vonbranden-buzz 13.09.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Kürzlich hatte auf dem Brandenburger Marienberg eine Mischung aus Historiendrama, Krimi und Gesellschaftstragödie Theaterpremiere. Es war eine Uraufführung, denn der Text um die vermeintliche Brandstifterin Grete Minde , die 1619 auf dem Scheiterhaufen zu Tangermünde hingerichtet wurde, wurde neu dramatisiert. Und da man in Brandenburg ja kein eigenes Schauspielensemble hat, wurden Profis aus Potsdam geholt, mit der hiesigen, sehr ambitionierten Bürgerbühne, dem Brandenburger Jugendtheater und einem eigens gegründeten Bewegungschor gemischt und alles zusammen sehr bühnentauglich gemacht.
Das Resultat war ansprechend, die Regie vom Künstlerischen Leiter professionell, die Leute im Publikum waren begeistert. Mehr noch, schon nach dem zweiten Durchlauf der Applaus-Choreografie (im Theaterjargon auch „Vorhang“ genannt) hielt es sie nicht mehr auf ihren Sitzen, so dass man ziemlich schnell von „stehenden Ovationen“ (weniger prosaisch: Applaus im Stehen, mit Gepfeife und Gejohle) reden konnte.
So weit so bezeichnend. Die Leute hatten Spaß.

Mindestens ebenso bezeichnend war auch das, was man am Folgetag in der Brandenburger Spezialgazette zu lesen bekam. Da hatte jemand nämlich gar keinen Spaß. Und verfasste einen ziemlich konfus wirkenden Bericht, der sich nicht entscheiden konnte, ob er lieber vom zeitgleich stattfindenden Fashion Day, von der nicht anwesenden „lokalen Prominenz aus Wirtschaft und Politik“, oder der vermeintlichen Unterforderung des Publikums räsonieren mag. Auch wilde Spekulationen über die Kosten der Inszenierung wurden angestellt und über Schüler, die „offenbar im letzten Moment“ mit „günstigen Premierentickets“ versorgt wurden.
Meine Güte, dachte ich mir beim Lesen, so viel Insiderwissen! Das ist ja Kopftheater pur! Da braucht man streng genommen gar kein anderes Theater mehr! Schon gar nicht eines, in dem es um (Ruf-)Mord geht! Um einen Justizirrtum, um Korruption, um Hetzer und um die Macht der Straße!
Kurz kam mir der Gedanke, dass der Rezensent und ich zwar nicht im falschen Film, wohl aber in unterschiedlichen Stücken waren. Doch dann führte mich ausgerechnet der letzte Mohikaner des Arbeiter- und Bauernstaates auf die Spur zurück.

Genauer gesagt das etwas einfältige Zitat von Ochs und Esel (der Publikumsbrüller!), das in besagtem Theaterbericht respektvolle Erwähnung fand und richtiger Weise „dem ehemaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker“ zugerechnet wurde.

 

Und was lernen wir daraus?

1. Journalismus ist schwer und Papier geduldig (das Internet auch).
2. Jeder sieht die Welt und die Bretter, die dieselbe ja bedeuten sollen, mit eigenen Augen.
3. Augen auf bei der Berufswahl.

 

P.S. Das Stück wird erst wieder im Mai 2020 in Brandenburg gegeben.

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https://blogs.taz.de/branden-buzz/im-falschen-film/

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