vonbranden-buzz 25.09.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Als Fremde outet man sich regelmäßig. Man kennt sich nicht aus, durchwatet Fettnäpfchen und blamiert sich, ohne es zu merken. Das beginnt schon bei der Betonung von Ortsnamen.
Ich habe gelernt: Im Deutschen und Englischen liegt die Betonung in der Regel auf der ersten Silbe. Vergleiche hierzu die Ortsnamen Stuttgart, Darmstadt, Frankfurt, Wuppertal, Potsdam. Aber schon wenige Kilometer weiter geht’s los: Berlin. Aha! Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe des Namens. Oder Bernau. Oder Lichterfelde, Luckenwalde, Ahrensfelde. Hier sind nicht die Lichter, die Lucken und auch nicht die Ahren (was immer das auch sein mag) interessant, sondern die Felder. Caputh, äh, kapiert. Nur trägt der Ort Caputh die Betonung zur Abwechslung mal auf der ersten Silbe. Ganz anders als Lehnin, das nichts mit dem Revolutionsführer ohne „h“ in der Mitte zu tun hat, und mit einer Betonung auf der zweiten Silbe brilliert. Aber glücklicherweise gibt es ja noch Zehlendorf, das ich ganz problemlos aussprechen kann, wobei mich die Betonung auf „dorf“ auch nicht gewundert hätte.
Interessant war in diesem Zusammenhang auch folgende Begebenheit: Um eine Pflanze abzuholen, wurde ich per Mail in die Hohenferchesaer Straße im beschaulichen Dörfchen Brielow bestellt. Der Weg von Brandenburg nach Brielow gleicht einem Katzensprung und da momentan ja alle für das Klima streiken, bestreikte auch ich unser Auto und nahm statt dessen mein schickes rosa Lastenfahrrad. Und erkannte zum ersten Mal die tiefere Bedeutung des Verbs „radebrechen“. Denn ich brachte bei meinen verbalen Erkundigungen nach dem richtigen Weg das Wort „Hohenferchesaer“ einfach nicht heraus. Mein erster Adressat, ein älterer Herr, konnte mir gar nicht helfen, wobei ich eher den Eindruck gewann, dass er mich in erster Linie für ein bisschen gestört hielt, mit meinem rosa Fahrrad und der ausgedruckten Wegbeschreibung, mit der ich während meiner Ausführungen herumfuchtelte.
Die Dame, die ich danach sicherheitshalber mit dem Vorlauf „Guten Tag. Ich weiß leider nicht, wie man das ausspricht“ ansprach, lachte und erklärte mir nicht nur den Weg, sondern auch, dass Hohenferchesar die Betonung auf der vierten Silbe trägt, also Hohenferchésar ausgesprochen wird und somit die Ausspracheschwester von Ziésar ist. Von wem? Von Ziesar, also dem Ort, der ebenfalls in der Nähe liegt und den ich bislang aus phonetischen Gründen immer mit Ziegenställen assoziiert hatte.

Hohenferchesar aus der Luft betrachtet

Solche Dinge geben mir wirklich zu denken, zumal ich mir immer was auf mein Linguistikstudium eingebildet habe. Natürlich gibt es immer Gründe, warum etwas so und nicht anders ausgesprochen wird. Zur Not hilft der Verweis auf „starke“ und „schwache“ Silben und dass Deutsch ja eine Sprache mit beweglicher Betonung sei. Aber das hilft einem im Ernstfall auch nicht weiter.
Wirklich schlimm war übrigens auch meine Bestellung von Theaterkarten hier in Brandenburg. Es wird das Musical „Mein Freund Bunbury“ gegeben und aus unerfindlichen Gründen sprechen viele Einheimische „Bunbury“ mit einem „ä“ auf der ersten Silbe aus. Also „Bänbury“ – Himmel, was ist hier nur los? Eine Erklärung lieferte mir eine wohl meinende Theatermitarbeiterin. Sie sagte sinngemäß, man habe sich bei der Uraufführung dieses vor allem in der DDR gern gespielten Singspiels über die blasierten Engländer lustig machen und deshalb dem Ganzen auch noch phonetisch die Krone aufsetzen wollen.
Ich habe mich entschlossen, diesen Sachverhalt nicht weiter zu verfolgen.

Man muss nicht alles verstehen
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