in der Skalitzer Straße vorbei. Inmitten dieser Häuser steht eine aus Spanplatten improvisierte Hütte. Innen dampft der Samowar, die zusammengewürfelte Küchenzeile ist aufgeräumt und Sitzbänke sind mit alten Decken ausgelegt. Es würde dort alles an ein typisches Gartenhaus in einem Schrebergarten erinnern, wenn nicht Transparente und Fotos von Demonstrationen lückenlos eine Wand schmücken würden. In der Hütte warten mehrere Menschen. Sie blättern in Ordnern, wedeln sich mit Briefen Luft zu. Es ist zu heiß, um sich zu unterhalten und jedes angefangene Gespräch verstummt bald.

Jeden ersten und dritten Montag im Monat kommen Anwälte in das Häuschen, das in der Nachbarschaft als Gecekondu bekannt ist, um ehrenamtlich Mietrechtsfragen der Anwohner zu beantworten. Es geht um verschimmelte Wände, fehlerhafte Betriebskostenabrechnungen, Verminderung von Wohnraum durch Sanierung – zusammengefasst darum, dass die verschiedenen Hausverwaltungen ihren Verpflichtungen gegenüber den Mietern nicht nachkommen – nicht selten fällt der Name der Deutsche Wohnen AG.

Das Gecekondu steht seit sechs Jahren illegal im öffentlichen Raum und gehört zu der Mietergemeinschaft Kotti & Co. Nachdem ihre Miete erhöht wurde, trafen sich die Mieter vor sieben Jahren im Café Südblock, sammelten zunächst Unterschriften und gründeten letztendlich Kotti & Co.
Irgendwann kommt ein großer, drahtiger Mann mit den Händen in den Hosentaschen herein, begrüßt die Leute flüchtig, bietet Tee aus dem Samowar an und dreht sich eine Zigarette. Er ist allen als “Sandy” bekannt und ist einer der Mitbegründer der Mietergemeinschaft.

“Magisches Momentum” der Solidarität

“Als meine Freundin mich anrief, war ich unter einer Palme in Südindien. Sie sagte: ‘Wir besetzen das Kotti!’ Und ich sagte: ‘Ihr seid bescheuert! Super Idee’. Ich wusste aber in dem Moment, dass mein Leben aus den Fugen gerät.“, sagt er sichtbar stolz. Er hatte damals nach seinem Indienurlaub die Europaletten tatsächlich mit einem Transporter von einem Großhändler geholt und das Protesthäuschen mit anderen Protestierenden aufgebaut. Das Gecekondu hat sich über die Jahre verändert: Die Europaletten wurden verkleidet, es kamen Spanplatten, Türen und Strom von dem benachbarten Kopierladen hinzu. „Wir bleiben so lange bis unsere Probleme gelöst sind”, hieß es in den ersten Wochen ihres Protestes. Sandy empfand die Anfangszeit, als „magisches Momentum”, in der die Nachbarn Solidarität voneinander, miteinander und durcheinander gelernt haben.“

Kotti & Co wurde Stadtgespräch und das Gecekondu vom ehemaligen Bezirksbürgermeister Frank Schulz geduldet. “Er kam jeden Morgen mit einer großen Tüte Brötchen und hat hier mit den Nachbarn gefrühstückt. Dadurch waren wir nicht mehr irgendwelche Besetzer am Kotti, sondern ein Akteur in diesem Spiel”, erklärt Sandy. Das Gecekondu ist vor allem wegen des kollektiven Erfolgs so wichtig.

„Faktisch haben wir hier einen Verdrängungsstopp eingeführt und vor kurzem das größte Gebäude am Platz, das Neue Kreuzberger Zentrum, in die kommunale Hand überführt!” Die Zeit sei aber auch sehr kräfteraubend gewesen, schließlich haben die ProtestlerInnen ein halbes Jahr etwa jeden Tag ein Programm gehabt, Nachtschichten gehalten, den Platz rund um die Uhr besetzt. Die Kerngruppe hat noch zwei Jahre danach rund um die Uhr an neuen Plänen, Vorgehensweisen und der Organisation an sich gearbeitet. Für Sandy selbst ist es bis heute eine tagtägliche Beschäftigung.

