vonbranden-buzz 24.01.2021

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Ich habe es unterschätzt. Habe nicht geglaubt, dass über 70 Jahre nach Kriegsende eine weltweite Katastrophe mein beschauliches Leben so erschüttern könnte. Ich habe Covid-19 abtun wollen. Das war ein Riesenfehler, der mir klar macht, was eigentlich mit dem Wort Demut gemeint ist.

Ein Familienmitglied ist gestorben. Nicht an oder mit Covid, sondern an diversen Erkrankungen, die ein selbst gesteuertes Leben unmöglich machten. Und mit dem Gefühl, dass ein Neubeginn im coronal isolierten und fremden Pflegeheim oder im betreuten Wohnen die eigenen Kräfte übersteigt. Ein konsequenter Hungerstreik war die Antwort. So etwas bezeichnet man als schwere Depression.

Und dann meine Freundin. Sie lebte allein. Der Lockdown, das nicht mehr verfügbare gesellschaftliche Angebot in der Großstadt und letztlich die Kontaktbeschränkungen machten ihr so zu schaffen, dass sie sich konsequent und bis zu ihrem Ende betäubte. Auch sie litt unter Depressionen.

Ein guter Bekannter hat aktuell Covid. Und zum ersten Mal sind seine Kraft und sein schräger Humor nicht mehr zu finden. So wird mangelnder Lebensmut, Traurigkeit und Depression zu einer nicht zu unterschätzenden Folge von Covid-19. Dazu braucht man noch nicht einmal infiziert sein. Man muss nur die Augen offenhalten.

Es ist eine schlimme und sehr trübe Zeit, in der aber immer noch die altbekannten, gemeinen Spielchen funktionieren. Denn selbst jetzt, wo man einen Impfstoff hat, gibt es Strategien, mit denen kapitalistische Eigeninteressen über Menschenleben entscheiden. Pharmakonzerne diktieren die Preise und die Ärmsten fallen wie stets hinten runter. Alles wie gehabt, alles wie immer in der Pharma-, Atom- und Waffenindustrie. Vielleicht merkt man das jetzt nur mehr. Sozusagen am eigenen Leib. Jetzt, wo auch die EU betroffen ist, kommen die Einschläge näher, wie man so sagt. Und selbst ich, die kleine Spötterin aus der Brandenburgischen Provinz, halte inne. Fühle mich erstmals direkt betroffen, weil mich das Leid um mich herum berührt. Und weil ich EU-Bürgerin bin, die immer viel von Solidarität hielt. Zum ersten Mal schiele ich neidisch auf Länder, die auf ihre hohen Impfquoten stolz sein können.

Wenn ich mir die Todesanzeigen meiner früheren Heimatstadt Stuttgart anschaue, finde ich Namen, die ich lieber nicht gefunden hätte. Es sind Namen von Menschen, die viel zu jung zum Sterben waren. Und es sind Namen, die nicht allein in der Anzeige stehen, sondern durch andere Namen ergänzt wurden. Es geht um Paare, um Lebens- oder Ehepartner, die auffälliger Weise entweder zeitgleich oder mit ein bis zwei Tagen Abstand gegangen sind. Ob sie beide an Covid oder etwas Anderem verstorben sind oder ob der hinterbliebene Partner seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat, ist unklar. Denkbar wäre beides. Zumal Covid ziemlich viele Synonyme hat: Verzweiflung. Depression. Lebensangst.

Mir fällt es jedenfalls momentan sehr schwer, ein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.

 

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kommentare

  • Die ‚Wellen‘ , die Lockdowns und das Meditieren am Rande des Zusammenbruchs – alles umsonst?

