vonbranden-buzz 02.08.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Seitdem ich in der summenden Stadt Brandenburg lebe, habe ich das Gefühl, in einem Wespennest gelandet zu sein. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens herrscht eine seltsame Anspannung in der Stadt; überall stehen Fettnäpfe bereit, die ich als unbedarfte Zugezogene gern und leichtfüßig durchwate.
Da ist zum einen das Brandenburger Theater (bt), das zwar mehrere Bühnen aufweist, aber keinen eigenen Theaterbetrieb, geschweige denn ein eigenes Ensemble hat. Auf meine Frage, ob es denn nicht irre kostenintensiv ist, ein solches Haus mit mehreren Abteilungen zu betreiben und ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohne, wurde ich mit beredtem Schweigen bestraft. Also musste ich recherchieren und fand heraus, dass das hiesige Sprechtheater im Zuge von „Rationalisierungen“ nach der Wende mehr oder weniger „abgewickelt“ wurde. Aus dem Mehrspartenbetrieb wurde eine Art Konzerthaus mit Gastspielbetrieb. Dafür gibt es die Brandenburger Symphoniker, die aber als Orchester fungieren und nicht als Theaterensemble. Die Stücke, die gezeigt werden, kommen in der Regel von den Partnerbühnen Senftenberg, Potsdam und Frankfurt/Oder, die gemeinsam einen „Theaterverbund“ bilden und von den Brandenburgern gerne boykottiert werden. Wenn sich die Bürger dieser Stadt für irgendwas im Theater begeistern wollen, dann eher für „ihre“ Symphoniker oder etwas anderes Eigenes. Und das ist dann entweder die „Bürgerbühne“ (bestehend aus begabten Laien) oder das Jugendtheater (dito) des bt. Für solche Vorstellungen bekommt man kaum noch Karten, dafür herrscht bei den Gastspielen dann wieder gähnende Leere.

Das Brandenburger Theater bt

Und dann gibt es noch den Packhof im Herzen der Stadt. Auch hier herrscht beredtes Schweigen, was die sprichwörtlich miese Laune angeht. Und auch hier zeigen ein paar Klicks im Internet, dass die großen Kämpfe bereits stattgefunden haben. Und zwar im Jahr 2017, als die amtierende Oberbürgermeisterin Tiemann von der CDU ohne Absprache mit den Fraktionen im Stadtparlament einem Investor das Versprechen gab, eine 120-Betten-Burg inklusive Parkplätze auf dem direkt an der Havel gelegenen innerstädtischen Filetstück errichten zu dürfen. Die eigene Partei wurde im Vorfeld der Verhandlung auch nicht informiert, aber, so die Lokalpresse, „schnell auf Linie gebracht“.

Schön gelegen: der Packhof links im Bild

Der Aufschrei war gewaltig und endete mit einer Klatsche für die damals bereits in Richtung Bundestag abziehende Ex-OB. In einer Volksbefragung von August bis Oktober 2017 lehnte die Mehrheit der Brandenburger das „Monsterhotel“ ab. Seitdem herrscht eine Art selbst verordneter Waffenstillstand. Ein Stillhalteabkommen, das momentan von einem Ideenwettbewerb dominiert wird, der im Foyer der Stadtverwaltung mehrere Pappwände ziert. Mit ihm soll die demokratische Meinungsbildung zu Wort kommen. Und tatsächlich haben sich 47 Ideengeber aus der ganzen Stadt gefunden, die mehr oder weniger wortreich ihre Visionen von der Neugestaltung des Packhofareals präsentieren.
Im November soll es weiter gehen. Hierzu wird ein Gremium aus Stadtverordneten, Verwaltungsfachleuten, externen Fachleuten und Bürgern gebildet, die ab November in einem „Werkstattverfahren“ die Spreu vom Weizen trennen sollen. Und dann?
Keine Ahnung. Allerdings ist mir zweierlei klar geworden: Es wird sicher nicht langweilig hier in Brandenburg. Und: Die Brandenburger Bürger lassen sich nicht mehr so leicht hinter die Fichte führen.

Kohl sei Dank!

 

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