vonbranden-buzz 20.07.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Es stimmt schon. Seit mein Mann mir diese unglaublich idiotensichere Nähmaschine geschenkt hat, laufe ich durch die Welt wie ein in die Jahre gekommener Paradiesvogel. Meine Vorliebe für auffällige Stoffmuster und mein unerschütterlicher Glaube daran, dass alles, was man mit Liebe tut, auch gut sein muss, lässt mich in den gewagtesten Eigenkreationen das Haus verlassen. Ob das alles nun schön ist oder nicht, sei dahingestellt. Mutig ist es auf alle Fälle.

Ein Paradiesvogel bei der Image-Pflege

Auf andere Weise mutig präsentieren sich auch manche Politiker. Wie zum Beispiel die baden-württembergische SPD-Politikerin Ute Vogt, die ausgerechnet kurz vor einem anstehenden Wahlkampf auf die glorreiche Idee kam, ihr graues Haar plötzlich von jeglicher Farbgebung zu befreien und statt dessen in Gestalt eines schmuddeligen Oberkopfkragen herauswachsen zu lassen. Und das dann auch noch ganz Baden-Württemberg auf einem Wahlplakat wissen ließ.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe kein Problem damit, alt zu werden. Auch ich trage mein inzwischen graues Haar mit genau der Würde, die ich aufzubringen vermag. Meine Haare sind ein Teil von mir, ebenso wie mein krummer Rücken und meine etwas zu großen, wanderfreudigen Füße. Aber ich trage mein Haar kurz. Oder besser: mein Haar wurde an dem Tag kurz, an dem ich beschloss, es nicht mehr färben zu wollen. Gefärbtes, langes Haar mit grauem Ansatz ist meiner Meinung nach ein No Go! Ein K.O.-Kriterium für den guten Geschmack.
Dass auch männliche Politiker ähnlichen Trugschlüssen rund um das Thema Authentizität und Natürlichkeit erliegen, erweist sich derzeit im Landtagswahlkampf in Brandenburg. Schon vor einigen Monaten, als hier noch zur Kommunalwahl geblasen wurde, erschreckte mich ein ganz bestimmtes Werbeplakat. Es zeigt den Lokalpolitiker Thomas Schulz mit den Farben, die gemeinhin mit der FDP assoziiert werden. Hier aber werben die Freien Wähler, die sich nicht lange mit Belanglosigkeiten wie Inhalte, Corporate Identity oder Niveau aufhalten. Statt dessen: wörtlich zu nehmende Hemdsärmeligkeit, gepaart mit einer markigen Aufforderung in der zweiten Person Plural und unterstützt von einem gemalten Glühbirnchen, das die Vorstellung geistiger Umnachtung in greifbare Nähe rückt. Der Clou jedoch – man ahnt es bereits – ist die Frisur oder besser: die Nicht-Frisur, die einem entgegenschreit: Helft mir! Gebt mir Eure Stimme! Wobei ich explizit nicht ausschließen möchte, dass für Vollbartträger auch ein gelegentlicher Gang zum Barbier einen gewissen Nutzen darstellen könnte…

Wahlplakat der Freien Wähler in Brandenburg/Havel

Allerdings – und hier verlassen wir den Bereich der Spekulation und wenden uns wieder der sachlichen Kritik zu – sollte sich eine Partei, die sich ausgerechnet die Förderung des Mittelstandes (und dazu gehören Friseure nun einmal!) auf die Fahnen geschrieben hat, gut überlegen, wen sie wann und vor allem wie vor eine Kamera schickt.

Ich plädiere daher für die Einrichtung eines Haarfonds für Politiker!

Dieser Fond (so etwas Ähnliches gibt es in der Ehrenamtsvariante bereits in Stuttgart für Obdachlose) könnte es sich zum Beispiel zur Aufgabe machen, Politikern vor dem Gang zum Fotografen die Haare so richten zu lassen, dass arglos am Plakat vorbei laufende Bürger nicht unweigerlich in Ohnmacht oder in Haarspitzen erschütterndes Wachkoma fallen. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang auch die Beschäftigung von arbeitssuchenden Theaterschneidern, Maskenbildnern oder Schauspielern, die so lange ausstatten, herumschminken und üben, bis ein sympathisches, authentisches und freundliches Äußeres zumindest in die Phantasie des Betrachters Einzug hält…

Dass damit das verbale Botschaftsproblem noch immer nicht gelöst ist, ist mir durchaus bewusst. Aber wie sagte schon mein Friseur Jürgen in Stuttgart? Hauptsache, die Haare liegen!

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