vonmaximiliankoehler 29.08.2018

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Jannis steht vor einer verschlossenen Tür. Hinter ihr liegt eine etwa 25m² große leerstehende Fläche, auf der das Unkraut zwischen den Platten kniehoch wächst. Sie liegt im vierten Stock, sodass man „von dort aus  sicher einen schönen Ausblick hätte”, seufzt Jannis. Er hat vor, diese Art Dachterrasse mit den NachbarInnen umzugestalten und somit zu zeigen, wie wichtig es ist, “gewisse kleine Sachen für sich zu erringen und sich den Raum, den man bewohnt, zu eigen machen”. Den Schlüssel für die Tür hat der Hausmeister. Der kann sie ihm aber nur kurz zeigen und würde ansonsten Ärger von der Hausverwaltung bekommen. Deshalb hatte Jannis mit der entsprechenden Hausverwaltung, die Deutschen Wohnen AG, Schriftverkehr aufgenommen, was ein sehr schleppender Prozess ist und sich schon über Monate zieht. Bis heute ist die Tür abgeschlossen und das Unkraut wächst weiterhin.

Er kommt auf den ständig verdreckten und vermüllten Wohnraum und die psychologischen Auswirkungen der BewohnerInnen zu sprechen und resümiert: “Es geht dir schon beschissen, wenn du zum Teil der Bevölkerung zählst, der mit dem Arsch angesehen wird, und es eigentlich niemanden interessiert, wie es dir geht.”

Die Kottijugend

Jannis ist in Kreuzberg aufgewachsen. Seine Eltern wohnen einen Block weiter, wo das Gecekondu errichtet wurde. Da seine Familie aber nicht von den Mieterhöhungen betroffen war, waren Kotti & Co, die Häuser, die NachbarInnen der Admiralstraße und der Skalitzer Straße Teil einer unbekannten Welt. Erst durch die AG “Kottijugend” lernte er die Nachbarschaft kennen.

Die “Kottijugend” wurde von ein paar Jungendlichen aus dem Kiez ins Leben gerufen. Sie organisierten Lärmdemos, machten Workshops und Filmabende, spielten Fussball und aßen zusammen. Die Idee war, einen niedrigschwelligen Ort für die Nachbarn zu schaffen, wo ein richtiger Dialog entsteht und man sich näher kommt.  Es wird klar, dass Kotti & Co nicht nur ein Ort des Protestes ist, sondern auch Bewusstsein für das Zusammenleben schaffen sollte. Allerdings: Je mehr politische Erfolge Kotti & Co feiern konnte und BesetzerInnen zu politischen AkteurInnen aufstiegen, die mittlerweile am wohnungspolitischen Verhandlungstisch mit der Stadt und den Immobilienkonzernen sitzen, desto mehr verschwand die Anfangseuphorie, die Sandy, eines der Kerngruppenmitglieder, als “magisches Momentum” beschrieb.

Das Gecekondu und Kotti & Co okkupieren schon seit 7 Jahren den öffentlichen Raum. So bemerkenswert das auch ist, für die Anwohner besitzt das Gecekondu nicht mehr ganz den Charme einer Neuheit. Die “Kottijugend” hat sich vor 2 Jahren aufgelöst. Jannis versuchte vor kurzem mit einem Filmabend die Leute wieder ins Gecekondu zu holen und saß nur mit drei anderen Leuten im Protesthäuschen.

Ein Gang durch die Häuser

Am nächsten Tag zeigt Georgios die Häuser der Admiralstraße. Man geht durch Hauseingänge, verwinkelte Treppenhäuser und dunklen Fluren.
Vor acht Jahren ist er aus Athen nach Berlin gekommen. Seit vier Jahren ist er bei Kotti & Co Kerngruppenmitglied und koordiniert die Mietrechtsberatung, in der den häufig verzweifelten AnwohnerInnen zusammen mit ehrenamtlich arbeitenden AnwältInnen geholfen wird. Es werden Schreiben aufgesetzt, die Mieter beraten, die Bauaufsicht angerufen. “Kurz: Es wird Stress gemacht”, sagt Georgios.

