vonbranden-buzz 23.11.2019

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Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Von einem wirklich schlimmen Stück Brandenburger Stadtgeschichte konnte man kürzlich im Brandenburger Theater (bt) erfahren. Es war wohl eher eine spontane Veranstaltung, die dank Lücken im Spielplan noch eingeschoben werden konnte und die folgende Vorgeschichte hat: Der Autor Thomas Wieck (Jahrgang 1945) stellte in Berlin sein Buch über den ostdeutschen Theaterregisseur Herbert König vor. Der Titel: „Regie: Herbert König“.
Da Wieck auch Theaterdramaturg ist, handelt es sich bei dem Text nicht einfach nur um eine Biografie des ostdeutschen Regietalents König, sondern in erster Linie um Fragen wie „Welchen Werdegang hatte er? In welchem Umfeld lebte er? Wie konnte passieren, dass…?“. Wieck schlägt den ganz großen Bogen und nennt dabei auch Ross und Reiter. Also damalige Politiker und Künstlerkollegen, die den Querdenker König 1976 ans Messer der Stasi lieferten. Aus den Reihen der Künstler nennt er vor allem Jürgen Hilbrecht, der heute in erster Linie als „Hauptmann von Köpenick“ tätig ist.

Bei dieser Buchvorstellung war auch der Schauspieler Achim Wolff zugegen und so beeindruckt, dass er beschloss, zusammen mit Ex-Kollegen jener Zeit aus diesem Text eine Lesung zu machen, die dann hier in Brandenburg stattfand.

„Die Königstreuen“: Theaterkünstler, die 1976 bis 1978 am bt mit Herbert König zusammengearbeitet haben

 

Eine kluge Idee, denn Brandenburg ist der Tatort: Hier wurde König verraten, verkauft und schließlich geschasst; sein folgendes, kurzes Engagement in Anklam, wo ihm der damalige Oberspielleiter Frank Castorff ein Engagement verschaffte (beide kannten sich aus ihrer gemeinsamen Zeit im Brandenburger Theater), war seine letzte Etappe im Arbeiter- und Bauernstaat. Herbert König wurde 1983 in die BRD ausgewiesen, arbeitete dort an renommierten Häusern und starb 1999 mit gerade mal 55 Jahren in Düsseldorf.
Die Brandenburg-Episode, von der Wolff und Kollegen in ihrer Lesung berichteten, ereignete sich zwischen 1976 und 1978. In einer Zeit also, in der in der BRD die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt und ermordet hat und Intendant Claus Peymann im Stuttgarter Staatsschauspiel Geld für die Zahnbehandlung von Gudrun Ensslin sammeln ließ und damit einen Sturm der Empörung auslöste. Zu einer Zeit also, als sich auch in der BRD die Erkenntnis durchsetzte, dass man zu bestimmten Zeiten die Politik nicht einfach aus dem Theater verbannen kann. Weil Theater nun einmal auch ein Ort der politischen Auseinandersetzung ist.
In Stuttgart, wo Claus Peymann ein Stück Stadtgeschichte geschrieben hat, denkt man bis heute gern an diese große Zeit. Kaum ein Politiker würde die Möglichkeit ungenutzt lassen, an solch einer Erinnerungskultur teilzunehmen. Was aber tut die Brandenburger Stadtverwaltung an jenem Abend? Sie glänzt durch Abwesenheit, so als habe es weder eine theaterbewegte Zeit in Brandenburg gegeben noch Künstler, die hierzulande verfolgt wurden.
Die „Königstreuen“ diesseits und jenseits der Rampe blieben an besagtem Theaterabend ganz unter sich. Wie traurig.

Trotz des Angebots bleibt der Wunsch nach politischer Aufarbeitung im bt doch sehr überschaubar
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