vonbranden-buzz 24.06.2020

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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„All Cops are…“

Taz-LeserInnen wissen, worum es geht. Und inzwischen auch alle anderen. Aber während in diesem Fall die Empörung so groß ist, dass nicht nur die Gesinnungspolizei und die Boulevardpresse, sondern auch seriöse Zeitungen, der Heimatminister und das Kanzleramt keine Gelegenheit mehr auslassen, über die Grenzen der Pressefreiheit zu räsonieren, findet in der Brandenburgischen Provinz ein echtes Abschlachten statt. Und zwar seit langem.

Tatort: Brandenburg an der Havel. Hier sitzt seit gefühlten Ewigkeiten ein selbst ernannter Provinzfürst im Büro der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ (MAZ). Ihm wurde der Titel „Chefredakteur“ verliehen, und seither leitet er den sehr überschaubaren Ableger des Hannoveraner Medienriesen seit gefühlten Ewigkeiten. Seine Ambitionen sind stadtbekannt. Bestätigten Gerüchten zufolge will er Chef des hiesigen Theaters werden.

Die Besteigung der Muse

Auch sein Schreibstil ist legendär. Der eine bemüht die Metapher von der Sau, die öfter mal durchs Dorf gejagt wird, während sich die andere mit einem Achselzucken begnügt. Die DDR hat ihre Menschen geformt. Man erträgt vieles. Noch immer.

Ein besonderes Markenzeichen des Markgrafen ist neben seiner eigenwilligen Auslegung der deutschen Grammatik das in schöner Regelmäßigkeit stattfindende Theater-Bashing, welches sich mangels Fachkenntnis nicht auf Theaterproduktionen sondern auf die Theaterproduzierenden bezieht. Erst kürzlich jagte er wieder das berüchtigte Borstentier durchs schöne Havelstädtchen, als er den unrühmlichen Abgang des greisen Chefdirigenten nutzte, um den Verantwortlichen vor Ort „Ahnungslosigkeit und Dilettantismus“ zu attestieren. Doch damit nicht genug. Auch Interna erblickten dank des investigativen Grafen das Licht der Welt: Der giftstrotzende Brief des scheidenden Dirigenten an die Theaterleitung, in dem sich der als schwierig geltende selbst ernannte Orchesterpatriarch darüber beschwert hatte, dass keiner mit ihm reden will, wurde wörtlich in der Schelte des Markgrafen zitiert. Dabei scheut er sich auch nicht, mal so richtig persönlich zu werden: „Flieger (Anm.: die Geschäftsführerin des Brandenburger Theaters) war, bevor sie von Oberbürgermeister Steffen Scheller auf den Posten gesetzt wurde, Controllerin in der Beteiligungsverwaltung und hatte die Theaterfinanzen im Blick. „Eine Expertin für die Finanzen. Aber auf den Posten hätte ich sie nie gesetzt“, sagt Schellers Vorgängerin Dietlind Tiemann.“

Superdog ist im Einsatz!

Auch über die Hintergründe einer Kündigung spekuliert er, wobei deutlich wird, dass die ins Feld geführten Vorwürfe ausschließlich die Sicht des Betroffenen wiedergeben und wohl kaum in die Rezension eines Konzertabends gehören dürften.

Da soll noch einer sagen, die alte DDR sei tot. Sie lebt und sie blüht! Mitsamt ihren Seilschaften, Mittelsfrauen und –männern! Die viel beschworene Macht der Presse: Hier, in der ländlichen Provinz, ist sie allgegenwärtig und schlägt bei Bedarf alles, was den eigenen Interessen im Weg steht, zu Klump und Asche. Und kein weiteres Medium, kein Heimatminister und erst recht nicht die Kanzlerin nimmt davon Notiz.

Ist das alles langweilig!!!!
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https://blogs.taz.de/branden-buzz/alles-nur-theaterdonner/

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kommentare

  • Der Versuch die Menschen im Osten Deutschlands im Stile der 90er Jahre zu diffamieren und zu Beleidigen hat wenig mit Journalismus zu tun. Die Wortwahl: abschlachten, Tatort, Provinzfürst, DDR – Seilschaften, giftstrotzend, Orchesterpatriarch usw. ist für mich in diesem Zusammenhang erschreckend. Ich habe die teilweise „Abwicklung“ der Kultur nach der Wende erlebt und weiß, dass in diesen Zeiten um Kultur und Bildung und deren Erhalt gerungen werden muss. Aber bitte sachlich und mit fundierten Informationen und nicht „bestätigten Gerüchten“. Warum dieser Hass?