Auf einen der vielen Balkone angekommen kann man den Innenhof überblicken. Dort rollen gerade Müllmänner die leeren Müllcontainer zurück. Der Müll stellt ein großes Problem dar, weil er zwar wöchentlich abgeholt wird, aber die Mülltonnen nicht ausreichen und deswegen permanent überfüllt sind, was im Sommer Ratten anzieht. Zudem fallen im Winter häufig die Heizungen aus, da die Leitungen alt sind. Die Fahrstühle funktionieren manchmal wochenlang nicht, sodass die eigentlich barrierefreien Hochhäuser für die vielen RentnerInnen und Gehbehinderte zu einem Gefängnis werden. Aufgrund von Einsparungen verlieren sich Reparatur-Aufträge an Drittfirmen mit teilweise ungeklärten Zuständigkeiten.  Als einmal der Flur geflutet war, kam erst zwei mal das THW und dann, nach acht Stunden, jemand von den zuständigen Dienstleister. Eine Dame hatte drei Monate lang keine funktionierende Toilette, berichtet Georgios.

Mit Georgios in einem Treppenhaus in der Admiralstraße 2. Einige Graffiti in den Gängen, Treppenhäusern und Außenfasaden sind schon mindestens seit seinem Einzug von vor vier Jahren Teil des Wohnraums.

Abwertungsstrategien

Die Liste der Beschwerden ist lang, und wenn Georgios davon erzählt, schwingt immer eine Verbitterung mit, die sich aus der nicht enden wollenden Sisyphusarbeit ergibt, dagegen anzukämpfen. Er ist sich sicher, dass das alles Teil der Abwertungsstrategie der Deutschen Wohnen AG ist, dass sie den vermieteten Wohnraum verkommen lassen, um die MieterInnen zum Auszug zu bewegen. Sobald die Mietenden durch Auszug die Sozialbindung auflösen, kann die Wohnung luxussaniert und zu einem höheren Preis neu vermietet werden.
Zur Zeit zahlen die MieterInnen monatlich 6 Euro nettokalt und 4 Euro Betriebskosten pro Quadratmeter – bereits zu viel für die meisten Bewohner, die von Transferleistungen abhängig sind. Um die Miete aufzubringen müssen Familienmitglieder aushelfen oder zusammenziehen. Der Berliner Durchschnitt für Betriebskosten pro Quadratmeter liegt bei etwa 2 Euro.

Widerstand der Anwohner
Längst nicht alle gehen zur Mietrechtsberatung in das Gecekondu. Zwar kennt es jeder im Kiez und jeder weiß ungefähr was die Leute dort machen. Häufig ist aber die Frustration zu groß und die kafkaeske Bürokratie undurchdringbar, sodass die MieterInnen resignieren, obwohl ihnen ein staatlicher Mietzuschuss zustehen würde. Auch hat der Protest von Kotti & Co an Dringlichkeit verloren, da es in vielen Fällen keine hohe Nachzahlung oder Mieterhöhung mehr gibt, was in den Jahren davor die Regel war.

„Dann müssen wir klarmachen: Ja, aber nur bis 2025 und dann müssen wir alle raus, wenn wir nichts Großes schaffen!“, weist Georgios energisch auf die auslaufenen Bindungsverträge des Sozialen Wohnungsbaus hin. Das ist nämlich der eigentliche Kampf: die Nachbarn zu mobilisieren, für ihre Rechte aufzustehen anstatt die teilweise prekäre Wohnsituation als gegeben hinzunehmen. Und vor allem: selber aufzustehen. Denn es gibt nicht wenige, die die Verantwortung an Kotti & Co abgeben. Intern diskutiert man deshalb, wie man die Nachbarschaft wieder erreicht und mobilisiert. Wegzuziehen, das steht für die meisten fest, ist wegen des sozialen und familiären Netzwerks keine Option. “Solange du am Kotti bist, wissen deine Eltern, was du machst”, erklärt Georgios.

Wie weit die Beschäftigung mit der eigenen Wohnsituation seine Spuren bei denen hinterlassen hat, die sich dazu berufen fühlten, zeigt die Tatsache, dass Georgios derzeit an der Alice-Salomon-Hochschule Soziale Arbeit studiert und Jannis an der TU Berlin seine Bachelorarbeit in Stadtentwicklung schreibt. Der Widerstand ist somit nicht nur ausschließlich aus Verdruß über zum Beispiel eine abgesperrte Dachterasse erwachsen, sondern hat auch eine gewisse Bemächtigung mit sich gebracht, ein Verständnis für den Ort, den man bewohnt, und seinen Menschen zu bekommen.

Von VALERIA DOBRALSKAYA und MAXIMILIAN KÖHLER

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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