vonaktionfsa 25.11.2019

Bewegungs-Blog

Informieren! Aktivieren! Bewegen! – Hier bloggen die Mitglieder der taz Bewegung über ihr Engagement.

Mehr über diesen Blog

Das war der Titel einer 2-tägigen Konferenz des Forum Privatheit in der Kalkscheune in Berlin am letzten Wochenende. Wie auch in den vergangenen Jahren war die Veranstaltung sehr interessant und hat auch uns viel Neues gebracht. Mehrere Aktive von Aktion Freiheit statt Angst waren auch in diesem Jahr dabei und sind nun dabei ihre Erkenntnisse zusammenzutragen.

Neben den Vorträgen gab es auch eine reichhaltige Sammlung wichtiger Broschüren über die Ergebnisse des letzten Jahres. Diese können auch direkt beim Forum Privatheit bestellt werden.

Das waren unsere ersten Erkenntnisse:

Aus dem Vortrag des Vertreters des BMBF

Die Förderung des Forum Privatheits über die Jahre hat sich gelohnt, es wurde gut gearbeitet und die Arbeit ist wichtig. Man möchte einen Dritten Weg bei der Digitalisierung suchen, anders als in den USA und anders als in China.

Kindheit im historischen Wandel

Zum Einstieg gibt einen Ausschnitt aus Humperdincks Oper Hänsel und Gretel mit 14 freundlichen Engeln und aus dem Film Systemsprenger.

Bis ins späte Mittelalter werden Kinder als schuldig und dumm angesehen. Erst unter Rousseau bildet sich die Meinung unschuldigen Kind. Es wird aber weiterhin als Besitz angesehen. Die Frau gehört dem Mann das Kind gehört der Frau.

Heute werden die Räume für die Kinder  digitalisiert und sind damit kontrollierbar.   Fürsorge soll behüten aber nicht lenken – Entwicklung zur eigenständigen Person.

Abschreckendes Beispiel: Ryan, ein fünfjähriger Youtuber, hat bereits 20 Millionen Abonnenten, er, beziehungsweise seine Eltern sind damit die bestbezahlten Youtuber.

Medienethik

Gefährliche moderne Kinderspielzeuge zur Überwachung:

  • Schultasche mit Geo-Tagging,
  • Smart Dolls, wie Puppe Cayla,
  • Teddys mit Kamera, usw.

Spielzeuge sind für Kinder magischer Gegenstände, mit denen sie spielen und reden, denen sie Geheimnisse anvertrauen.  Das Kind möchte seine Geheimnisse bewahren. Wenn es mitbekommt, dass die Geheimnisse keine mehr sind, so empfindet es Scham.  Kinder können bereits im Alter von 6 bis 7 Jahren ihren Wunsch nach Privatsphäre äußern, auch wenn sie den Begriff nicht nutzen und auch nicht kennen.

Sieben bis dreizehnjährige Kinder haben Kenntnis von den Begriffen Privatheit und Überwachung.  Ab 14 Jahren können Kinder die „Überwacher“ nennen, es sind für sie die Anbieter der Apps. Sie wissen nichts über Tracking.

Schüler einer achten Klasse können darüber berichten, dass ihnen Werbung vorgespielt wird, dass ihr Aufenthaltsort verfolgt wird. Weitere Eingriffe in ihre Selbstbestimmung, wie das Speichern von Cookies, ihrer  IP-Adressen und die Verfolgung ihrer Vorlieben und ist ihnen unbekannt. Völlig unbekannt sind ihnen auch ihre eigenen Rechte.

Sie äußern ihre Angst, dass Daten aus ihrer Freizeit in den Schulenkontext geraten., Sie wollen nicht, dass ihre Daten mitgelesen werden. Sie gehen in der Regel davon aus, dass hinter den Programmen Menschen lauschen. Der Begriff des Algorithmus ist ihnen unbekannt. 12 bis 14 Jährige verfügen über wenig Wissen welche Hilfe für sie verfügbar wäre, z.B. durch Lehrer Eltern, …

Als Ergebnis bilden sich bei ihnen Ratlosigkeit und Fatalismus aus.

Rechtliche Einordnung

Die Konvention über Kinderrechte von 1989 legt in Art. 16 das Recht der Kinder auf eine Privatsphäre fest.  Kinderrechte sollen nach Wunsch von Linken, Grünen und Teilen der SPD ins Grundgesetz aufgenommen werden. Solange dies nicht der Fall ist gelten Kinderrechte durch die Ratifizierung der Kinderrechtskonvention durch die BRD als normales Recht.