    Die SARS-CoV-2/CoViD-Epidemie hat sich, zumindest in Deutschland, zu einer handfesten Krise ausge-wachsen, die Konsequenzen gravierender politischer Versäumnisse werden hier offenbar. Vor genau einem Jahr gaben schon leichte Anzeichen Hinweise auf eine sich anbahnende Pandemie.
    Obwohl von Anfang an klar erkennbar war, dass es sich um eine Epidemie handelte, das sich unter-schiedliche Auswirkungen bezogen auf Altersgruppen in der Population hatte – und besonders „letal“ auf die älteren auswirkte (z.B. die Sterblichkeit der über 70-Jährigen lag Ende 2020 bei über 88%!) Es wurde wenig Zielführendes unternommen, diese Gruppe besonders zu schützen – wie z.B. die drastische Erhöhung und Freistellung der Intensivbetten-Kapazitäten, Erhöhung der Anzahl des Pflegepersonals, Abschirmung in den Pflegeheimen, etc.
    Nach der erste Welle hatte man Zeit gehabt, sich mit gut zugeschnittenen Präventionsprogrammen auf Herbst und Winter vorzubereiten (und weitre Kapazitäten zu sichern), ist leider nichts geschehen – au-ßer, dass im Sommer 2020 einige Regierungsmitglieder (u.a. Der Gesundheitsminister) ausdrück-lich öffentlich versicherten, dass „Deutschland für weitere kommende Probleme mit der Pande-mie „bestens aufgestellt„ wäre – besonders, was die Intensivbetten-Kapazität angeht! Heute wird darauf dringend hingewiesen, dass in Deutschland das Angebot an Intensivbetten nicht ausreicht und zusätzlich dass kaum qualifiziertes Gesundheitspersonal (!) vorhanden ist. Statt konkrete „Zielgruppen-gerechte Maßnahmen“ folgte eine hektische einer sich perpetuierenden Aneinanderreihung von Lock-downs – unter Inkaufnahme der sozialen und ökonomischen Folgen.
    Auch die Nachverfolgung der Infektionswege kann offensichtlich nicht stattfinden. Im Alltag kann man den Weg eines verschickten Paketes im Internet verfolgen (Tracking & Tracing). Die notwendige digitale Infrastruktur hat man dafür nicht frühzeitig eingerichtet. Die Identifizierung und Isolierung der lokalen Infektionsherde wäre eine zielführende Strategie gewesen. Bereits im Oktober des letzten Jahres appel-lierte u.a. die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina an die Politik: „Wenn die Gesund-heitsämter überlastet sind, gerät die Pandemie außer Kontrolle.“ (www.dfg.de – 27.10.2020)

    Die besonderen Gefährdungsbereiche konnten nicht zuverlässig identifiziert werden. Die Folge sind pau-schale Lockdowns, die die Hygiene-Investitionen viele Betriebe (Einzelhandel, Hotel- und Gaststätten-gewerbe) entwerteten.

    In einer solchen Situation fällt es nicht leicht, eine differenzierte Stellungnahme zu einem Thema wie der Impfung zu verfassen, das nur einer differenzierten Betrachtung zugänglich ist. Es gibt jedoch hierzu einen gewichtigen Grund, denn es droht wiederum die Reduktion der Corona-Pandemie auf einen klei-nen Ausschnitt des Themas. Man will die Pandemie als einfach ein biologisches Ereignis sehen, dem man mit täglichen Zahlenwerten beizukommen glaubt. Das ist eine ungemeine Missachtung der epide-miologischen (und historischen) Grundeinsicht darstellt, dass jegliche Epidemie ein sozial und politisches Ereignis (mit biologischem Auslöser) ist.

    Man kann hier von einer einfachen, aber weitreichenden Begriffsklärung ausausgehen, die auf eine nicht unerhebliche Fehlsteuerung verweist: Die Impfung (umfassend Entwicklung, Prüfung und Applika-tion eines oder mehrerer Impfstoffe) ist klar von der Impfkampagne zu trennen, die die gesamte Um-setzung im Alltag der medizinisch/pflegerischen Versorgung und des gesellschaftlichen Umfeldes be-trifft. Dazu gehört auch, wie die Kampagne organisatorische bis hin zur Ebene der Kommunen organisa-torisch geplant werden muss – ohne auf starre Behördenvorschriften zu achten, wie z.B. keine Dienst-pflicht am Wochenende oder den üblichen Kompetenzwirwarr und Streit über Zuständigkeiten etc.

    Ebenso wenig wie eine Epidemie aus der Perspektive von Gen-Sonde und Computermodellen zu verste-hen ist, ist es bei der Etablierung und Bewältigung einer derartig umfangreichen Impfkampagne – einer der gewaltigsten Unternehmungen, der sich eine Gesellschaft stellen kann – nicht ausreichend, einen Impfstoff zur Verfügung zu haben. Man muss die vielfältigen, konfliktreichen, grundrechtsbezogenen und ethischen Konflikte in der Organisation, Vermittlung, Erfolgskontrolle, überhaupt in der Zieldefiniti-on einer solchen Kampagne zum Gegenstand der Überlegungen machen. In dieser Hinsicht ist nichts geschehen- außer die Einrichtung einer endlosen telefonische Schleife bei den Gesundheitsämtern!! Das kann man wahrlich nicht als eine „Impfstrategie“ verkaufen.

    Dr. Badrudin Amershi
    Henrik Peitsch
    Osnabrück/Hagen a.T.W.
    23.01.2021
    http://www.nachhaltiggutleben.net

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