vonbranden-buzz 20.09.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Die seltsame Berichterstattung über eine Eigenproduktion des Brandenburger Theaters hatte dann doch noch ein Nachspiel. In Form eines Leserbriefs, der immerhin in voller Länge und mit einem Foto versehen im kostenpflichtigen Teil der „Märkischen Allgemeinen“ abgedruckt wurde. Hierin war unter anderem zu lesen:

„Das Stück selber schien weder langatmig, noch sorgte es bei mir und dem umsitzenden Publikum für das im MAZ-Artikel beschriebene „Schulterzucken“….Für mich ist hier der Bezug zur DDR eher zweitrangig zum Bezug zur aktuellen Politik. Der herablassende Tonfall über die Spielweise der Schauspieler, welche die Tangermünder Bürger verkörperten, ist unangebracht“

Einerseits ist sowas ja eine starke Geste gegenüber der zahlenden Lesergemeinde in Brandenburg an der Havel, andererseits aber auch eine Watsche für den hier lebenden Journalisten, der diesen Humbug verbockt hatte.
Da ich selbst viele Jahre in diesem Metier unterwegs war, weiß ich nicht, ob man sich über derlei Redaktionsentscheidungen freuen kann, indem man sie als „mutig“ oder „selbstkritisch“ klassifiziert. Oft stecken hinter solch’ vermeintlichen Kniefällen vor dem Leser auch subtile Bossing-Aktionen, um Platz zu schaffen für neue Redakteure. Jüngere, unbedarftere und vor allem billigere.

So hat eben jedes Ding mindestens zwei Seiten. Auch die Freiheit von Hunden.

Einerseits ist es sehr schön, seinen Hund an einem der zahlreichen Havelseen frei laufen lassen zu können. Er galoppiert durch die Wiesen, lacht über’s ganze Hundegesicht und dann passiert es: Ein leckeres Stück Aas, eine achtlos ins Gebüsch geworfene Wurst oder ein feines Entenhäufchen verführt zum Schlemmen und danach ist der Hund todkrank. Beim Tierarzt wird man dann mit dem klingenden Namen „Giardien“ konfrontiert und ehe man sich’s versieht, ist man zum Experten in Sachen parasitäre, auf den Menschen übertragbare Darmerkrankungen geworden. Es folgen Kochexzesse, bei denen Hühnchenbrüste püriert und Karotten zu Tode gegart werden. Antibiotika-Gaben und viele freudlose Gassigänge in Wohngebiete, in denen Grundstücksbesitzer auf mehr oder weniger subtile Weise erzieherisch wirken, ergänzen die Tristesse.

Das ist dann die Kehrseite eines unbeschwerten, spätsommerlichen Ausflugs zum Beetzsee.

Erziehungsmaßnahme für Gassigeher

 

Deshalb habe ich mich entschlossen, die wunderbaren Wasserplätze Brandenburgs erst mal mental zu erleben. Oder weniger prosaisch ausgedrückt: Ich lese verstärkt Geschichten rund um die Havel. Natürlich müssen es aktuelle Krimis sein, denn diese regionalen Texte haben den Vorteil, dass man nicht gelangweilt wird, den Urheber dieser Texte auch mal bei einer Promotion-Tour zu Gesicht bekommt, und ihn oder sie mit Fragen zum Werk und überhaupt zu löchern. So gewinnt man dann weitere Erkenntnisse über Menschen, die hierzulande das Sagen oder Schreiben haben.

Wobei ich automatisch bei der Regierungsbildung in Potsdam bin. Ich wundere mich gar nicht über die Entscheidung der noch regierenden SPD, mit Schwarz und Grün in Koalitionsverhandlungen treten zu wollen und diese dann als „Kenia in spe“ zu deklarieren. Zeugt diese Bezeichnung doch von einer interessanten Verkennung oder bewussten Verkehrung der Gewichtung. Denn die Farbabfolge der kenianischen Nationalflagge ist bekanntlich nicht rot-grün-schwarz, sondern schwarz-rot-grün. Die Brandenburger SPD wird also wissen, wieso sie so gerne von „Kenia“ spricht.

 

An erster Stelle steht sie hierzulande ja wirklich nicht mehr.

 

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