Was gilt wann?

Vormittags ist Schule, das ist Pflicht. Die rechtliche Grundlage für die Nutzung digitaler Geräte ist also ein Ländergesetz oder eine Verordnung. Deshalb ist für die Nutzung digitaler Geräte und Programme in der Schule keine Einwilligung der Eltern notwendig.

Zu beachten ist auch, dass durch diese rechtliche Grundlage ein Rahmen geschaffen ist, der nicht durch eine Einwilligung des Schülers, des Auszubildenden oder des Studenten erweitert werden kann. Es gibt Erfahrungen, dass dies unzulässigerweise von Jobcentern Ausbildungsberatungen und ähnlichen Institutionen versucht wird.

Nachmittags ist die Nutzung von Geräten und Programmen privat. Die Eltern geben für ihre Kinder die Einwilligung dazu. Zusätzlich haben sie die Kosten zu tragen.  Für die Kinder entsteht das Risiko, dass aus ihren Daten Profile gebildet werden, bei der Nutzung in und durch die Schule entstehen zusätzliche pädagogische Prozessdaten.

Länderchaos: Eine Soial Media Nutzung in der Schule ist in Baden-Württemberg verboten, in Hessen wird es geduldet. In Schleswig-Holstein sind alle Messenger im Rahmen der Schule unzulässig. Nutzerstatistiken zeigen, dass 99% der über vierzehnjährigen WhatsApp nutzen.

Nach den AGB von WhatsApp ist die Nutzung erst ab 16 Jahren erlaubt. Deshalb muss der Gesetzgeber auch verhindern, dass dieses Programm in den Schulen verwendet wird. Darüber hinaus ist bekannt, dass das Programm die Adressen auch von Nicht Benutzern aus dem Adressbuch des Nutzers kopiert. Damit macht sich jeder Benutzer eines Verstoßes gegen die DSHVO schuldig, es sei denn er könnte eine Einwilligung aller seiner Bekannten (aus dem Adressbuch) nachweisen. Als dritte Barriere gegen die Nutzung von WhatsApp kann der Information Act der USA angesehen werden. Dieser erlaubt den USA auf die Daten ausländischer Bürger zu zugreifen, was nach europäischem Datenschutzrecht (DSGVO) verboten ist.

Zur rechtlichen Einordnung ist noch anzumerken, dass die Kinderrechtskonvention ein Völkerrecht ist. Die Kinderrechtskonvention wurde 1989, also vor 30 Jahren, ausgehandelt und von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen mit Ausnahme der USA unterzeichnet. Sie ist damit das „am meisten gültige“ Völkerrecht.  Als Alternative kann die europäischen Menschenrechtscharta angesehen werden. Auch deren Art. 24 ist innerhalb der EU ein einklagbares Grundrecht für den Schutz der Privatsphäre von Kindern.

Anm.

  1. Die Herabsetzung des Wahlalters auf Jugendliche würde ihren Einfluss vergrößern und damit der Kinderrechtskonvention entgegenkommen.
  2. Im Mai nächsten Jahres steht eine Evaluation der Datenschutzgrundverordnung nach Art. 97 an. Diese Chance muss genutzt werden um Änderungen, Verbesserungen einzubringen.

Welche Messenger wären datenschutzkonform?

Empfohlen werden Wire, Hoocer, XMPP, Jabber, Conversations, ChatSecure, Gajim

Das Problem bei der Untersuchung der Messenger war, dass allein eine Datenschutzkonformität nicht ausreichend ist. Zusätzlich muss bedacht werden, dass ein geeignetes Programm auch Behinderungen oder Einschränkungen von Kindern akzeptieren muss, um Ungleichheiten zu vermeiden.

Erfahrungsbericht aus Großbritannien

Das britische Schulen-Managementsystem weiß alles – ein Bericht über den Tagesablauf einer britischen Schülerin.