    • Lieber Herr Potratz,
      auch ich bin der Meinung, dass man in diesen Zeiten sehr vorsichtig mit den Errungenschaften der Kultur umgehen muss und sie vor sinnfreien Hasstiraden und Diffamierungen schützen sollte. Peter Gülke ist zweifellos ein großartiger Dirigent. Das heißt aber nicht, dass man die Bedeutung des Ausnahmetalents Gülke instrumentalisieren darf, um andere Mitarbeiter des Hauses herabzuwürdigen. Genau das war ja der Antrieb zu dieser Kolumne. Schade, dass sich das Ihnen nicht vermittelt hat. Bleiben Sie dem Brandenburger Theater treu!

  • Ich bin Orchestermusiker der Brandenburger Symphoniker. Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt zwischen die Stühle zu setzen, muß ich mich zu diesem Artikel äußern. Ich habe in meiner gesamten Musikerlaufbahn keinen Dirigenten erlebt, der menschlich so integer und klug wie Prof.Peter Gülke war. Den „unrühmlichen“ Abgang von Herrn Gülke, der in dem Artikel erwähnt wird, habe ich selbst miterlebt und ich war auch hier wieder beeindruckt, wie er bei dieser Gelegenheit ein kritisches Resümee seiner Amtszeit gezogen hat – wie immer vornehm, gewandt, mit viel Stil und darauf bedacht, die aus seiner Sicht kritischen Dinge so auszusprechen, wie er sie erlebt hat – immer bemüht, niemanden zu beleidigen. Jedem, der Herrn Prof. Gülke kennt, wird klar sein, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass Herr Prof. Gülke „giftstrotzende“ Briefe schreibt. Jeder, der mit Theater vertraut ist, weiß, dass am Theater die künstlerisch Verantwortlichen das Sagen haben – es ist eben ein Theater und keine Verwaltung – dass die Autorin dieses Artikels den Brief des Chefdirigenten als „giftstrotzend“ bezeichnet, weil er sich beschwert, dass am Brandenburger Theater niemand mehr mit dem künstlerischen Kopf des Hauses sprechen will, zeugt von einer atemberaubenden Ahnungslosigkeit der Autorin von der Funktiosnweise eines gesunden Kunstbetriebes.
    Gerrit Fröhlich, Brandenburger Symphoniker

    • Lieber Herr Fröhlich,
      danke für die Darstellung Ihrer Sicht der Dinge. Auch ich habe viele Jahre an Theatern gearbeitet und bin der Meinung, dass man betriebsinterne Probleme miteinander bereden muss. Allerdings in einem Dialog und nicht in einer Rede, mag sie noch so eloquent sein. Außerdem stellt sich natürlich auch die Frage, ob eine Festveranstaltung der richtige Anlass für kritische Resumées ist. Schließlich gibt es ja noch andere Protagonisten bei so einem Fest. Aber da kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein…

    • Liebe Gerrit Fröhlich,
      ich teile Ihre Meinung zu diesem großartigen Musiker voll und ganz. Mit Freunden waren wir mehrfach auch bei Konzerteinführungen von Herrn Gülke dabei und haben es genossen, diesem Experten zuzuhören. Und die verbalen Entgleisungen gegen den Leiter der Lokalredaktion sind völlig unangemessen und unsachlich, auf kleinem Niveau.- Anmerkung an einen Schreiber:
      Ich galube, dass Gerrit als Muiskerin mit Sensibilität und Kompetenz ausgestattet ist.

  • Warum bietet die TAZ Menschen eine Plattform, welche Journalisten öffentlich diffamieren und verunglimpfen?

    Weltweit wird zur Jagd auf Journalisten geblasen und ausgerechnet die TAZ unterstützt mit diesem Blog die Verunglimpfung eines Journalisten.

