vonbranden-buzz 08.06.2020

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Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Buchcover

Monsieur Bonheur geht auf Reisen von Pascal Ruter*

Aus dem Blickwinkel eines Zehnjährigen erzählt Pascal Ruter vom Leben und Sterben eines wichtigen Familienmitglieds. Ein einfühlsamer, tragikomischer Roman über Individualität, die Liebe, das Scheitern, das Abschiednehmen und das Erinnern.

Auf zu neuen Ufern

Wir befinden uns im Paris unserer Tage. Der ehemalige, fünfundachtzigjährige Boxprofi mit dem sprechenden Namen Napoléon Bonheur beschließt im Zuge einer persönlichen „Runderneuerung“ nicht nur die Trennung von seiner langjährigen Frau Joséphine sondern auch von den Prinzipien der Gesellschaft. Kaiserlich und ganz in der Tradition des großen französischen Imperators, schickt er erst Joséphine in die südfranzösische Wüste und überwirft sich dann mit seinem Sohn Samuel samt seiner Wertevorstellungen. Sein einziger Verbündeter im Kampf um Freiheit und Souveränität bleibt sein Enkel Léonard, den er liebevoll „Coco“ nennt und mit dem er sich in Esperanto wie in einer Geheimsprache verständigt. Mit ihm und dem aus dem Tierheim befreiten, undefinierbaren Mischlingsrüden Punkt-Ding-Dong bricht er auf zu neuen Ufern. Im Zuge seiner Hausrenovierung, die der Greis im Unruhestand selbstverständlich selbst und auch noch tanzend absolviert, stürzt der alte Herr jedoch so unglücklich, dass er sich die Wirbelsäule bricht. Was folgt, ist die Geschichte des Siechtums und des Sterbens auf der einen, der Sorge und der Trauer auf der anderen Seite.

Die Gesellschaft als Ansammlung von fragilen Einzelkämpfern

Poetisch und mit großer Empathie beschreibt der auch als Kinderbuchautor bekannte Pascal Ruter die Erfahrungen eines aufgeweckten Zehnjährigen, der erkennt, dass die Gesellschaft eine Ansammlung von Einzelkämpfern ist. Die Hauptfigur Léonard ist Einzelkind und hat keine Freunde. Zwar spürt er eine starke Affinität zu seinem sensiblen Klassenkameraden, dem einzelgängerischen Insektenforscher Alexandre, traut sich aber nicht, ihn nach seiner Herkunft und seiner Familie zu befragen. Gleichwohl spielt für beide Jungen die Familie eine wichtige, spannungsgeladene Rolle.

Ebenso wie Alexandre justiert Léonard die Grenzen zwischen Norm und Individualität, zwischen Anpassung und der Verteidigung eigener moralischer Maßstäbe. Als großes Vorbild dient beiden Léonards Opa. „Kaiser“ Napoléon, der sich aufmüpfig und glücklich jeder Norm verweigert und dessen Patina der Unbesiegbarkeit schon auf den ersten Seiten Risse aufweist.

Dieses Spannungsverhältnis bestimmt auch die Beziehung zur eigenen Familie, in der jeder als zerbrechliches Individuum wahrgenommen wird. Während Léonards meist schweigende Mutter ihre Würde durch die genaue Beobachtung ihrer Umgebung wahrt, indem sie sie zeichnet, kämpft sein Vater Samuel permanent um die Anerkennung seines Vaters. Opa Napoléon indes lehnt seinen Sohn und dessen Leben hartnäckig ab, bezeichnet ihn als „Weichei“ und demütigt ihn, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Dieser Ton verleiht dem Roman eine bittere, fast schon verzweifelte Note, der allerdings durch den turbulenten und zuweilen komischen Verlauf der Ereignisse die Spitze genommen wird. Bis das sehr versöhnliche Ende den Grund dieser väterlichen Abneigung zwar nicht erklärt, aber thematisiert.

Feine Balance zwischen Tragik und Komik, behutsam ins Deutsche übersetzt

Ruter hält die feine Balance zwischen Tragödie und Komödie, auch wenn der Roman über weite Strecken ein wenig schleppend daherkommt. So wirken die Passagen, in denen Napoléon als hemmungsloses Ekel gezeichnet wird, mitunter ermüdend. Auch die expliziten Erläuterungen über den Sinn des Lebens („Alles was verletzlich ist, ist schön“) und des Sterbens („Der einzige Feind ist das Vergessen“) wirken angesichts der hintersinnigen Leichtigkeit des Erzählflusses ein wenig plump.

Die behutsame und sehr flüssige Übersetzung von Alexandra Baisch zitiert wichtige Passagen im Original und übersetzt sie dann ins Deutsche, was einerseits hilfreich ist, andererseits aber auch auf ein grundsätzliches Problem hinweist: Der Unübersetzbarkeit eines sehr speziellen, sehr französischen Lebensgefühls, dem der Sänger Claude Francois in den 70er Jahren mit seinem Discofox „Alexandrie Alexandra“ und den „Barracuda“-Einsprengseln den ultimativen Ausdruck verlieh.

https://www.youtube.com/watch?v=HkVhN64dyd8

Es ist das Lebensgefühl einer Generation, der auch Napoléon angehört und es ist der Song, der den alten Herrn bei der Hausrenovierung zum Straucheln und alle weiteren tragischen Ereignisse ins Rollen bringt. „Barracuda Forever“ – so der eigentliche Romantitel – wird so zu einer vergeblichen Forderung, denn man kann die Vergänglichkeit ebenso wenig aufheben wie den Fluss der Zeit. Was bleibt, ist die Erinnerung. Zum Beispiel an einen Großvater, der sich der neuen Zeit, dem Alter und der Schwäche nicht kampflos ergeben wollte.

Fazit

„Die Reisen des Monsieur Bonheur“ ist ein lesenswerter, amüsanter, intelligenter und beziehungsreicher Roman. Man muss ihn nicht mit philosophischen Überlegungen oder anderen Kenntnissen überfrachten, um ihn zu mögen.

Anm.: Diese Rezension ist nirgends erschienen und sie hat auch nichts mit Brandenburg zu tun. Außer, dass sie hier geschrieben wurde. Dass sie entstand, basiert auf einem Missverständnis. Es war mir nicht klar, wie dreist derzeit Journalisten und Rezensenten ausgebeutet werden: Das nicht eben kleine Internetportal, für das ich den Text verfasste, finanziert sich über Werbeeinnahmen, während der Rezensent, der liest und schreibt, keinen Cent für seine Arbeit erhält. Er darf allerdings das Leseexemplar behalten, das nach einmaligem Lesen für ihn an Wert verloren hat und meist in den Papiermüll wandert. Ein Weiterverkauf wird vom Verlag explizit verboten.

Vielleicht findet der Roman auf diesem Weg ja noch ein paar LeserInnen mehr und ich habe mir so die ganze Mühe nicht umsonst gemacht. Der Song jedenfalls wurde vor zwei Jahren von M. Pokora wiederentdeckt. Seine nicht unkomische Interpretation findet man unter

https://www.youtube.com/watch?v=q2_9gcvSSmk

* Verlag: Knaur HC, ISBN: 978-3-426-65441-5, 18 Euro gebunden, E-Book: 14,99 Euro.

 

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