  • Aus einem Foto über Klippen, welches sie sich im Browser ansieht, wird vom System gefolgert, dass die Schülerin Selbstmordabsichten hat.
  • In der nationalen Schülerdatenbank sind 21 Millionen Schülerinnen und Schüler gespeichert.
  • 80% wissen nicht was alles über Sie gespeichert ist.
  • Seit 2012 dürfen biometrische Aufnahmen nur noch mit Zustimmung der Eltern durchgeführt werden. In der Realität sieht das anders aus.
  • Vor der Abnahme von Fingerabdrücken für ein Bezahlsystem in der Schul-Mensa wurden die Eltern informiert. Eine Mutter protestierte gegen die Abnahme, die Schule willigte in einer Karte mit RFID-Chip als Alternative ein.
  • Bei der Abnahme der Fingerabdrücke wurde auch dieses Kind mit aufgenommen.

Folgerungen

Aus den Studien mit Kindern:

  • Kinder denken ihre Daten wären für Erwachsene uninteressant.
  • Kinder sehen Menschen hinter Firmen.
  • Sie sehen sich nicht als Ziel von Werbung oder Profiling.
  • Schüler wollen lieber dabei sein als ihre Privatsphäre zu schützen.
  • Durch kleine Vorteile lassen Sie sich korrumpieren.
  • Es fällt ihnen schwer die Folgen einzuschätzen, die für sie unsichtbar sind.
  • Sie haben oft Ideen, wie sie sich schützen können aber diese helfen nicht.
  • Wenn sie für Ihre Interessen protestieren, werden sie, auch für sich selbst erstaunlich, wie Erwachsene behandelt (Fridays for Future).

Aus den Ergebnissen:

  • 1/3 aller Nutzer im Internet sind Kinder.
  • Konformitätsdruck: Die Programme erwarten ein Standardverhalten und zwingen damit zu einer Normalisierung des Verhaltens aller.
  • Einschränkung der Realitiät, Filterblase: Programme erzeugen für eine subjektive Konstruktion von Realität. Sie treffen eine Vorauswahl – was soll ich sehen.
  • Wer bestimmt die Ziele? Welche sozialen Beziehungen sind erwünscht ?
  • Anpassung: Dritte, der Algorithmus, entscheidet was andere über mich sehen können und der Algorithmus weiß, was über mich gespeichert wird.
  • Dazu sollte man wissen, dass in Studien herausgefunden wurde, dass Algorithmen allein aus einer Fotosammlung mehr Depressive herausgefunden haben als geschulte Psychologen.
  • Medienkompetenz ist in der Schule leider keine Pflichtveranstaltung.
  • Als Messenger sollte ein Open Source Programm genutzt werden, wie zum Beispiel die auf dem offenen Protokoll von XMPP beruhenden Anwendungen.
  • Durch den Digitalpakt steht im Augenblick Geld zur Verfügung. In Berlin sollen pro Schule ein Server für 10.000€ (Kosten für fünf Jahre) angeschafft werden.
  • Theoretisch sollte an jeder Schule eine Datenschutzverantwortlicher entsprechend der DSGVO benannt worden sein. Wie weit ist man damit?
  • Alle Schüler sollten mit gleichartigen Geräten und Programmen arbeiten. Die Mitnahme von privaten Geräten in die Schule sollte unterbunden werden.
  • Die Nutzung von Apple Geräten diskriminiert alle anderen Schüler und bietet den Besitzern ungerechtfertigter Vorteile.
  • Lehrer sollten Handys oder SmartWatches im Unterricht schon aus eigenem Interesse nicht dulden. Diese Geräte würden Audio- oder sogar Videomitschnitte des Unterrichts ermöglichen und könnten den Lehrern rechtliche Probleme machen auch wenn deren Einsatz illegal wäre.

Anm.

  1. in Schleswig-Holstein wurde an einer Schule eine Videoüberwachung durch in Blumentöpfen versteckte Kameras entdeckt. Die Schüler protestierten lautstark.
  2. Eine Studie hat festgestellt 100.000 der 88% Daten an Google weitergeben. Bei vielen war dies nicht unbedingt die Absicht der Entwickler. Es werden einfach Libarys von Google miteingebunden, die das automatisch tun.
  3. Die KMK fordert Digitalisierung aber wofür, für welchen Zweck eigentlich? Keine befriedigende Antwort aus der Politik ist bekannt.

Erfahrung mit einem Roboter

Die Technik ist völlig unausgereift. Die Stimme quakt und ist undeutlich. Umgekehrt hat der Roboter größte Schwierigkeiten die Sprache eines Kindes zu verstehen. Diese ist ebenfalls undeutlich und eventuell unzusammenhängend und von Dialekten geprägt.

