vonbranden-buzz 26.07.2019

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Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Es ist an der Zeit, mit einem weithin unbekannten und unwichtigen Vorurteil aufzuräumen. Nämlich dem Gerücht, unsere Mischlingshündin Greta sei nach der Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg benannt worden. Unser Hund heißt Greta, weil er eine Greta ist. Ein Gretchen, das schon auf dem Foto der vermittelnden Tierschutzorganisation geradezu nach diesem Namen schrie. Wie die ausgesetzte Gretel von Hänsel im gleichnamigen Märchen. Oder wie die Schönheit Greta Garbo, die natürlich nicht schrie, sondern schwieg. Zumindest im Stummfilm.


Auch unser Hund zieht es vor, stumm zu bleiben. Er bellt praktisch nie, was einerseits an seiner Dalmatiner-Zugehörigkeit liegen, andererseits aber auch ein Zeichen höchster innerer Entspanntheit sein könnte. Greta ist eben kein Wachhund, sondern ein Schlafhund, falls es diese Bezeichnung überhaupt gibt. Sie strahlt nichts als Freundlichkeit und Ruhe aus.

die meist schweigende Schönheit Greta bei ihrer Lieblingsbeschäftigung

Ganz anders als so mancher Zeitgenosse, der sich sein Häuschen in jener Provinz gebaut hat, von der so gerne behauptet wird, sie sei beschaulich oder gar ruhig.
So beklagte sich jüngst meine Freundin, die wie ich im summenden Brandenburg/Havel lebt, im Garten einfach keine Ruhe mehr zu finden. In der Regel, so sagt sie, werde nebenan gesägt, manchmal auch gebohrt oder gerne auch geschliffen. Erst kürzlich sind in eines der Nachbarhäuser Schwaben eingezogen, deren legendärer Hausbautrieb sich inzwischen bis nach Nordostdeutschland ausgebreitet hat und vermutlich ein genetischer Defekt aus der Urzeit ist.

Mitunter sind aber auch ganz andere Geräusche zu vernehmen. So wie heute.
Wir saßen gemeinsam im Garten und schwitzten uns an. Ein leichter Wind säuselte durchs sommerliche Blattwerk und meine romantische Seele kam ein wenig zur Ruhe. Bis ein scharfes, knarzendes Geräusch das Idyll jäh unterbrach. Ein Blick in die fuchsteufelswilden Augen meiner Freundin bestätigte meine Vermutung: Es war der Nachbar. Er rülpste. Lautstark, vernehmlich, und aus einem nicht zu erkennenden Grund. So wie pubertierende Jugendliche manchmal Luft schlucken, um mal ordentlich los zu rülpsen.
Nun hat der Nachbar die Dreißig schon deutlich überschritten. Jugendlicher Übermut kann also als Grund für dieses Verhalten kaum in Frage kommen. Auf meine ungläubige Nachfrage erklärte mir meine Freundin, dass mitunter noch ganz andere von Luft evozierte Vitallaute zu vernehmen seien. Wohingegen seine Frau so vornehm sei, dass sie oft sogar auf das Grüßen verzichte.

Auf dem Heimweg grübelte ich nach, ob es sich bei dem im Freien rülpsenden und flatulierenden Nachbarn meiner Freundin wohl um ein mir unbekanntes, womöglich sogar psychologisch bedingtes Krankheitsbild handeln könnte. Um eine Art von Kompensationsgeblubber, hervorgerufen durch ein Gefühl der Ohnmacht angesichts der ländlichen Noblesse seiner nicht grüßenden Gattin? Oder um eine Form des Protests gegen Bürgerlichkeit, Gärten, Nachbarn oder andere nicht zu ändernde Tatsachen in der Provinz?

Jedenfalls war ich froh, als mir wenig später zuhause meine Hündin Greta Schwanz wedelnd entgegenkam. Nicht protestierend, nicht bellend, und auch nicht flatulierend.
Hunde sind einfach die besseren Menschen.

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