vonaktionfsa 13.11.2019

Bewegungs-Blog

Informieren! Aktivieren! Bewegen! – Hier bloggen die Mitglieder der taz Bewegung über ihr Engagement.

Mehr über diesen Blog

Der Ex-Oberbürgermeister von München, Christian Ude, berichtet in einem sehr lesenwerten Interview mit der Computer Zeitschrift „Linux Magazin“ über die versuchte Einflussnahme von Microsoft gegen die Migration der Stadtverwaltung von Windows zu einem quellofenen Betriebssystem.

Die Entscheidung für den Wechsel resultierte aus der erpresserischen Haltung von Microsoft bei ihren Versionswechseln. Nach der Devise „Friss oder stirb!“  wurde die Stadt als Kunde mit einer fünfstelligen Zahl von Geräten einfach vor die Alternative gesetzt zu einer neuen Betriebssystemversion von Windows wechseln zu müssen und dafür u.U. neuere Geräte anschaffen zu müssen. Das war für die Stadt eindeutig der Machtmissbrauch eines marktbeherrschenden Konzerns.

Nach der Entscheidung der Stadtverwaltung für einen Wechsel zu Linux, die mit Unterstützung durch viele Gutachten wohlbegründet war, erhielt Bürgermeister Ude einen Besuch von Steve Ballmer, immerhin Vizepräsident von Microsoft. Dieser hatte extra seinen Ski-Urlaub in der Schweiz unterbrochen, um nach München zu kommen.

In dem Gespräch machte Balmer ständig Angebote, dass er für ein Bleiben bei Windows Millionen für die Stadt locker machen würde. Diese Angebote stiegen auf über 10 Millionen Euro. „So wichtig war Microsoft die international als IT-Hochburg wahrgenommene abtrünnige Landeshauptstadt München.“ Im Endergebnis hatte Balmer den potentiellen Deal um 35% verbilligt.

Der Gipfel war jedoch ein Gespräch von Microsoft Chef Bill Gates und Bürgermeister Ude. Als Christian Ude ihm als Begründung für den Wechsel zu Linux sagte: „Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, es geht uns um die Unabhängigkeit. Wir wollen nicht abhängig sein.“ Die Antwort von Bill Gates: „Es ist für mich unbegreiflich, das ist Ideologie.“ Aha,  die regelmäßigen Versionswechsel von Microsoft, die Millionen Menschen zu Neuanschaffungen von Geräten und Software zwingen, stellen also keine Abhängigkeit dar?

Unabhängig von jeder Ideologie lief der Wechsel, sicher nicht ohne Probleme aber erfolgreich, so dass Ende 2013 die Zweite Bürgermeisterin, Christine Strobl, verkünden konnte, dass der so genannte Linux-Basis­client überall erfolgreich eingeführt sei. Trotzdem kam es nach der SPD-CSU Koalition in der Stadtverwaltung 2014 unter Oberbürgermeister Dieter Reiter von der SPD und seinem CSU-Vize Josef Schmid dazu, dass Linux auf den PCs der Verwaltung wieder durch ein Microsoft Windows ersetzt wurde.

Datensicherheit und Unabhängigkeit, die in den alten Gutachten hochgelobt wurden, hatten plötzlich keinen Wert mehr. Da bleibt uns nur noch ein Zitat aus dem eigentlich sehr konservativen „Bayernspiegel“ über den Münchner IT Chef während der Migration zu Linux, Wilhelm Hoegner: „… Leider sind rebellische Geister wie er heute weitgehend aus Politik und Verwaltungen verschwunden, und nachgewachsen ist eine Jugend, die sich gedankenlos im Internet prostituiert, sich ihre Daten rauben lässt und zulässt, dass weltweit operierende Konzerne und ihre Eigentümer Milliardengewinne gerne ohne Besteuerung einstreichen, während für den Großteil der Jugendlichen selbst immer öfter nur prekäre Beschäftigungsverhältnisse zum Mindestlohn übrig bleiben. Und die Landeshauptstadt München ist inzwischen in der Informationstechnologie wieder auf alten Wegen bis 2020 zurück zum Betriebssystem Windows.“

Mehr dazu bei https://blog.fefe.de/?ts=a336ac36
und https://www.linux-magazin.de/ausgaben/2019/10/interview-2/
und unsere Artikel über die damaligen Entscheidungen https://www.aktion-freiheitstattangst.org/cgi-bin/searchart.pl?suche=München&sel=meta
und https://www.aktion-freiheitstattangst.org/de/articles/7073-20191113-balmer-und-gates-in-muenchen.htm

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/bewegung/2019/11/13/einflussnahme-von-hoechster-ebene/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.