Wie 1938 beim Appenzeller Roboter ist in ihm auch heute im wesentlichen nur eine ferngesteuerte Maschine zu sehen.  Ständig muss ein Mensch das Gerät überwachen, damit keine Fehlfunktionen ausgelöst werden. Besonders im Umgang mit Kindern ist dies unverantwortlich.

Für Kinder ist ein Roboter eine Puppe.  Kinder sind keine Testpersonen, um den Roboter neue Fähigkeiten beizubringen. Kinder sind auch keine Befehlsempfänger durch den Roboter. Das Kindeswohl steht an erster Stelle (siehe Kinderrechtskonvention).

Allein die Programmierung normaler Bewegungen für einen“ humanen“ Roboter ist bereits sehr aufwändig. Aber die Programmierung zum Beispiel der drei Robotergesetzen von Asimov sprengt jedoch jeden Rahmen.

  1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
  2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Eine Beachtung der Robotergesetze würde das Programm ständig von einem Dilemma zum nächsten bringen (z.B. Alternative: Überfahren eines alten Menschen oder eines Kindes?).

Überwachung als Fürsorge – Care Ethics

Die meisten Überwachungsgeräte sind in einer rechtlichen Grauzone oder sogar absolut verboten.

Software,  z.B. FlexySpy: Damit kann das Verhalten in Social Media Zusammenhängen oder am Browser von einem Familienmitglied kontrolliert werden.  Es enthält einen Keylogger, kann Screenshots aufnehmen, schreibt Passwörter mit , …

Man sollte nicht vergessen, dass solche Geräte oder Programme ebenfalls Daten in die Cloud auslagern. Dort oder auch auf ihren normalen Arbeitsspeicher können Fremde durch Hacks zugreifen.

Solche Geräte oder Programme suggerieren Sicherheit, in der Realität ist jedoch bei einem Problemfall kein Eingriff möglich.

Forderungen

  • Privacy is a human right
  • Recht auf offene Zukunft
  • Privacy by Default
  • Privacy by Design
  • Schutzräume für Kinder: Das Ziel von Bildung ist die Entfaltung der Persönlichkeit
  • Die Zweckbestimmung muss festlegen, dass nur Daten, die im Kontext der Zweckbestimmung liegen, genutzt werden dürfen. Beliebige andere Daten dürfen das Gerät nicht verlassen.
  • Nicht für den Zweck notwendige Daten dürfen nicht erhoben werden.
  • Es muss ein Verbot von mathematischen Verfahren für das Zusammenführen von Daten aus verschiedenen Zweckbestimmungen geben.
  • Zur Gestaltung der Einwilligung: diese muss freiwillig, informiert und zweckbestimmt sein, das heißt alle erhobenen Daten müssen bekannt gemacht worden sein.
  • Für die Einwilligung von Kindern unter 16 Jahren durch ihre Eltern ist ein doppeltes Opt In Verfahren anzuwenden. Die Eltern müssen eine Nachricht mit einem Link zu ihrer Zustimmung erhalten.
  • Fürsorge kann auch durch den Verzicht auf Überwachung  realisiert werden!

Nachtrag: Online Beteiligung durch die Besucher

In der Veranstaltung konnten die Teilnehmer über das Tool slido.com  Anmerkung zu den Vorträgen machen und an Umfragen teilnehmen. Angeblich ist das Programm datenschutzfreundlich und die Anmeldenden werden alle als „anonym“ gelistet. Die Kommentare und die Ergebnisse der Umfragen sind dann sofort für alle anderen sichtbar.

Die Einrichtung des Tools über einen Browser gestaltete sich aber schwierig. Ohne Java Skript war ein Zugriff unmöglich. So mussten erst verschiedener Browser ausprobiert werden und verschiedene Berechtigungen verändert werden. Damit vergingen zumindest beim Autor circa 10 Minuten bevor das Programm einsetzbar war.

Die Benutzung des Tools kann als sinnvoll betrachtet werden, da Fragen bereits während der Vorträge formuliert werden konnten. Man vergisst seine Frage nicht und es spart Zeit. Allerdings wird die Handynutzung in Konferenzen damit weiter befördert …

Mehr dazu bei https://www.forum-privatheit.de/jahreskonferenz-2/
und https://www.aktion-freiheitstattangst.org/de/articles/7083-20191122-aufwachsen-in-ueberwachten-umgebungen.htm

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/bewegung/2019/11/25/wie-laesst-sich-datenschutz-in-schule-und-kinderzimmer-umsetzen/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.