Kreuzberger Mischung

Es war aber auch ein “magisches Momentum”, weil die AnwohnerInnen ungeachtet ihrer Herkunft zusammen kamen und für eine gemeinsame Sachen kämpften“, betont Sandy. Etwa 80 Prozent der AnwohnerInnen am Kottbusser Tor haben einen türkischen Migrationshintergrund. Die Gastarbeiter und ihre Familien zogen vor Generationen in den Schatten der Mauer, nach Kreuzberg, Neukölln und Wedding, weil sonst kaum jemand dorthin wollte. Als die Mauer fiel, fielen sie plötzlich in das Zentrum der Stadt. Zusammen haben diese Menschen die Stadtteile aus ganz unterschiedlichen Biografien heraus zu dem gemacht, was sie heute sind.

„Erweitertes Wohnzimmer“: Anwohner und Gäste sitzen zusammen vor dem Gecekondu. Quelle: kottiundco.net

Das Gecekondu ist bis heute ein offener und diverser Ort, in dem Identitäten und Rollenzuweisungen diskutiert werden. Es geht nicht um Multi-Kulti-, Integrations- oder Toleranz-Gerede, sondern um den normalen Umgang zwischen verschiedenen Menschen. Multikulti hat es immer in Kreuzberg gegeben, aber richtige Überschneidungen, wo diverse Milieus tatsächlich zusammenkommen, sieht man selten. “In der Hinsicht sind wir eine kleine Ausnahme, eine ganz kleine zarte Blüte”, meint Sandy.

Die Geschichte des “Magischen Momentums” lässt sich gut erzählen. Sie ist aber auch sechs Jahre her. Das Gecekondu steht zwar noch, ist aber leerer geworden. Neben den Kerngruppentreffen und den Beratungen, wird es häufig für Kindergeburtstage genutzt. Ist der Protest Geschichte?

Kotti & Co hat sich institutionalisiert

Die Antwort hängt mit der entscheidenden Frage zusammen, ob Bürger, die sich zusammentun, den Kampf gegen eine neoliberale Urbanisierung gewinnen können. Der Protest ist nicht Geschichte. Er hat sich verändert. Kotti & Co hat seit seinem Bestehen viele Texte veröffentlicht, sitzt in wohnungspolitischen Fragen mittlerweile am Verhandlungstisch der Stadt und erarbeitet im Auftrag dieser mehrere Studien. 2014 gründeten Kotti & Co-Mitglieder dafür einen eigenen Verein, der gleichzeitig mit etablierten sozialen Trägern zusammen arbeitet und derzeit verschiedene Projekte im Kiez umsetzt. Kotti & Co ist von einer kleinen Mieterinitiative, die drei Häuser im Blick hatte, zu einer Bewegung angewachsen, mit dessen Politik 400.000 Wohnungen beeinflusst werden können – rund ein Viertel des Berliner Bestandes.

Man hat im Gecekondu gelernt zu kämpfen und Gehör zu finden. Und man hat realisiert dass sich der Kampf nicht ausschließlich auf der Straße gewinnen lässt – obwohl er dort angefangen hat. Auf der anderen Seite wird sich der Kampf noch weiter lange fortsetzen, auch weil die Deutsche Wohnen AG nicht gesprächsbereit ist und Fenster verbarrikadiert, wenn Demonstrationen vor ihrem Hauptgebäude in Berlin-Wilmersdorf stattfinden. So enthielt sich die Aktiengesellschaft ebenfalls einer Interviewanfrage für diese Reportage.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, der dritte Akteur in der Debatte um soziales Wohnen, antwortete , dass “es keine Rechtsgrundlage für Enteignung von  Kapitalgesellschaften gibt, sondern lediglich verschiedene Rechtsgrundlagen zur Enteignung einzelner Grundstücke für die Wahrnehmung gesetzlich definierter Staatsaufgaben.“

Die Belegungsbindungen in der Admiralstraße laufen 2023 aus, dann hat die Deutsche Wohnen AG ihre letzten Kredite an die Landesbank Berlin abbezahlt. Nach der darauffolgenden zehnjährigen Anschlussförderung ist sozialer Wohnraum endgültig vorbei. Es ist davon auszugehen, dass alle Wohnungen nacheinander in den freien Markt überlassen werden. Dieses Jahr kommt es zu einer Reform des sozialen Wohnbaus, die, egal wie sie ausfällt, ein Ende der alten Forderungen von Kotti & Co mit sich ziehen wird. Die Frage ist, was dann oder bis dahin mit dem Gecekondu passiert. An einem Sommerabend unter der Woche gegen 22 Uhr ist es abgeschlossen und  es brennt kein Licht, während hingegen in den Wohnungen ringsherum Myriaden von Lichtern leuchten.

Von VALERIA DOBRALSKAYA und MAXIMILIAN KÖHLER

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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https://blogs.taz.de/bewegung/2018/08/21/wohnungspolitischer-widerstand-das-gecekondu/

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