vonbranden-buzz 15.07.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

Mehr über diesen Blog

Bipolare Störungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Betroffenen von einem Stimmungsextrem ins andere geworfen werden. Früher nannte man das „manisch depressiv“ – Extremschwankungen, die einfach nicht gesund sind.

Nun las ich neulich in einem Beitrag der „Märkischen Allgemeinen“ (die sich wiederum aufs „Handelsblatt“ berief) von einer Untersuchung eines Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituts. Der Grundtenor war einerseits deprimierend, andererseits zu erwarten: Süddeutschland (München, Stuttgart und sogar Darmstadt) boomt, während Brandenburg weiter stagniert. Und das, obwohl der hübschen Stadt an der Havel eine gewisse wirtschaftliche Dynamik attestiert wird. Diesen Zusammenhang von wirtschaftlicher Stagnation bei gleichzeitiger Dynamik verstehe wer wolle. Oder wer kann. Ich kann das nicht, denn ich habe Wirtschaftssprech nicht gelernt. Und eine wirtschaftliche Dynamik ohne wirtschaftliche Auswirkung scheint mir ebenso wie „Nullwachstum“ ein begriffliches Ungetüm mit der Tendenz zum Euphemismus zu sein.

Vermutlich ist gemeint, dass hier in Brandenburg/Havel wirtschaftlich nix so richtig rund läuft. Die Leute kriegen entweder Mindestlohn und können sich nix leisten. Oder sie sind arbeitssuchend. Und einstige Arbeitgeber, wie z.B. die hiesige Stahlindustrie, wurden abgewickelt, während der Südwesten nach wie vor seine Autos und Waffen produziert und in die Welt jagt.

Mein Freund Jörg aus Benztown hat das mit „bipolarer Störung“ umschrieben und dieses Krankheitsbild mal kühn auf die Situation der ganzen Republik übertragen: Während die im Süden durchknallen, so sein Erklärungsmodell, verfielen die Ostler gerne mal in Depressionen, weil nix so richtig geht. Das kann einfach nicht gesund sein, fanden wir! Und da wir beide lang und ausgiebig Geisteswissenschaften studiert haben, erschien uns dieser Ansatz so bestechend, dass wir ihn in Erwartung all der Endloskommentare rund um den kommenden 3. Oktober über gefühlte zwei Stunden verfolgt und schließlich aufgegeben haben. Auch wir haben keine Erklärung dafür, warum die Süddeutschen wie angestochen produzieren und boomen, während sich viele Leute im Osten noch 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch „abgehängt“ fühlen, ganze Landstriche veröden und man als akademisch geschulter Erklärbär immer noch in einem undurchschaubaren Teich von hochwissenschaftlichen Wirtschaftsmodellen und oberflächenvergleichender Pseudopsychologie vor sich hindümpelt.

Die Welt ist einfach nicht gerecht.

 

Was aber die Wenigsten wissen, ist, dass man hier in Brandenburg-Stadt einfach keine Handwerker bekommt, weil keine Termine mehr frei sind. Die Firmen bauen nämlich Häuser für die, die herziehen wollen. Und wenn Lieschen Müller mal einen Schrank geschreinert oder ein Regal eingepasst kriegen will, muss sie eben ein halbes Jahr warten, bis wer Zeit hat, sich das anzugucken.
Neulich kam ein Schreinermeister zu uns ins Haus und erklärte schon beim Reinkommen, dass er weder Zeit noch verfügbares Personal hätte. Die einzupassenden Hängeschränke könnten wir doch besser bei Ikea oder im Internet bestellen. Allerdings schlug er uns vor, unsere weiße Küchendecke mit Holz zu verkleiden. Das wollten wir dann aber nicht.

Wir schreinern uns unsere Hängeschränke jetzt selbst. Oder wir suchen uns wen, der das ohne Firma für uns macht. Wie eigentlich jeder hier im Osten.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/branden-buzz/einfach-krank/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.