    Worte wie „Abschlachten“,“ selbst ernannter Provinzfürst“,“mangelde Fachkenntnis“ in Zusammenhang mit einem Journalisten erwartet man eher auf einer PEGIDA Demonstration als in einem Blog der TAZ!

    Zur Sache:

    Es ist immer wieder beeindruckend, wie ehemalige Wessis (um so eine handelt es sich zu 100% bei der Verfasserin dieses Beitrags) die DDR erklären. Und dabei bedient sie sich aller Metaphern, welche dazu gehören „Seilschaften, Mittelsfrauen und –männern, …“.

    Der Schwabenhass, welcher hier in Berlin immer wieder zu brennenden SUV mit Stuttgarter Kennzeichen führt, hat genau in dieser arroganten Besserwisserei seinen Ursprung.
    Traurig, dass die TAZ diesen gescheiterten Existenzen hier eine Plattform bietet!

    Aber weite zum Sachverhalt, welcher hier vollkommen verdreht dargestellt wird.

    Bei dem „als schwierig geltende selbst ernannte Orchesterpatriarch“ handelt es sich um keinen geringeren als um Prof. Dr. Dr. Peter Gülke, einem der am meisten geehrten und geschätzten Künstler unseres ganzen Landes, dem Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, dem Mitglied des Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst,
    dem Ehrensenator der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, dem Ehrendoktor der Universität Bern, dem Ernst von Siemens Musikpreisträger, dem Träger des Bundesverdienstkreuzes, usw. usw.

    Peter Gülke darf man getrost als einen Glücksfall für Brandenburg an der Havel betrachten. Ein erfahrener Dirigent, der alles im Leben erreicht hat und sich nicht zu schade ist, auch in der Provinz zu arbeiten. Von allen klar denkenden Menschen, aber vor allem allen kunstinteressierten Menschen wird Peter Gülke zutiefst verehrt.

    Bei seinen Gegenspielern handelt es sich zum einen um die ehemalige Mitarbeiterin der
    Fachgruppe Beteiligungen und Abgaben der
    Stadtverwaltung Brandenburg an der Havel, welche vor 1,5 Jahren ohne jede Ausschreibung, Vorkenntnis oder Auswahlverfahren vom Bürgermeister den Posten der Geschäftsführerin des Theaters erhielt – also um eine totale Quereinsteigerin – , und um Frank Martin Widmaier, einen, als gescheitert geltenden Opern Regisseur, welcher nach wenigen erfolglos geltenden Inszenierungen deutschlandweit in Brandenburg auf dem Posten eines Künstlerischen Leiters gelandet ist.

    Beide Neulinge eint ihre Unwissenheit und ihr starkes Selbstbewusstsein (beides verbindet sie mit der Verfasserin dieses Blogs) .

    Allein die Tatsache, dass Unwissenheit und Unerfahrenheit auf Intelligenz und Erfahrung trifft erklärt den bestehenden Konflikt am Brandenburger Theater am besten.

    Der hier verunglimpfte Journalist hat über die chaotischen Zustände, welche am Brandenburger Theater seit der Intronisierung zweier Laien an der Spitze des Hauses lediglich berichtet.

    Nicht mehr und nicht weniger!
    Genau diese Berichterstattung erwartet man von einem Journalisten.

    Sie sollten schon der eigenen Berufsehre wegen Helga Stöhr-Strauch alias BRANDEN-BUZZ von dem TAZ Blog entfernen und auch zukünftig keine Möglichkeit geben, hier gegen freie Berichterstattung und Journalisten zu hetzen.

    Dr. Werner Bauer

    • Aha, Herr Dr. Bauer darf diffamieren und Herrn Widmaier als gescheiterten Laien erklären sowie „Totale Quereinsteigerinnen“ abqualifizieren? Da dürfen wir froh sein, dass Herr Bauer nicht noch mehr Doktortitel plus Professuren besitzt, sonst müssten wir wohl alle den Kopf einziehen, und die TAZ könnte zu machen!!

      Grandios, Frau Stöhr-Strauch, dass Sie diesen Blog-Kommentar nicht gesperrt haben und uns an diesem Auswurf teilnehmen ließen. Danke!

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